Kultur : Auf der Suche nach dem verlorenen Glück

ALFRED SCHLIENGER

Urs Widmer, heute prominentester Erzähler und Dramatiker der Schweiz, ist mit seinem neuen Stück "TopDogs" zu Gast beim Berliner Theatertreffen.Eine Begegnung mit dem AutorVON ALFRED SCHLIENGERWas hat denn Martina Hingis mit Urs Widmer zu tun? Sie sind, glaubt man dem kürzlichen Ranking einer großen Schweizer Wochenzeitung, die aktuellen Nummern 1 und 2 der Schweiz.Das zielt natürlich auf die bei beiden vergleichbar steile Erfolgskurve im letzten Jahr, und da konnte Urs Widmer in der Tat so etwas wie einen literarischen Grand Slam für sich verbuchen: Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung; Großerfolg mit "Top Dogs" am Neumarkt-Theater, wo sich die sonst sittsamen Zürcher an der Kasse in wüsten Szenen um Karten balgten; daraufhin die Einladung zum Berliner Theatertreffen; Verleihung des großen Kunstpreises der Stadt Zürich; und zu guter Letzt tummelte sich sein neuester Roman "Kongo" wochenlang auf den Bestsellerlisten.Der Autor in aller Munde. Beim zweiten Blick, und der ist bei Urs Widmers literarischer Doppelbödigkeit zwingend, läßt sich die unverhoffte Nachbarschaft von Teenie-Tenniswunder und Dichter im Glück durchaus weitertreiben.Widmer ist zuallererst auch Spieler, mit Leib und Seele.Er hat keinerlei Hemmungen zu unterhalten.Und wer jongliert mit den literarischen Filzkugeln, mit Motiven, Stilen, Trivialmythen virtuoser, variantenreicher, eleganter? Kein Krafttennis, kein martialisches Aufschlagsgebolze.Widmers Spezialität sind die ins Phantastische verzogenen Bälle: Wie beiläufig schnappt er sie aus seinem, unserem ziemlich kommunen Umfeld und verleiht ihnen einen im Ansatz nie erkennbaren Drall in die vierte Dimension. Urs Widmer zu lesen, ist das vergnüglichste Fitneßprogramm gegen die Erschlaffung unserer Utopielust.Vorbildlich ist schon seine Beinarbeit.Er und seine Figuren: immer in Bewegung.Ob zu Fuß, mit alpiner Kletterausrüstung, auf halsbrecherischen Paßfahrten mit dem Fahrrad und seinem hinterherjapsenden Verleger Daniel Keel (von Diogenes), als Großwildjäger oder mit dem Heißluftballon.Immer sind seine Helden auf bizarren Abenteuer-, Entdeêkungs- oder Zeitreisen.Unvorstellbar, daß Widmer das alles sitzend geschrieben hat! ("Die Forschungsreise", 1974, "Schweizer Geschichten", 1975, "Die gelben Männer", 1976, "Das enge Land", 1981, "Das Paradies des Vergessens", 1990). Urs Widmer gehört auch zu den eher seltenen Spielern, die am liebsten beidhändig zuschlagen: mit der Prosa-Vorhand (rund 20 Romane und Erzählungen) und einer vielleicht aggressiver wirkenden linken Theater-Rückhand ("Nepal", 1977, "Frölicher", 1991, "Jeanmaire", 1992; insgesamt zehn Stücke, die er manchmal auch selbst inszenierte).Hinzu kommen mehr als zwei Dutzend Hörspiele sowie ein besonders versponnenes Händchen für hintersinnige Kolumnen und witzig-kluge Essays (der schönste über Robert Walser). Wie eine Entdeckungsreise in einen fremden Kontinent sei ihm auch seine Arbeit für das Theaterprojekt "TopDogs" vorgekommen, sagt Urs Widmer im Gespräch."Ich war schon immer ein politischer Mensch und gehöre zu denen, die auch den Wirtschaftsteil der Zeitung lesen, denn die wichtigen Entscheidungen werden ja in der Wirtschaft gefällt." Vor einem Jahr habe, zumindest in der Schweiz, noch kaum jemand von diesen entlassenen Spitzenmanagern, den Top Dogs eben, gesprochen."Der Stoff hat mich sofort elektrisiert.Das sind natürlich Königsdramen - der Sturz eines Großen.Eben noch Täter, jetzt selber Opfer." Autor Widmer und Regisseur Volker Hesse führten mit rund zwanzig Betroffenen intensive Gespräche, besuchten Chefetagen und Outplacement-Firmen, wo die geschaßten Top Dogs wieder aufgepäppelt werden, ebenso Fortbildungsveranstaltungen von Betrieben, die gerade "restrukturiert" wurden.Das Erschreckendste? "Einerseits das radikal verarmte Gefühlsleben der Top Dogs - anders könnte man nicht funktionieren, und funktionieren muß man.Andrerseits ihr verengter Blick: Offenkundig systembedingete Grausamkeiten werden als korrigierbare Fehler eines einzelnen Chefs gesehen; totalitäre Tendenzen in der freien Marktwirschaft werden zwar beschrieben, aber nie als solche benannt.Großkonzerne wollen die Welt beherrschen, und zwar unter Verzicht auf demokratische Spielregeln.Der Staat hat seine positive Macht dagegen verloren und wird nur noch als Reparaturwerkstätte benutzt, er darf für die Arbeitslosen sorgen.Dieses Börsenroulette-Casino ist ein extrem bedrohendes System für uns alle." Kiloweise habe er aus solchen Begegnungen heraus Versuchsballone produziert, natürlich nicht 1 : 1, sondern überhöht und verdichtet.Mit dem Ensemble habe er es ausprobiert, verändert, vieles wieder weggeschmissen. "Das war eine tolle, intensive Zeit.Ich möchte im Theater nie mehr etwas anderes machen als solche Projekte.Volker Hesse ist ein vitaler analytischer Denker mit einer riesigen Bildphantasie.Der ständige Austausch mit ihm und dem Ensemble war ein reines Vergnügen." Sehr früh sei zum Beispiel die Entscheidung gefallen, auf jegliches Requisit zu verzichten, außer auf die den Bühnenraum immer neu strukturierenden und auch die Zuschauer in Manövriermasse verwandelnden fahrbaren Tribünen. "Eigentlich sind das zwei Urs Widmer, die in mir schreiben.Als Prosa-Widmer genieße ich es, daß ich allein der Erfinder bin, da redet mir niemand drein.Die Prosa eignet sich bei mir mehr für Trauer, Erinnerung, Nachdenklichkeit - und Komik.Als Theater-Widmer bin ich vom ersten Moment an mit anderen Leuten zusammen.Dieses Dialogische liebe ich ebenso, da bin ich ganz gern eine Rampensau, suche die Reaktion.Wohl deshalb ist der Theater-Widmer politischer, aggressiver." Aber gerade im Theater können die Figuren nur gelingen, wenn man sie mit Liebe und Respekt behandelt.Er sei zwar nicht mit dem Betroffenheitsblick, sondern eher wie ein Ethnologe an diese Arbeit herangegangen.Aber plötzlich habe er auf diesem fremden Kontinent der Topmanager auch Verwandtschaften entdeckt, zum Beispiel den Workaholic-Rausch, dieses erschöpfte Glücksgefühl beim Schuften. Es wird viel gelacht in "TopDogs", obwohl er keine einzige Szene auf die Pointe hin geschrieben habe.Andrerseits seien auch schon mal 50jährige Männer schluchzend aus der Vorstellung gelaufen."Das ist doch auch ein Stück Aufklärung, und das gefällt mir." Urs Widmer, letzter bekennender Achtundsechziger? Er verspürt tatsächlich keinerlei modisches Bedürfnis, sich von dieser für ihn sehr prägenden Zeit abzugrenzen.Nach insgesamt drei Auslandsjahren in Frankreich kommt der gebürtige Basler und promovierte Germanist 1967 als 29jähriger nach Frankfurt, wird Lektor bei Suhrkamp, verläßt den Verlag nach zwei Jahren unter Protest und gründet gemeinsam mit andern den basisdemokratischen Verlag der Autoren.Widmer wird selber freier Autor, veröffentlicht 1968 auch seinen Erstling "Alois" und bleibt 17 Jahre in Frankfurt.1984 kehrt er in die Schweiz mit Frau und Kind zurück, er wohnt in Zürich nicht unweit von Kunsthalle, Schauspielhaus und Neumarkt.Widmer freilich sucht immer auch Distanz.Und liebt dann das Vertraute im Fremden.Und umgekehrt, so klärt sich wohl auch seine Affinität zu Graz mit seinem versponnenen Künstlerzirkel, Widmers literarischer Wahlheimat.Überaus anregender sind seine ironisch zugeneigten Kollegenporträts über H.C.Artmann, Wolfgang Bauer, Alfred Kolleritsch oder Ernst Jandl ("Vom Fenster meines Hauses aus", 1977) und nicht weniger auch seine pointierten Grazer Poetikvorlesungen: "Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten Puppe und andere Überlegungen zur Literatur", 1991. Das ist vielleicht das Erstaunlichste bei Urs Widmer, daß ein derart theorienbegabter und belesener Autor sein eigenes Werk freihalten kann von jeglicher Kopflastigkeit.Und einen gerade deshalb ins Sinnieren treibt.Es ist diese scheinbare Naivität und grenzenlose Verspieltheit, die nur den ganz Klugen gelingt.In jedem seiner Bücher sind wir mit ihm auf der Suche nach dem verlorenen Glück, ohne jede Sentimentalität oder Larmoyanz.Am schönsten in seinem grandiosen Roman "Der blaue Siphon" (1992), der ungemein berührenden und zugleich hochkomischen, verschlungenen Zeitreise in Widmers eigene "glücksgeblähte" Kindheit - während des Zweiten Weltkriegs! - und von dort in unsere Gegenwart zur Zeit des Golfkrieges.Es spricht nicht gegen dieses Buch, daß Reich-Ranicki es in den Himmel gehoben hat, und noch weniger, daß es sich glänzend verkauft: bis jetzt 60 000 mal, eine Traumauflage für einen Schweizer Autor, die Übersetzungen ins Spanische, Französische, Italienische, Polnische und Kroatische nicht mitgezählt. Urs Widmer ist zur Zeit der vielseitigste und doch konzentrierteste, der leichtfüßigste und wohl doch schwergewichtigste Schweizer Autor.Ein Erbe Dürrenmatts und Max Frischs.Auch wenn er nicht gerne verglichen werden will.

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