Kultur : Auf der Seidenstraße - die Komponistin zu Gast in Berlin

Martin Wilkening

"Seidenstraße" - so nennt die aserbeidschanische Komponistin Frangis Ali-Sade einen ihrer letzten Werkzyklen. Als Metapher des Austausches zwischen Ost und West trifft dieser Titel ihre eigene Position zwischen zwei Kulturen offenbar sehr genau. Denn in den siebziger und achtziger Jahren, als Ali-Sade noch im aserbaidschanischen Baku lebte und arbeitete, galt die Pianistin als wichtige Vermittlerin der neueren westlichen (Klavier-)Musik. Mit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde Frangis Ali-Sades eigene Musik dann mehr und mehr auch im Westen bekannt, vor allem durch den Einsatz so prominenter Interpreten wie des Kronos-Quartetts, das auf seiner CD "Night Prayers" zum ersten Mal Musik von Frangis Ali-Sade produziert hat und in diesem Jahr gleich zwei bislang noch unvollendete Werke von ihr einspielen wird - ein Klavierquintett und ein Stück für Streichquartett und Pipa.

Seit dieser Zeit gilt Ali-Sade als Botschafterin östlicher Spiritualität - wie Sofia Gubaidulina aus Russland, der Este Arvo Pärt oder Georgier Gija Kantscheli, der vor ein paar Jahren in dem gleichen Berliner Mietshaus wohnte, in dem Frangis Ali-Sade zur Zeit als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD ihr Zuhause gefunden hat.

1992 hatte sie Baku für einige Jahre verlassen und in der Türkei gelebt, war zurückgekehrt und zuletzt, bevor sie letzten Sommer nach Berlin kam, ein Jahr als Composer in Residence in Luzern verbracht.

"Musik braucht Emotionalität", darauf besteht Frangis Al-Sade in ganz ungebrochener Weise, und aus dieser Überzeugung heraus strömt das Dauer-Espressivo, das ihre Musik nicht nur in den kräftig zupackenden Momenten, sondern auch in den wie in weiter Ferne verschwebenden zarten Klängen kennzeichnet. Die idealistische Tradition russischer Ausdrucksmusik ist dabei stets spürbar, vor allem aber der Klangstrom der aserbeidschanisch-türkisch-arabischen maqam-Musik mit ihrem rezitatorischen Gestus in Melodiegestalten von ständig sich wandelnder Ornamentik.

Im sehr gut besuchten kleinen Sendesaal des SFB, wo das "Ultraschall"-Festival die Komponistin vorstellte, zeigte sich das Publikum spürbar fasziniert und schließlich begeistert von einem Konzert, das nicht als Nummernfolge ablief, sondern Instrumental- und Vokalstücke ohne Zäsuren für Applaus durch kleine Klavier-Zwischenspiele verband, die von verschiedenen Mitwirkenden reihum ausgeführt wurden: Erinnerungssignale im surreal verfremdeten Kinderstubenformat, die der Programmfolge einen großen Spannungsbogen verliehen und sie in eigener Weise komponiert erscheinen ließen.

Der Klavierklang war durch Präparieren der Saiten verfremdet, und diese auratische Klangwelt, die mal wie ein Gong-Spiel, mal wie eine indische Sitar klang, bestimmte den besonderen poetischen Reiz dieses Abends. Ein gelungener Balanceakt, der die Nähe des Exotischen zum Eigenen fühlbar machte, ohne sich anzubiedern.

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