Kultur : Auf ins Kloster

Madrid leistet sich eine Museumsmeile: Prado, Sofia Reina und Thyssen-Sammlung lösen ihre notorischen Platzprobleme

Bernhard Schulz

Madrid kennt derzeit nur ein Ziel: Die spanische Hauptstadt möchte den Zuschlag zur Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2012 erhalten. Die Metropole ist mit Plakaten und Wimpeln behängt, die dem Besucher und vor allem den Madrilenos selbst die magische Jahreszahl einhämmern. Alle kommunalpolitischen Entscheidungen ordnen sich dem unter: die Renovierung ganzer U-BahnStrecken, der Ausbau verkehrsberuhigter Zonen im Stadtzentrum, die Anlage leistungsfähiger Stadtautobahnen im ohnehin dicht geknüpften Verkehrsnetz.

Darüber gerät in den Hintergrund, dass Madrid gleichzeitig seine Position als Museenmetropole durch ambitionierte Erweiterungen festigt. Zwar beherbergt die Stadt mit dem Prado, dem 1819 als Königliches Museum begründeten und später in Staatshand übergegangenen Kunsthaus, länger als vergleichbare Kapitalen ein Museum von Weltgeltung. Doch es fehlte stets an einer diesen Namen verdienenden Museumspolitik. Die Sammlung des Prado endet mit den Werken des Hofmalers Goya – dessen Œeuvre zwar in einzigartiger Dichte präsent ist, aber keine Fortführung ins 19. oder gar 20. Jahrhundert erfuhr. 1992 gewann Madrid im Abstand weniger Wochen mit der Eröffnung des Nationalmuseums der zeitgenössischen Kunst Reina Sofia sowie der Sammlung Thyssen-Bornemisza zwei Häuser hinzu, die die herrscherliche Prado-Kollektion aufs Wunderbarste in die Gegenwart verlängern.

Den Umzug der legendären Sammlung von Baron Hans-Heinrich Thyssen-Bornemisza aus dem schweizerischen Lugano beförderte nicht allein dessen fünfte – spanische – Gattin Carmen, sondern auch die Bereitstellung des repräsentativen Palacio Villahermosa. Spanien kam für den höchst eleganten und zugleich funktionstüchtigen Umbau durch den renommierten Architekten und Pritzker-Preisträger Rafael Moneo auf. Bald nach der Eröffnung 1992 wurde die befristete Ausleihe durch einen Komplettankauf ersetzt.

Carmen Thyssen-Bornemisza, seit 2002 verwitwet, verfügt über genügend Finanzmittel, um ihrerseits im großen Stil zu sammeln. Alsbald bedurfte es eines eigenen Hauses, das sich als Anbau an den Villahermosa-Palast ins Madrider Stadtbild einfügen ließ. Im vergangenen Juni wurde die Erweiterung eröffnet. Das junge Büro BOPBAA aus Barcelona entkernte zwei Jahrhundertwendebauten und setzte hinter deren sorgsam restaurierte Straßenfassaden einen leicht trapezförmigen Neubau mit spannungsvollen Raumfolgen. Finden im Altbau 800 Gemälde der nunmehr staatlichen Thyssen-Sammlung Platz, sind es im Neubau 220 aus der weiterhin im Wachsen begriffenen Sammlung von Carmen Thyssen.

Mit dem beeindruckenden Tempo, in dem sich das Thyssen-Konglomerat in die entstehende Madrider Museumsmeile einfügt, kann insbesondere der Prado nicht mithalten. Von seinem Bestand von gut 8600 Gemälden kann weniger als ein Viertel gezeigt werden, so überwältigend sich das für den Besucher auch ausmacht. Vor allem aber genügt der klassizistische, bereits 1785 entworfene Meisterbau von Juan Villanueva längst nicht mehr den Anforderungen der auf zwei Millionen angewachsenen Besucherschaft, von fehlenden Einrichtungen wie zeitgemäßen Restaurierungswerkstätten zu schweigen. All das soll innerhalb eines Raumprogramms untergebracht werden, für das sich lange keine akzeptable architektonische Form finden ließ. Erst die Beauftragung von Rafael Moneo erbrachte neue Ideen. Zwar musste der Eröffnungstermin auf 2006 verschoben werden, doch ist das anspruchsvolle Vorhaben zumindest im Rohbau fertig.

Am anderen Ende der Museumsmeile liegt das Centro Reina Sofia, das sich von seiner Eröffnung 1986 an im internationalen Veranstaltungskalender zu positionieren wusste. Durch den Einzug der staatlichen Sammlungen moderner Kunst, insbesondere die Überführung von Picassos Nationalikone „Guernica“ samt der zugehörigen Begleitbilder sowie von Werken der Zeitgenossen, wurde auch der klassizistisch strenge, einstige Krankenhauskomplex zu klein. Ein Anbau wird die Bruttogeschossfläche glatt verdoppeln. Den Architektenwettbewerb gewann 1999 der Franzose Jean Nouvel. Die Ausstellungsebene seines in mehrere einzelne Baublöcke aufgeteilten, durch ein gewaltiges, knallrotes Flugdach zusammengebundenen Anbaus ist bereits in Betrieb. Die Funktionsräume, die den Altbau von Büros entlasten sowie eine respektable Bibliothek und ein großzügiges Café-Restaurant aufnehmen, sollen im Spätherbst zur Verfügung stehen.

Die beiden Erweiterungen für Prado und Reina Sofia könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Nouvel sein Image als technologieversessener Neuerer pflegt und sein gewaltiges Dach als schwebende Haustechnikzentrale über den Stahlskelettbauten ausbildet, wurde Moneo beim Versuch der denkmalgerechten Einbeziehung eines Renaissance-Klosterhofes erst recht zum Konservativen. Sein Bauwerk auf der hinter dem Prado-Längsriegel ansteigenden Höhe ist durch eine unter die Erde eines künftigen Flaniergartens gelegte Erschließungsebene von Villanuevas Altbau getrennt.

Optisch nimmt sich der Neubau durch eine gelbe Klinkerfassade mit schmalen Fensterschlitzen klein aus. Im Inneren beeindruckt die Aufstellung des zweigeschossigen Klosterhofes der Hieronymiten, der fortan als glasgedeckter Innenhof die verschiedenen Funktionsbereiche zusammenbindet. Mit Ausstellungsräumen auf insgesamt drei Ebenen erhält der Prado erstmals angemessen viel Platz für die heute unverzichtbaren Wechselausstellungen. Die unterirdische, auf Höhe des Prado-Erdgeschosses angesiedelte Erschließungsebene wird den beständig wachsenden Besucherstrom kanalisieren, ehe er sich in die Saalfluchten mit Tizian, Velázquez und Goya ergießt.

Jeweils rund 65 Millionen Euro Baukosten sind für den Prado- sowie Reina-Sofia-Annex veranschlagt. Hinzu kommt die von dem portugiesischen Architekten Alvaro Siza geplante fußgängerfreundliche Umgestaltung des Paseo del Prado, der bislang eine abweisende Barriere zwischen Prado im Osten sowie Thyssen und Reina Sofia im Westen darstellt. Die Gesamtfläche des Paseo-del-Arte-Dreigestirns vergrößert sich von knapp 100000 auf 160000 Quadratmeter, worunter allein für den Prado eine Verdoppelung von 29000 auf 58000 Quadratmeter abfällt.

Der Hinweis auf die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus ist natürlich auch in Madrid zu hören. Entscheidend ist jedoch etwas anderes. Spanien hat sich seit dem Franco-Faschismus kontinuierlich aus seiner jahrhundertealten Randlage gelöst und nach Europa orientiert. Die spanische Regierung hat sich über diverse Kulturminister und wechselnde Parteizugehörigkeiten hinweg stets zum Ausbau der kulturellen Infrastruktur bekannt. Die Ausstattung der Hauptstadt mit einem Museumsverbund, der den Vergleich mit Paris, London oder Berlin nicht zu scheuen braucht, ist ein Symbol dieser politischen Grundausrichtung.

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