Kultur : Auf der Frauenempore

KERSTIN DECKER

Berliner Diskussion über die jüdische "Einheitsgemeinde"VON KERSTIN DECKERTagungsraum des Berliner Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße.Wir befinden uns auf der vormaligen Frauenempore der Synagoge, sagt Hermann Simon und nickt den Diskutanten ermunternd zu.Sechs Männer lächeln standhaft zurück, sogar versuchsweise ins Publikum.Sie sprechen über die Zukunft der jüdischen Einheitsgemeinde in Deutschland.Was ist überhaupt eine Einheitsgemeinde? Ob jemand dazu was sagen wolle? Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaften, will sofort, hält sich dann aber zurück.In der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde habe mal jemand gesagt, die Einheitsgemeinde sei orthodox, gibt Julius Schoeps, Professor in Potsdam, zu bedenken, genau darin sehe er das Problem.Die Berliner Gemeinde war doch nie orthodox! Jerzy Kanal, Ex-Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin, winkt energisch ab.Und mit der ihm eigenen Bestimmtheit stellt Micha Brumlik nun fest, daß die Einheitsgemeinde offenbar tot sei.Das wirkt noch besser, als wenn er es gleich gesagt hätte.Brumlik läßt das Statement verhallen und setzt pointiert hinzu: Es kommt darauf an, sie neu zu erfinden.Die anderen verstehen nicht, woran die Einheitsgemeinde gestorben sein soll.An der zweiten Gemeinde, Adass Jisroel, in Berlin und an einer autonomen Synagogengemeinde mit eigener Friedhofsordnung in München, beharrt Brumlik.Das sei Spaltung.Vor soviel Radikalität flüchtet das Podium in die analytische Was-ist-Frage.Zum ersten Mal meldet sich Ignatz Bubis: Wenn es keine Einheitsgemeinde mehr gebe, gäbe es keine politische Vertretung der Juden in der Bundesrepublik.Das sehen sofort alle ein, trotzdem widerspricht Andreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin.Diese Verkürzung von Gemeinde zu einem politischen Begriff könne er unmöglich teilen.Einheitsgemeinde bedeute, daß verschiedene Kulte - orthodoxes, liberales, reformiertes Judentum - unter einem Dache leben.Das, was in Berlin so gut funktioniere.Friedhofsordungen seien da nicht so wichtig, auf Friedhöfen gebe es kein jüdisches Leben."Ich will doch mal deutlich machen, daß wir nicht von einem statischen, sondern von einem dynamischen Begriff ausgehen müssen", beginnt Michel Friedmann aus Frankfurt (Main), Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland.Von wissenschaftlichen Konferenzen weiß man, daß Sätze, die so anfangen, einen Drang zur Unendlichkeit haben.Der Provokant Brumlik faßt sich kürzer: Natürlich sei die politische die einzige Bedeutung, das ergebe sich aus dem deutschen Staatskirchenrecht.Friedmann vermittelt: Die Einheitsgemeinde sei ein Haus, in der jeder sein Zimmer einrichte, ein religiöses, ein kulturelles, und sie, die Repräsentanten - in ihrer ausschließalich politischen Funktion! - seien für die Kommunikation auf den Fluren zuständig.Das will Nachama wiederum deutlicher formulieren: die Berliner Einheitsgemeinde sei ein Stück gelebte Toleranz.Gemeinden in Westdeutschland nennen sich seiner Ansicht nach oft nur so, sind es aber noch nicht.So finde mancherorts nur der orthodoxe Gottesdienst statt, Reformjuden fühlen sich dort nicht vertreten.Andererseits halten die Orthodoxen etwa eine Rabbinerin für einen schlechten Scherz."In Berlin ist alles so tolerant und so schön", sagt mit seinem gütigen Imperatorengesicht Julius Schoeps.In der Anerkennung des Berliner "Modells" ist man, ungeteilt, einer Meinung.Orthodoxe und Reformer.Alles Maßgebliche war am Anfang, sagen die einen; 3000 Jahre sind seit damals vergangen, sagen die anderen.Aber eine dreitausendjährige Orthodoxie gebe es gar nicht, stellt Nachama klar, auch die habe sich ständig reformiert.Überhaupt ständen hinter beiden Fraktionen oft politische Differenzen, keine religiösen, ergänzt Brumlik.Kanal will die Gemeinde und das Jude-Sein dennoch als religiöse Sache verstanden wissen, worauf Brumlik erwidert, das habe man früher gedacht - um mit dem Holocaust zu erfahren, daß noch andere Bestimmungen zählen.Volk etwa.Schicksalsgemeinschaft.Über zugewanderte Russen und ostdeutsche Gemeinden fällt lange kein Wort.Bis zur deutschen Einheit lebten in der Bundesrepublik 30 000 Juden und etwa 400 in der DDR.Inzwischen sind 60 000 Einwanderer aus der früheren UdSSR hinzugekommen.Nein, integriert seien sie noch nicht, zudem vielfach der jüdischen Tradition entfremdet.Anders als in den zwanziger Jahren, als Juden aus Osteuropa neues religiöses Leben mitbrachten.Und dann geschieht auf diesem Podium jüdischer Repräsentanten und Prominenten etwas Seltsames.Doch, durch Einwanderer gebe es jetzt wieder jüdisches Leben in Deutschland, sagt erst einer, andere bestätigen: was nach 1945 niemand mehr geglaubt hätte! Das sei nicht orthodox oder liberal, vielleicht orthoral oder heterodox oder nichts von beiden, aber doch endlich wieder richtiges Leben.Natürlich Einheitsgemeinde, was sonst! - Später im Fahrstuhl.Nur Frauen: "War das nicht komisch, wie sie da vorn saßen? Nur Männer!" Alle lachen.Wer weiß, was da einst geflüstert wurde auf der Frauenempore.

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