Kultur : Auf dem Schlussstrich

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Von Thomas Lackmann

Die Szene sieht aus wie eine Gaunerklamotte. Der Jubelartikel im Schaukasten verkündet: „Auf dieses Theater hat Berlin 55 Jahre gewartet". Der Theaterleiter ist Mitte fünfzig, trägt Halbglatze, verteilt Rosen an Promis im Parkett. Seine charmetriefend radebrechende Begrüßung verzögert den Aufführungsbeginn um eine Stunde. Unentwegt verweist er auf die Spendenbox. 18 Produktionen in zwölf Monaten, pädagogisch wertvoll! Einmal seien 20 Musliminnen zu einer Theatersabbatfeier gekommen! Leider, klagt der Intendant, rufen ihn oft Eltern an, wegen der Sicherheit ihrer Kinder. „Wenn Sie Schutz brauchen, nehmen Sie sich eine Firma," bekomme er dann von Behörden zu hören. Immerhin beehren zwei Senatoren die „Geburtstagsgala" der „ersten Jüdischen Theaterbühne in Berlin seit fast 60 Jahren". Jüdische Kultur und Berlin, sagt Gregor Gysi, war mal „ein Begriff"; man sehe, „dass unsere Ansprüche diesbezüglich gesunken sind". Gysi streift auch die Tagespolitik: Scharon oder Friedman müsse niemand positiv finden, aber jeder habe „das Recht, unsympathisch zu sein". Dann entweicht der Senator, Genossin Knake-Werner muss bleiben. Auf der Bühne werden Schecks überreicht, Förderer geehrt, Almosen eingefordert. „Hier spielen kaum Juden, hier spielen Talente", bemerkt der Theaterleiter. Das Stück hat er selbst übersetzt und - oioioi - ein bissl Jiddisch im Text belassen. Er wacht, an der Tür stehend, wie ein cleverer Wanderprediger über das beklommene Publikum. Nach 80 harten Laienspiel-Minuten: die erste Pause. So anstrengend kann Philosemitismus sein.

Eiertänze für die Gedankenpolizei

Was ist Philo? Wer ist Anti? Die Frage mag nach ein paar Wochen vermeintlicher Gesinnungsrazzia keiner mehr hören. Ein klammheimlicher Ruf braust durchs Land: Schluss mit der Skandal-Hysterie! Ein Skandal aber – ist die mietgünstige Einquartierung der Schauspieltruppe „Bamah" in Wilmersdorfer Bezirksamts-Räumen nicht. Auch lässt das Off-Projekt sich kaum als Beweis dafür heranziehen, dass alle Juden mieses Theater machen und banausigen Gutmenschen Spenden aus der Tasche ziehen. Nicht mal als Beleg für den ungestillten Rachedurst am nichtjüdischen Zuschauer ist das Institut des Israelis Dan Lahav zu interpretieren. Doch als Beispiel dafür, wie man - mit genug künstlerisch-menschlicher Schamlosigkeit auf dem jüdischen Ticket fahrend - Zuwendung aus den Ressourcen des schlechten deutschen Gewissens ertrotzt, funktioniert der „Bamah"-Coup. Jene Medien, die auf Lahavs Märchen von „Berlins erstem Jüdischen Theater seit 60 Jahren" hereingefallen sind, interessierte nicht die Qualität, sondern der Rühr-Aspekt des Artenschutzes. Obwohl in Deutschland, wo doch selbst ein Premier Scharon attackiert werden darf, eigentlich auch die Kritik an einem so genannten jüdischen Theater erlaubt sein sollte.

Die Mehrheit der nichtjüdischen Deutschen aber fühlt sich außerstande, Kritik an Juden, an deren Produkten oder Aktionen, so zu formulieren, dass diese nicht missverstanden wird. Sie sieht sich selbst als potenzielles Opfer korrekter Gedankenpolizisten und sympathisiert, in diesem Punkt, mit dem zur Abbitte genötigten Großmaul Möllemann. Sie akzeptiert das Argument der Formaldemokraten, nichtrassistische Kritik an einem Scharon oder Friedman sei ja gestattet, nicht – aus persönlicher Schere-im-Kopf-Erfahrung. Ihr fehlen im Konflikt zwischen philosemitischem Code und grummelnder Privatempfindung die eigenen Worte. Darf man zum Beispiel „Juden" sagen - sind das keine Deutschen? Oder „jüdische Mitbürger"? Klingt distanziert. Oder „deutsche Juden"? Das grenzt Nichtdeutsche aus. „Jüdische Bürger"? Oder „Jüdinnen und Juden", wie sich Lea Rosh das traut? Möllemann hat jüngst bei seinem Buß-Salto „jüdische Menschen" gesagt, also die Grenze zum Tier erkannt. Hallo Fettnapf! Von solchen Eiertänzen ist die drucksende Mehrheit genervt. Sie will den ideologischen, das heißt historischen Kontexten der Vokabeln entkommen, sich nicht dauernd absichern müssen. Schließlich hat sie doch, der zweiten, dritten, vierten Nachkriegsgeneration entstammend, mit „all dem“ persönlich nichts zu tun.

Es wirkt seltsam zwanghaft, dass die FDP-Führer letzte Woche, gerade beim Kraftakt der Schadensbegrenzung, das zweideutige Schlussstrich-Wort nicht vermeiden mochten. Ein Schlussstrich im Sinne distanzierter Bearbeitung gelinge traumatisierten Nationen - siehe Dreißigjähriger Krieg oder Französische Revolution - frühestens nach 100 Jahren: sagen die Historiker. Zur Anwendung dieser Diagnose auf die Gegenwart genügt ein Zufallsfischzug durch den aktuellen Verlagsausstoß. Um „Ästhetische Positionen zwischen Adorno, Spielberg und Walser" geht es in „Auschwitz darstellen" (Böhlau), das sperrige Resümee des Autors Stefan Krankenhagen lautet: „Die Darstellung muss einen Ausdruck dafür finden, daß der Holocaust doch nicht kein Ende haben wird." Hanno Loewy versammelt in „Taxi nach „Auschwitz" (Philo) eigene literarische Feuilletons aus der Sicht der zweiten Opfergeneration. In „Opa war kein Nazi" (Fischer) analysieren drei Autoren die Überlieferung des Tätervolkes: Der Holocaust habe „keinen systematischen Platz im deutschen Familiengedächtnis", das die „primäre Quelle für das Geschichtsbewusstsein" sei. Vielmehr entspringe seine Erzählung externen Quellen: den Filmen, dem Unterricht, der Gedenkstättenarbeit. Das sei etwas anderes „als die selbstverständliche Gewissheit, die man als Mitglied einer Erinnerungsgemeinschaft über deren eigene Vergangenheit hat."

Als vor drei Jahren der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann eine riesige Holocaust-Bibliothek am Berliner Mahnmal-Stelenfeld bauen wollte, höhnten seine Kritiker, „eine Million Bücher" zu diesem Thema gebe es gar nicht (doch die Produktivkraft der Selbstreferenz hält an, auf Kritik am Shoah Business folgt bald die Kritik der Kritik – usw.). Nicht zuletzt aber manifestierte sich in Naumanns Idee das Wir-sind-die Guten-Image der Berliner Republik: Zum Objekt der Erinnerung wird die Erinnerung selbst; die Täter waren die anderen.

Die Generationen nachgeborener Täterkinder sind gespalten: zwischen dem formalen Verantwortungsauftrag und ihrem gegenläufigen Gefühl, persönlich nicht haftbar zu sein. Aber auch Nachkommen der Opfer entkommen den eigenen Spaltungen schwer. Als Deutsche fühlen sie sich angegriffen, wo sie mit Israel identifiziert werden; als Juden wollen, müssen sie sich mit Israel solidarisieren; als Überlebende können sie den nervenden Erinnerungs-Komplex nicht bagatellisieren. Solche internen Spannungen und der fortexistierende Riss zwischen beiden Gruppen quer durchs Volk stehen im Widerspruch zu dem historisierenden Optimismus, mit dem das rot-grüne Projekt die Kohl-Ära ablösen wollte. Soviel gegenwärtige Vergangenheit war nicht vorgesehen.

Vor fünf Jahren publizierte der Jüdische Verlag im Suhrkamp Verlag „Zwei Fälle zum Thema ,Bewältigung der Vergangenheit´". Die Therapeutin Anna Maria Jokl hatte Anfang der 60er Jahre in Berlin einen Mann behandelt, der in einem NS-Internat aufgewachsen war, und parallel einen anderen, der als Kind im Höhlenversteck unter einem polnischen Kuhstall überlebte. Beide Patienten empfanden sich in ihren Träumen als Opfer und Täter. Beide hatten das Nazi-Bild vom „Juden" als Selbst- und Fremdbild internalisiert. „Die Beziehung zwischen dem Mörder und dem Gemordeten ist eine der intensivsten und pflegt weiterzuschwelen, bis eine Lösung gefunden ist," schrieb Anna Maria Jokl. Doch lebt heute die dritte, vierte Nachkriegsgeneration in der Wunschvorstellung, dass mit dem Abtreten der Älteren jede biografisch aufgeladene Lösungssuche erledigt sei. Ihre eigene emotionale Verbindung zu dieser Historie war zuvor schon, mit dem familiären Verstummen der oral history, abgestorben. Durch solche Verdrängung wird das Krankheitsbild der „Zwei Fälle" freilich nicht geheilt. Es wird tradiert. Wo den Betroffenen ihr persönlicher Bezug unklar bleibt, muss ihnen der Vollzug schuldbewusster Rituale als Fremdbestimmung erscheinen.

Deutsche, wehrt euch! Etwa so?

Nun wird Ende Juni, wenn Walsers „Tod eines Kritikers“ erscheint, die Nation nach der jüngsten Anitsemitismus-Hysterie zur individuellen Abstimmung antreten: über den Nie-wieder-Antisemitismus-Grundwert und die Priorität der Marktwirtschaft. Die Möllemann-Walser-Inszenierung, an der Westerwelle samt Stellvertreter, der Dichter, sein Suhrkamp-Verlag und ein FAZ-Herausgeber beteiligt waren, hat ja vor allem gezeigt, wie mit Antisemitismus Marketing zu machen ist. „Damals die Kleider, die Schuhe, die Haare und die Goldzähne – jetzt Wahlstimmenfang und Bücherpromotion", kommentiert Wolf Biermann im „Spiegel" das Kalkül der Beteiligten. Es wäre für alle, denen die Sache wirklich wichtig ist, sehr leicht zu beweisen, dass so eine Strategie nicht aufgeht. Wer muss denn unbedingt ein Buch kaufen, von dem alle Kritiker sagen, es sei schlecht, und über das die Kritiker-Mehrheit befindet, es spiele mit judenfeindlichen Ressentiments (was durchaus an den langen unlektorierten Zitaten in der „Welt" und an den kurzen im Tagesspiegel zu erkennen war)? Wer das Buch lesen muss, als Wissenschaftler, könnte es sich aus dem Internet raubkopieren. Wer die juristische Keule des Verlages fürchtet (1200 € kostet die Abmahnung, 100000€ die Link-Veröffentlichung), könnte sich ein Exemplar besorgen und 148 Seiten lang im Copy-Shop meditieren.

Also: Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Walser! Etwa so? – Ja. Nur darf man das nicht laut schreiben (wegen ähnlich klingender Aufrufe, Anno ` 38). Hallo Kontext! Ach, der arme Martin Walser: Soll er doch in Frieden am Bodensee seine Honorare verzehren.

Sein Buch aber wird sich verkaufen. Wetten, dass es der philosemitisch grundierte Bürger, auf Grund freiheitlicher Zensurallergie und untergründiger Befindlichkeit, gar nicht aushält, sowas nicht zu kaufen?

Eine Polit-Farce, eine Kulturbetriebs-Soap, ein Psychodrama. So sehen wir aus.

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