Kultur : Auf eigene Faust nach der Wahrheit suchen

Zwischen Afrika und Europa: Was ist guter Journalismus – und was ein gutes Buch? / Notizen von Ryszard Kapuscinski

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Warschau, Spital in der Dzialdowska-Straße. 7.45 Uhr morgens. Hektik, Hin- und Herlaufen, Lärm. Selbst wenn man aus dem Tiefschlaf gerissen wurde, ist man, wenn man hierherkommt, auf der Stelle hellwach, bei vollem Bewusstsein. Es sind die Menschen, die diese Wirkung aufeinander ausüben, die sich gegenseitig in Bewegung, in Aktion halten. In solchen Momenten sieht man am besten, dass der Mensch ein Herdenwesen ist, und wie sehr die von anderen ausgesendeten Impulse seine Art zu leben, seinen Rhythmus beeinflussen.

Es gibt verschiedene Formen der Armut. Eine dörfliche, bäuerliche Armut, die ist am demütigsten,nachgiebigsten, fatalistischsten. Diese Armut stellt keine Forderungen, sie nimmt die bestehende Ordnung der Welt, ihr abhängiges, erbärmliches Schicksal widerspruchslos hin.

Es gibt auch eine städtische Armut, traditionell, proletarisch; die ist in verschiedenen Phasen dazu imstande, sich zu erheben, zum gemeinsam organisierten, gewerkschaftlichen Kampf. Diese Armut hat ihre Würde, ihren Hochmut, ihr eigenes, in langen Jahren erprobtes Ethos.

Und schließlich gibt es die Armut in den großen Agglomerationen der modernen Großstädte, in diesen chaotischen, grenzenlosen Megalopolen, in denen die Jugend das dynamischste Element darstellt, obwohl sie keinerlei Perspektiven besitzt. Das sind die afrikanischen bayaye – arbeitslose Menschen, die weit von ihrer eigentlichen Heimat wohnen, keine Schule besuchen, williges Futter für jegliche Gewalttaten, Raubzüge, Kriminalität. Aus diesen bayaye rekrutieren sich die Armeen der Bürgerkriege, die Banden der Rauschgifthändler, der Mafia, bezahlte Mörder, Vergewaltiger.

Die Landschaften Europas sind gekennzeichnet von Befestigungsmauern, Burgen, Festungen, Wachtürmen, Bunkern, Militärstraßen, Grenzbalken, Grenzen. Überall ein Limes, befestigt, bewacht, der den Kontinent seit jeher durchschneidet. In der Geschichte Afrikas, in seinen Landschaften finden wir nichts dergleichen. Ein offener Raum, frei, unbefestigt, durch nichts begrenzt, ungehindert.

Im europäischen Denken, in den Themen, die dieses bewegen, gibt es keinen Platz für außereuropäische Wirklichkeiten. Es beschränkt sich auf die eigenen inneren Probleme und versteht unter Universalismus nur, das europäische Thema auf die ganze Welt auszuweiten.

Die Entwicklung der Kommunikationsmittel, vor allem die Erfindung des Mobiltelefons und Internets, hat einen radikalen Umbruch in der Verständigung zwischen den ins Terrain geschickten Journalisten und ihren Chefs, den Managern, bewirkt. Die Journalisten haben ihre Selbstständigkeit, die Unabhängigkeit ihrer Einschätzung, das Recht auf die eigene Interpretation eingebüßt, und das hat auch Auswirkungen auf die Qualität und den Wahrheitsgehalt der Informationen. In früheren Zeiten war der Korrespondent einer Zeitung, einer Presseagentur oder des Rundfunks weitgehend unabhängig und konnte vieles selber entscheiden, er suchte nach Informationen, deckte etwas auf, schuf etwas. Heute ist er eine Figur, die vom Chef in der Zentrale (...) auf dem Schachbrett hin- und hergeschoben wird. (...) Manchmal wartet die Zentrale gar nicht mehr die Ergebnisse der Arbeit des Reporters ab, sondern informiert ihn ihrerseits, was sie über das Ereignis weiß – das heißt, sie erwartet von ihm oft nur mehr eine Bestätigung, dass ihre Sicht der Dinge richtig ist. Ich kenne viele Korrespondenten, die sich heutzutage scheuen, auf eigene Faust nach der Wahrheit zu suchen.

Jemand sagte über ein Buch von Günter Grass: „Ich habe es in einem Zug ausgelesen.“ Das war als Kompliment, als Lob gedacht. Man bekommt oft den zustimmenden, ja enthusiastischen Satz zu hören, dieses oder jenes Buch könne man ohne es wegzulegen lesen. Aber das ist kein Lob! Ein gutes, wichtiges Buch liest man langsam, nachdenklich, immer wieder die Lektüre unterbrechend und über das soeben Gelesene nachgrübelnd, man blättert zurück zu einzelnen Stellen, Beschreibungen, Reflexionen: Man muss sich durch die Materie des Buches durcharbeiten, durchkämpfen, mühevoll, von Zeit zu Zeit innehaltend und pausierend, um zu sehen, wie weit man gekommen ist. Wenn jemand schreiben oder sagen würde: Die Lektüre dieses Buches braucht viel Zeit und Mühe, sie verlangt immer wieder Pausen, um nachzudenken – das wäre in meinen Augen ein richtiges Lob!

Im Süden Tansanias lernte ich einmal Pastor Karl Hinz kennen. Er hatte in der Nähe von Liwale ein Kirchlein, nicht viel mehr als eine Baracke, deren hölzerne Wände schon so von Würmern und Ameisen durchlöchert waren, dass jeder Windstoß frische Kühle ins Innere trug. Pastor Hinz war ein Greis, und seine Herde auf dem besten Weg auszusterben. Es waren Afrikaner, einfache Soldaten, die von den Deutschen noch vor dem Ersten Weltkrieg zum Militärdienst angeworben worden waren. Damals war Tansania eine deutsche Kolonie und hieß Deutsch-Ostafrika.

Ich kam gerade in dem Moment, als auf dem ärmlichen Friedhof neben der Kirche ein Begräbnis stattfand. (...) Der Pastor, ein zarter, gebeugter Mann mit einem kahlen, hin und her wackelnden Kopf stand auf dem Hügel der ausgehobenen sandigen Erde und sprach zu den Versammelten. Ich trat näher, um zu hören, was er sagte. „Neigen wir uns vor Gott, der uns diesen Tod geschickt hat“, sagte er zu der Handvoll Menschen, die sich auf dem kleinen Friedhof eng aneinanderdrängten, um im Schatten einer mickrigen Akazie Platz zu finden. „Wir wollen ihm dafür danken, ja danken. Denn der Tod erlöst uns von unseren schädlichen Begierden, unseren lächerlichen Ambitionen, unserem ziellosen Streben. Wisst ihr, was diese Begierden sind, die uns treiben? Ich will es euch sagen, sie sind ein Nichts (...) Der Tod trifft nicht nur die Verstorbenen, er verweist auch auf die Nichtigkeit der Lebenden, er erinnert uns daran, dass wir Staub sind. Der Tod ist groß, denn er ist Nachsicht und Vergebung. Er sieht unsere Schwächen, unsere Kurzsichtigkeit, unsere Sünden und öffnet dennoch die Arme, um alle aufzunehmen. Er ist gnädig, und deshalb lässt er uns trotz unserer Sünden in sein Himmelreich ein, das ewig ist und nur eines will – dass wir dorthin gelangen!“

Ich musterte die Menschen. Begriff einer von ihnen die Worte des Pastors? Sie standen niedergeschlagen und stumm um die Grube und wischten von Zeit zu Zeit über ihre verschwitzten, alten Gesichter.

Diese Texte entstammen Ryszard Kapudcinskis „Notizen eines Weltbürgers“, die in diesen Tagen, übersetzt von Martin Pollack, bei Eichborn Berlin erscheinen (296 Seiten, 19,90 €).

Ryszard Kapu sc ins ki , geb. am 4. März 1932 im ostpolnischen Pinsk, studierte nach dem Krieg in Warschau

Geschichte. Mitte der fünfziger Jahre begann er seine journalistische Laufbahn und unternahm erste Reisen nach Asien. Für die polnische Nachrichtenagentur PAP ging er 1958 nach Afrika und 1967 nach Südamerika . Er starb

am Dienstag in Warschau mit 74 Jahren an Herzversagen.

Zu seinen wichtigsten Büchern zählen König der Könige (1978),

Der Fußballkrieg (1978), „Imperium“ (1993), Afrikanisches Fieber (1998) sowie

zuletzt „Meine Reisen mit Herodot“ (2005).

Erschienen

sind sie im Verlag

Eichborn Berlin .

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