Kultur : Auch so können Träume aussehen: Beim Max-Ophüls-Nachwuchsfestival

SILVIA HALLENSLEBEN

in Saarbrücken zeigt sich der deutsche Film realistisch und ohne Sozialromantik Liebestriangel und HärtetestVON SILVIA HALLENSLEBENSaarbrücken ist Leistungsschau, Marktplatz.Wie Zuchtvieh werden hier Jahr für Jahr die Hoffnungsträger vorgeführt, beklatscht, beurteilt - und eventuell verkauft.In der Fülle des Aktuellen hilft der Rückblick zur Klärung von Perspektiven.Etwa dieser: Am Ende eines Films, den der jetzige deutsche Filmmogul und damalige Student Bernd Eichinger 1972 drehte, rutscht der sterbende Held, durch eine Kugel verletzt, an einer Wand zu Boden.Mit stoischer Miene, in Hut und Trenchcoat, zündet er sich noch während des Absturzes eine letzte Zigarette an.Auf dem 19.Max-Ophüls-Preis, dem Saarbrückener Filmfestival, das dem deutschsprachigen Nachwuchsfilm gewidmet ist, wurde Eichingers "Canossa" gezeigt, als Teil eines Programms, das der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) gewidmet war, an der Eichinger studierte.Die Hochschule wird dieses Jahr dreißig. Die existentialistische Machogeste von Eichingers Werk erntet heute im Publikum nur noch keckes Gelächter: Skurriles Zeugnis einer selbst im Untergang noch romantischen Zeit.Pathos ist out.Doch das Aufmucken der kleinen Leute, ihre Versuche, sich, wenn auch illegal, ein wenig Glück, mindestens Respekt zu verschaffen, sind wieder Thema. Von Edward Bergers "Gomez", der einen sechzehnjährigen Berliner aus einer kaputten Kreuzberger Familie in die Kleinkriminalität geraten läßt, über Hans-Erich Viets sozialrebellisches Roadmovie "Stern Pardisa" bis zu Stefan Ruzowitzkys "Siebtelbauern": Außenseiter, Deklassierte haben wieder Konjunktur.Der Blick allerdings ist eher nüchtern, manchmal sozialarbeiterisch, nie romantisierend.Das ist ja gut so.Doch scheint so die Bildästhetik in ihrem Ausdruck gehemmt.Neunzehn Langspielfilme und einundzwanzig Kurzfilme waren dieses Jahr für den Max-Ophüls-Preis nominiert.Große Gefühle sind in ihnen selten.Auffällig, daß Filme, die überhaupt noch Leidenschaft thematisieren, fast durchgängig in fremden Welten angesiedelt sind: Sei es die Mitte des 18.Jahrhunderts spielende "authentische" Serienmörderinnen-Geschichte "Gesches Gift", von Walburg von Waldenfels eher konventionell inszeniert, sei es ein Ungarn, in dem ein letzter Zigeuner einen Learschen Kampf um seine untergehende Welt und die Liebe seiner Tochter austrägt ("Romano Kris" von Bence Gyöngyössy).Oder "Die Siebtelbauern" des Österreichers Stefan Ruzowitzky, ein "Heimatwestern", der vom Untergang eines Befreiungsversuchs erzählt: Knechte, die ein Testament zu Herren werden läßt und sie dem Haß der Dorfgemeinde aussetzt."Die Siebtelbauern" ist bildermächtiges großes Kino und hat in Saarbrücken den zweiten Preis, den des Ministerpräsidenten, erhalten.Sein Hauptdarsteller Simon Schwarz bekam den Preis des besten Nachwuchsdarstellers. Als "Heimatfilm" bezeichnet auch der Österreicher Florian Flicker seine "Suzie Washington".Im idyllischen Salzburger Oberland siedelt er die Geschichte der georgischen Lehrerin Nana an, die mit gefälschtem Visum nach Amerika reisen will und scheitert.Nana hat Glück im Unglück und gerät, wie Alice ins Wunderland, als Fremde ins bunte Touristenleben.Was ließe sich daraus machen! Doch mit seiner auf amouröse Verwicklung spekulierenden Dramaturgie und der allzu unauffälligen Kameraarbeit ist das Werk ein gutgemeinter Gebrauchsfilm fürs Fernsehen.Daß es anders geht zeigt "Lux!".Der hochkomplexe Film von Fred von der Kooj spinnt ein abstraktes, doch äußerst sinnliches Netz aus Farben, Figuren und Klängen.Zu verstehen gibt es hier wenig, zu schauen viel.Und ausgerechnet dieser vermeintlich abstrakteste aller Filme, erhellt, woran es den anderen mangelt: An Leidenschaft, an Sehnsucht, ja, nennen wir es Erleuchtung, die über das Wiedergeben von Bestehendem hinausgeht.Auch in den "Accessoirefilmen" ist ja nicht Sozialneid das Problem: Schöne Menschen in schönen Wohnungen, deren Alltagssorgen sich auf Parkplatzprobleme beschränken, und die über Kinderkriegen und Trennungen debattieren.Schlimm aber, daß auch die Träume hier ihre Grenze an der Ausstattung - der Wohnung und des Lebens - finden.Dazu gehören neben Designermöbeln auch Partner und Kind.Drei Wettbewerbsfilme waren es, die weiterführen und variieren, was in den letzten Jahren als Beziehungskomödie so viele Feinde gefunden hat.Sandra Nettelbecks "Mammamia" mit Christiane Paul, Senta Berger und Peter Lohmeyer erweitert das Genre um die Mutter-Tochter-Beziehung und von der Stimmungslage her ins Melodramatische, bleibt aber in Problemlage (Erwachsenwerden!) und Erzählweise (Dauertelefonate!) fest auf dem Boden des Altbewährten."Härtetest" von Janek Rieke versucht als moderne Screwball-Comedy aus dem Gap zwischen den Klassen und Milieus - hier Hamburger Ökoterroristin versus Ölreederssohn - amouröses und komisches Kapital zu schlagen.Das ist so klischeebelastet wie kalauernd.Dieser Film gewann den Publikumspreis."Tut mir leid wegen gestern" von Anna Justice läßt alles beim Liebestriangel zwischen Macho mit Herz (Oliver Korritke) und Softie mit Brieftasche, versucht dem Stoff aber durch eine grobkörnige Handkamera optisch aufzumotzen.Hübsch, aber nicht abendfüllend. Trends: Nächtliche Liebe auf Sprungtürmen, imbissende Polizistenpärchen - und Schwangerschaften.Es gibt auch Rettung.In zwei Richtungen weisen die Wege aus dem Beziehungsdreieck hinaus.Einen, den der konsequenten Radikalisierung, geht der Berliner Regisseur Oskar Roehler mit seinem schon in München ausgezeichnenten "Silvester Countdown".Auch hier die hektische Handkamera, auch hier das junge Pärchen im Beziehungsdauerclinch.Romeo und Julia aber, auf ihrem Taumel von einer Nummer zum nächsten Streit und zurück ins Bett oder woandershin ("Laß es uns nicht jetzt tun, dann haben wir etwas, worauf wir uns freuen können"), betreiben das Spiel um Alles und Nichts mit einer solchen Ausdauer und Intensität, daß sich irgendwann aus der Sinnlosigkeit Bedeutung entwindet.Auch die Kamera ist nicht nur modisches Accessoire, sie zieht und zerrt an den Protagonisten herum, bis aus zwei nervigen zappeligen Klischee-Teenagern reale Menschen am Rande des Abgrunds werden.Ihren Darstellerinnenpreis hat sich Maria Zielcke für ihreJulia redlich verdient.Einen anderen Weg wählt Peter Lichteberg in seinem Debütfilm: Auch "Zugvögel - einmal nach Inari" nimmt seine Helden ernst, geht aber freundlicher mit ihnen um.Joachim Krol spielt hier einen Getränkefahrer und Hobby-Fahrplanexperten, den eigentlich nur ein Kursbuchwettbewerb ins nordfinnische Inari lockt.Auf dem Weg dorthin kriegt er es aber sowohl mit der Polizei wie mit der Liebe zu tun.Lichteberg hat sich für seinen europäischen Railroadmovie ein paar Darsteller und auch sonst einiges bei dem Kollegen Aki Kaurismäki ausgeliehen.Das Ergebnis ist altmodisch wie die Eisenbahn, aber wunderschön.Lichteberg kann in ein paar Einstellungen das erzählen, wozu andere hundert Dialogzeilen und zwanzig Schnitte brauchen.Und richtige Träume gibt es auch: Den ersten Preis im Wettbewerb natürlich und die Rosenzucht.Daß dieser Film im Saarbrückener Preissegen leer ausgegangen ist, läßt sich nur schwer verstehen.Daß ausgerechnet "Mammamia", das solide Fernsehspiel, den Hauptpreis bekommen hat, noch weniger. Schließen wir also zynisch mit einem Zitat aus dem Kurzfilm und Preisträger "Fake!" von Sebastian Peterson."Einfach nur einkaufen! Man muß nur fest dran glauben..." Auch so können Träume aussehen.

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