Kultur : Auf deinem Planeten

Fulminanter Erstling: Manuela Stackes „Mondscheinkinder“ erzählt von Krankheit und Fantasie

Kerstin Decker

Dieser Film spielt im Sommer, und ist doch Adventskino schlechthin. Denn es ist ein Film über das Licht und die kosmische Nacht. Die Tage des kleinen Paul sind noch dunkler als unsere jetzt. Und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie je heller werden. Es gibt keinen Advent für Paul. Erst wenn die Sonne weg ist, geht seine Schwester mit dem Sechsjährigen raus, und die Mutter breitet auf dem verlassenen Spielplatz die Picknickdecke aus: Was willst du, Paul: Hamburger oder Cheeseburger? Nach Hause!, sagt Paul und stößt mit einer grenzenlosen Müdigkeit seine Schaufel in den Sand. Dabei ist er immer zu Hause, er ist nie woanders. Oder doch?

„Mondscheinkinder“. Manuela Stacke, Jahrgang 1970, hat dieses Anfängerwunderwerk von einem Film gemacht. Über Paul, für den immer später Nachmittag ist und der in einer abgedunkelten Wohnung lebt, weshalb die Kinder im Hof sagen, dass er ein Vampir ist. Wenn die Sonne kommt, muss er sterben, sagen sie. Nie von einem Sonnenstrahl berührt zu werden, ist die einzige Chance für den kleinen Jungen mit dem seltenen Hautkrebs. Lucas Calmus spielt diesen Paul mit einem liebenswerten Eigensinn und einer – darf man das so sagen? – unglaublichen Präzision des kindlichen Ausdrucks. Was für Pausen, und niemals in dieser doch so melodramatisch gefährdeten Geschichte der Eindruck des Rührseligen.

Ja, Paul kann sich verteidigen: Er kann die Mädchen unten in der Sonne mit seiner Raumfahrerpistole nass spritzen, und die funktioniert auch mit Farbe. Und einem Nachbarn, der sich ein Salatblatt aus dem Kühlschrank holt, bestellt er zehn Pizzen beim Pizzaservice. Jawohl, lesen kann er schon. Und gleich, das ist sein großer Stolz, wird auch er zur Schule kommen. In eine ganz normale Schule mit ganz normalen Kindern.

Nur Prinzen, muss die Schwester bald erklären, haben einen Lehrer ganz für sich allein, der sogar zu ihnen nach Hause kommt. Das Weltall ist auch nachtblau wie sein Zimmer. Vielleicht, sagt die Schwester, bist du von einem anderen Planeten auf die Erde gekommen. Deshalb kannst du nicht sein wie andere Kinder. Weil du ein verirrter Raumschiffkapitän bist. Das versteht Paul …

Dieser Film ist ein Geiselnehmer. Er wirft uns mit der Gewalt eines Raketenstarts in den Kinosessel zurück und raubt für 90 Minuten jedes Recht auf emotionale und sonstige Selbstbestimmung. Und wie unverfroren „Mondscheinkinder“ Tabus bricht, dicke Flokati-Klangteppiche unterlegt. Natürlich ist der Film doch melodramatischer als jedes Hollywood-Melodram, er macht nicht einmal vor der Einstellung „Liebespaar mit fallenden Sternschnuppen“ halt – und doch fängt Manuela Stacke jede Szene so ab, dass man ihr doppelt ausgeliefert ist. Das ist grandios. Nicht zuletzt dank Renate Krößner als Mutter und Leonie Krahl als Pauls Schwester. Denn natürlich ist auch Paul ein Geiselnehmer. Er wird die zarte erste Liebe seiner Schwester schon verhindern. Er hat dem Jungen deutlich gesagt, dass sie nicht gestört werden wollen und er nicht mehr anzurufen braucht. In Leonie Krahls Lächeln steht die ganze Überforderung, Weichheit und frühe Reife des Mädchens, das ihrem Bruder das nachtblaue Raumfahrer-All erfindet.

Nur ein Abschlussfilm an der Babelsberger Hochschule ist „Mondscheinkinder“. Und schon: ein Wunderwerk.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, FT Friedrichshain

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