Kultur : Auf der Wippe

SANDRA LUZINA

Die Beziehungstechniker bestimmen neben den Sexualtrainern heute den Liebesdiskurs.Die Turbulenzen des Gefühls entziffern sie als die immergleichen Verlaufsformen einer Liebesbeziehung.Das auf Paarungsrituale abonnierte Tanztheater übersetzt die bekannte Konfliktlogik dann bestenfalls in ein schweißgetränktes Drama der Körper.Die Choreographin Canan Erek wählt für das Auf und Ab einer Liebesbeziehung das Bild einer Wippe.Die Tanztheaterproduktion "See-Saw" im Ballhaus Naunynstraße führt die Liebe als permanenten Balance-Akt vor, allzu heftige Auf- und Abschwünge werden allerdings vermieden.Die an der Folkwang Schule und der Hochschule Ernst Busch ausgebildete Canan Erek sucht nach dem unmittelbar einprägsamen körperlichen Ausdruck.Sinn und Sinnlichkeit sollen zusammenfallen, doch oft ist nur choreographische Kalligraphie zu sehen.Die Frau läßt sie einen gebremsten Anfang nehmen, der zum Bild eines verweigerten Aufbruchs wird: Mit trippelnden Schritten schaukelt sich Katrin Pohlmann in einen Rhythmus des Vor und Zurück.Keine Frage, diese Frau weiß nicht, was sie will! Wo der andere sich nicht mehr als romantisch verklärter Fixstern umkreisen läßt, da könnte dieser Abend von Suchidentitäten und Fluchtpunkten erzählen.

Auch Canan Erek schickt die Liebenden, die sich doch längst gefunden haben, auf die Suche.Katrin Pohlmann und Firat Kilic irrlichtern ausdauernd über die Bühne, doch schnell entweicht da die Spannung.Die tänzerischen Paarvariationen bieten in ihrem Mit- und Gegeneinander keine Überraschungen, erinnern an Fallbeispiele.Für den Konflikt zwischen Begehren und Autonomiestreben wählt Canan Erek die gängigen, arg strapazierten Bilder, auch die Kollision der Körper ist hier abgemildert.Das Solo des Mannes, das seine Verunsicherung darstellen soll, wirkt wenig beredt.Die Ratlosigkeit zu zweit - sie überfordert zumal da, wo Blicke die Bewegung ersetzen, die darstellerischen Fähigkeiten der Akteure.Der banalen Komik, wie sie das Aneinander-Zerren der auf ihre Ansprüche pochenden Partner darstellt, wird nur wenig Raum gegeben.Zum Schluß ein Bild der Asymmetrie: Die Frau schultert den Mann, sie scheint die ganze Last der Beziehungsarbeit zu tragen.Canan Erek predigt nicht die Abwesenheit der Liebe, statt der schwindelerregenden Gefühlsschaukel wird eine monotone Paarmechanik vorgeführt - eine mögliche nüchterne Lesart, die aber in die choreographische Eintönigkeit abdriftet.

Weitere Vorstellungen: 9.Mai sowie 13.bis 16.Mai, Ballhaus Naunynstraße, 21 Uhr

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