Kultur : Auf den Punkt gebracht

Olivier Heinry belebt bei Eva Poll den Pointillismus

Daniel Völzke

Meister Proper, Klaus Wowereit, Joseph Beuys, Schneewittchen: Sie alle schauen etwas konsterniert angesichts ihres Verfalls. Die Porträts sind angefressen und durchknabbert, zerbröselt zu Konfetti, das auf dem Boden liegt. Der französische Künstler Olivier Heinry perforiert schwarzes Papier mit einem Locher und schneidet große Stücke heraus, so dass das Blatt oftmals allein vom bedeckenden Glas zusammengehalten wird. Es sieht so aus, als hätte sich der Bildträger hinter dem Bild aufgelöst. Tatsächlich aber sind Bild und Bildträger eins. Erst durch das Zerlöchern entstehen die unscharf konturierten Porträts, die sich von der weißen Wand abheben.

Bei dem 1965 geborene Heinry, der in der Galerie Eva Poll erstmals seine Werke in Deutschland präsentiert (900 – 3900 Euro), verwischt die Grenze zwischen Bild und Plastik. Die Pointe dieser Arbeiten besteht darin, dass das Konfetti, das dabei anfällt, mit Gips zu Plastiken geformt wird. Vor Beuys hingestreckt liegt sein Hase, am kraftstrotzenden Meister-Proper-Porträt lehnt ein Besen, vor dem Disney-Schneewittchen stehen anbetend die sieben Zwerge. Diese dreidimensionalen Attribute wirken wie aus dem Bild gefallen, teilen sie sich doch dasselbe Material. Besonders sinnreich wird die Beziehung zwischen Bild und Plastik in der Arbeit „Die Zeit“: Aus dem Papier ist ein Dreieck herausgelöchert, am Boden steht ein konfettibedeckter Kegel, als könnte er das Dreieck ersetzen. Von Ferne betrachtet, erinnert „Die Zeit“ an eine Sanduhr, vielleicht auch an ein eckiges Ying und Yang. Das Wort „Zerrinnen“ kommt einem in den Sinn, man denkt an Vergehen und Werden.

Auch die Bilder, die Olivier Heinry neben seinen Bildplastiken zeigt, zerfallen zu Punkten: Im Stil des Pointillismus sollen sich die runden Farbplättchen auf Holz und die aufgetropften oder gesprühten Kreise auf Leinwand erst aus einiger Entfernung, nur mit zusammengekniffenen Augen zu einem Motiv fügen. Doch leider gelingt dieses neoimpressionistische Ratespiel nicht recht: Es fällt schwer, in den zumeist monochromen Bildern die vom Titel versprochenen Straßen, Torsos oder Porträts zu erkennen. Die Zerlegung des Bildes, die Heinry mit seinen Bildplastiken so originell gelingt, entgleitet dem Künstler hier ins Vage.

Galerie Eva Poll, Lützowplatz 7, bis 1. April; Montag 10 – 13 Uhr, Dienstag bis Freitag 11 – 18.30 Uhr, Sonnabend 11 – 15 Uhr.

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