Kultur : Auch Lämmer wollen leben

Gruß aus Patagonien: Eduardo Mignognas schöner, stiller Film „Der Wind“

Christina Tilmann

Der Wind streicht ums Haus, durchs dürre Gras, ein alter Mann steht mit Koffer am Straßenrand, Musik setzt ein. Beginn des Films. Der Wind streicht ums Haus, eine junge Frau kommt die Straße entlang, ein Bund Veilchen in der Hand. Ende des Films. „Es ist der Wind, den ich vor allem vermisst habe“, sagt Alina (Antonella Costa) irgendwann. Da hat es schon eine Annäherung zwischen Großvater und Enkelin gegeben, eine erste Öffnung, eine Einladung zur Rückkehr.

Der argentinische Regisseur Eduardo Mignogna hat in seinem Film „Der Wind“ 2005 die Geschichte einer Entfremdung erzählt. Und die einer großen Reise: von Piedra Clavada in Patagonien bis Buenos Aires und wieder zurück. Schon die Reisevorbereitungen zu Beginn, wunderbar lakonisch: Ein Mann steht am Fenster, ein Sarg wird geschlossen und in die Erde gesenkt, ein Koffer wird gepackt, ein Revolver dazugelegt. Dann die Tür verschlossen, der Hund beim Nachbarn abgegeben, und schon steht Frank (großartig verschlossen: Federico Luppi) am Straßenrand. Es ist noch kein Wort gefallen, doch der Film hat seinen Rhythmus gefunden.

Es ist die Lakonie des Bauern, die Frank durch den Film trägt. Auch später, als er mühsam den Weg zu seiner Enkelin sucht, mit wenigen, umständlich hervorgebrachten Worten und stillen, hilfreichen Taten, der Stecker für den Computer wird repariert und der Abfluss in der Küche. Zwei Welten, die hier aufeinanderprallen, wenn Frank in den verkehrsreichen Straßen von Buenos Aires steht und kaum die Straßenüberquerung schafft. Und wenn er beim Abendessen erklärt, wie man Lämmer zur Welt bringt, auf die „französische Art“, die ein französischer Henker erfunden hat, der irgendwann nicht mehr hinrichten wollte, sondern im Gegenteil Leben hervorholen. Kein Wunder, dass sie ihn lieben, die coolen Großstadtmenschen aus Buenos Aires: diesen Großvater aus einer anderen, langsameren Welt.

Was genau das Problem mit der Familie ist, mit der verstorbenen Mutter, was Alina Frank eigentlich übel nimmt, das erfährt man erst spät und auch dann nicht so richtig. Ist vielleicht auch nicht so wichtig. Irgendwann ist der Faden gerissen, zwischen Patagonien und Buenos Aires, und wie mühsam es ist, ihn wieder anzuknüpfen, davon erzählt dieser spröde, schöne Film, der es sich nicht leicht macht und seinen schweigsamen Protagonisten auch nicht. „Ich hätte dich gern um Rat gefragt, ob wir die Lämmer verkaufen sollen“, begrüßt Frank Alina, als sie endlich nach Hause kommt. Andere hätten gesagt: Willkommen.

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