Kultur : Auf kaltem Wege

RONALD BERG

Die Fotografie boomt - so scheint es zumindest.Der Handel mit Vintage prints meldet immer neue Rekordpreise, und auch die aktuelle Kunstproduktion setzt verstärkt auf das inzwischen über anderthalb Jahrhunderte alte Medium.Berlin bekommt im östlichen Stülerbau ein "Centrum für Fotografie" unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.Ein weiteres Hauptstadt-Highlight.Die Fotografie als Hochkultur soll Berlin schmücken und noch mehr Touristen locken.

Rund zehn Millionen Aufnahmen, verteilt auf verschiedene Bibliotheken und Archive, besitzt die Stiftung.Aus diesen Beständen könnte das "Centrum für Fotografie" die Sahne abschöpfen.Kultursenator Peter Radunski begründet seine Unterstützung für die Museumsneugründung damit, daß das Museum Sammler bewegen könnte, hier - wie auf der anderen Straßenseite mit Berggruen vorgemacht - ihre Bilder zu präsentieren, vielleicht sogar längerfristig zu überlassen.Der Starfotograf und gebürtige Berliner Helmut Newton als "Glanzpunkt der Sammlung" (Radunski) ist der dafür ins Auge gefaßte erste Kandidat.

Der Glanz, den das erwartete "Centrum" ausstrahlt, scheint den Verlust eines anderen Kleinods in Sachen Fotografie vergessen zu machen.Am 30.Januar, mit Beendigung der gegenwärtig noch laufenden Ausstellung von Göran Gnaudschuns Bildern aus einem besetzten Haus in Potsdam und Eva Bertrams Stilleben, stellt die Fotogalerie in der Brotfabrik ihre Arbeit endgültig ein.

Während also nach dem bekannten Muster die musealen Glanzlichter beim Kultursenator höchste Aufmerksamkeit besitzen, bricht der Unterbau in den bezirklichen Kunst- und Kulturämtern weg."Das ist ein großer Verlust für die Fotografie-Szene der Stadt", kommentiert Ulrich Domröse, Kurator der "Photographischen Sammlung" der Berlinischen Galerie, die Schließung.Für ein funktionierendes kulturelles Klima in der Stadt brauche man alle Ebenen, die dezentrale Kulturarbeit genauso wie die Museen mit internationaler Ausstrahlung.Denn irgendwo muß auch der Einstieg für die jungen Talente möglich sein.Wohin sollen die Fotografen sich wenden, die sich der von Domröse so titulierten "erzählerischen Fotografie" widmen, also jene, die Fotografie um ihrer selbst willen betreiben und nicht im fotografischen Medium künstlerische Konzepte umsetzen?

Die Ausstellungsmöglichkeiten in den kommunalen Galerien der Bezirke kommen dafür so gut wie gar nicht mehr in Frage.Das liegt am jahrelangen Auszehrungsprozeß auf bezirklicher Ebene.Wenn dennoch ein anspruchsvolles Ausstellungsprogramm auf die Beine gestellt wird, grenzt das schon fast an ein Wunder: Inka Schube gelang dies mit der Fotogalerie in der Brotfabrik nur durch viel persönliches Engagement, wie auch die Kulturamtsleiterin von Weißensee, Christa Juretzka, anerkennend feststellt.Die Fotogalerie hatte einen Jahresetat von sage und schreibe 2000 Mark.Die ausgebildete Kunsthistorikerin Inka Schube als Kuratorin der Galerie wurde aus ABM-Mitteln und Lohnkostenzuschüssen bezahlt.Ohne Sponsorengelder wäre also nicht viel zustandegekommen.Porto und Infrastruktur kamen vom Kulturamt Weißensee und dem Verein "Glashaus".Beide Institutionen betreiben die Brotfabrik mit Kino, Bühne, Lesungen und eben der Galerie.Diese prekären Finanzierungmodalitäten führen dazu, daß mit Auslaufen von Schubes Arbeitsplatzförderung eine ganze Institution auf kaltem Wege abgewickelt wird.

Ein Senatsgutachten zur "Situation der bezirklichen Kulturarbeit" hatte die akute "Gefährdung der facettenreichen lokalen kulturellen Infrastruktur" schon 1996 erkannt.Der Wegfall besagter Arbeitsplatzförderung könne "in letzter Konsequenz" dazu führen, daß "kulturelle Angebote ganz wegbrechen".Indes: Die Streichung der Landesmittel für die bezirkliche Kultur ging weiter.Die kulturelle Lage in den Bezirken ist mittlerweile katastrophal.

Die Fotogalerie sei dennoch letztlich nicht am Geld gescheitert, meint Juretzka.Eine Weiterführung der Fotogalerie sei vielmehr durch Meinungsverschiedenheiten zwischen Glashaus e.V., Kulturamt und Schube unmöglich geworden.Auch der Versuch, seit 1997 mit vier ehrenamtlichen Kuratorinnen das Programm weiterzuführen, erwies sich als nicht praktikabel.Selbst bei gutem Willen wäre es dem Bezirk schwergefallen, für die auslaufenden Lohnkostenzuschüsse in die Bresche zu springen.Die Zuwendungen für Kultur sind in Weißensee seit 1993 um fast zwei Drittel gekürzt worden.So verschwindet mit der Fotogalerie eine Institution, die im Gegensatz zum Heimatmuseum oder Brechthaus mit seinen Kunstausstellungen als verzichtbar galt.

Dabei war die Galerie in der Fotoszene eine feste Größe.Sie hatte Ausstrahlung weit über Weißensee hinaus trotz ihrer peripheren Lage.Der in einem ehemaligen Pferdestall gelegene Ausstellungsort avancierte in einer Zeit, da die Fotografie in der Stadt unterrepräsentiert war, zu einem Ort, wo durch inhaltliche Arbeit Maßstäbe gesetzt wurden.Eine Zeitlang galt die Brotfabrik neben der Berlinischen Galerie als wichtigster Ort für Fotografie in Berlin.Breitangelegt hat Inka Schube seit 1990 in dem ehemaligen FDJ-Klub ein Programm gemacht, das über Fotografie Aufklärung betrieb, wie es eine kommerzielle Galerie nicht hätte leisten können.Ihr ging es um die Frage nach Funktion und Bedeutung des Mediums.Die mit einem umfangreichen Katalog abgeschlossene Ausstellungsreihe "Die Konstruktion des Raumes" von April 1996 bis April 1997 war der Höhepunkt dieser Unternehmung.Mit Berliner und internationaler Beteiligung von der Ukraine bis Australien - unter anderem mit Boris Michailow, Farell & Parkin, Max Baumann oder Ian Wiblin - ging es der Reihe um Erzähltechniken und Hierarchisierungen in der Fotografie.Wie konstruiert sich zum Beispiel der soziale Raum, wenn das bloße dokumentarische Abbild über die gesellschaftlichen Verhältnisse nichts mehr hergibt? Stars wie Nan Goldin oder Peter Greenaway stellten in der Fotogalerie aus, daneben fanden sich auf der Künstlerliste auch immer wieder Berliner Fotografen und talentierter Nachwuchs, wenn sie die Möglichkeiten der Fotografie, Weltbilder zu vermitteln, mit ihren Bildern selbst befragten.Die Galerie trug dazu bei, daß sich auch auf Seiten der Fotografen etwas entwickelte.Es entstand so etwas wie eine fotografische Kultur.

Sicher, die Lage hat sich in den letzten Jahren durch den Galerienboom geändert.Kommerziell gibt es eine Reihe Galerien, in denen zumindest die Kunst mit Fotografie gut vertreten ist.Aber es fehlt der Humus, auf dem junge Talente wachsen könnten.Wie schnell sich im übrigen die Lage auch bei den Galerien ändern kann, zeigt das Verschwinden des erst im vergangenen Jahr gegründeten "Zentrums für Fotografie (ZFF)" in der Charitéstraße.Neben dieser durch einige Rechtsanwälte ermöglichten Galerie gibt es in Berlin für die "erzählerische Fotografie" auch kommerziell nur wenige Ausstellungsmöglichkeiten - sieht man einmal von der "argus fotokunst" in der Marienstraße und der Galerie Bodo Niemann ab.

Die einzige verbliebene kommunale Fotogalerie am Helsingforser Platz kann weder personell noch konzeptuell den Verlust der Weißenseer Einrichtungkompensieren.Was von Inka Schubes verdienstvollem Unternehmen bleiben wird, ist ein Katalog.

Inka Schube (Hrsg.): Die Konstruktion des Raumes.Berlin / Dresden 1997, 48 DM.

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