Auf Sand gebaut : Berlin ist zu groß für Berlin

Im Sand und Sumpf des Urstromtals: Betrachtungen über eine weitflächige Stadt, die sich nie verdichtet.

Hanns Zischler
316708_0_cbe03b7b.jpg
Weit und breit. Carl Blechen aquarellierte die typische märkische Landschaft mit Sand schaufelnden Frauen. -Foto: Jörg P. Anders/bpk/Kupferstichkabinett Berlin

Die schiere Ausgedehntheit Berlins, die Weitflächigkeit und Flachheit, das sehr Ebene der Stadtlandschaft, hat mich zum ersten Mal Anfang der siebziger Jahre verwundert, als ich von Westberlin aus den östlichen Teil der Stadt in wiederholten Tagesreisen aufsuchte. Das einigermaßen fest gefügte, von Bebautem, Straßenland und Plätzen bestimmte Stadtbild löste sich in Seen, morastiges Gelände, breit ausufernde Flussläufe und Forsten auf, von den geduckten Kohorten der Schrebergartenkolonien gar nicht zu reden. Die Stadt zerfranste förmlich, verlief sich in ein unauffälliges Nirgendwo, dessen Halt und Festigung durch Ausfallstraßen und den S-Bahn-Ring nur notdürftig gewährleistet schien.

Die Ahnung eines sehr breiten, niedrigen Tales, in dem dieses uferlose Berlin ausgebreitet liegen könnte – nicht wohlig eingebettet, sondern eher hingeschüttet zwischen seenartigen Flüssen, Morast und Sand und zu kleineren und größeren Inseln geronnen –, wollte sich zunächst nicht bestätigen. Im Lauf der Zeit haben diese Bilder jedoch eine bestimmte Drift genommen, ähnlich den beiden Strömen, die Berlin umfließen und dabei häufig die Richtung wechseln: die Spree, ein Wort, das mutmaßlich „die sich Ausbreitende“ bedeutet, und die Havel, dessen altslawische Form habula „die Seenreiche“ bezeichnet. Ein ebenfalls altslawisches berl (Morast, Sumpf) hat der Stadt wohl den Namen gegeben. Doch mit der Etymologie ist es wie mit dem Sumpf: Je tiefer man darin versinkt, desto ungreifbarer werden die soliden Befunde.

Ein Besuch in Rom und der Abstieg zur lange verborgenen Augusteischen Sonnenuhr hat mich Berlin dann mit anderen Augen sehen lassen. Wer dort am Boden kratzt, stößt auf Stein, Gebautes, kulturelle Sedimente: Schichten um Schichten einer enormen Verdichtung.Wer in Berlin am Boden kratzt, stößt auf sehr wenig: auf fossile Fauna und Flora, vereinzelte vorgeschichtliche Artefakte, bronzezeitliches Handwerkszeug. Überwiegend aber stößt er auf keinen Widerstand; er sackt ein, versinkt, versandet. Die schiere Geologie tritt zutage, ja selbst diese zerläuft zu Schlick, Morast und Sumpf. Denn das Wasser, die Nässe ist hier allgegenwärtig.

Angestrengt versucht Berlin dieser Geologie zu entrinnen, indem es sich als solide Stadt behauptet. Meist jedoch vergeblich: Die Geologie – Geschiebemergel und der lehmdurchsetzte Sand – ist allgegenwärtig, sie lässt sich nicht verdrängen oder zu einem tragfähigen Fundament machen. Da ist kein Fels, auf den man bauen könnte. Die Tiefe gibt nichts her, alles drängt in die Weite.

In der schönen Festschrift mit dem sprechenden Titel „Der tiefere Untergrund Berlins“, die der Landesgeologe und Geheime Bergrath Berendt anlässlich der XI. Wanderversammlung der Bohringenieure 1897 publiziert hat, ist tatsächlich von dem „großen, breiten Thale“ die Rede, in dem die Stadt der Hauptsache nach gelegen sei, und vom „gewaltigen Strom“, der das Tal einst auswusch und der verschwunden ist: „Selbst die alten Fischer und Fährleute, die vor Zeiten ,Berlin’ und ,Köln’ am Wasser begründeten, fanden (…) nur die unschuldige Spree, die sich mit ihren Windungen in diesem breiten Thale ausnimmt, wie die Maus im Käfig des entflohenen Löwen.“

Wo wir heute eine scheinbar naturbelassene Landschaft im relativ dünn besiedelten Havelland erblicken wollen, wurde Mitte des 13. Jahrhunderts ein folgenreicher Prozess in Gang gesetzt, der unter dem Begriff des „Brandenburger Mühlenstaus“ ein gewaltiges ingenieurstechnisches Projekt darstellte, mit dem Ziel, die Leistung der für die zahlreichen Handwerksbetriebe unverzichtbaren Mühlen zu optimieren. Hansjörg Küster hat in seinem großen Buch über die Elbe diesen Prozess eindringlich beschrieben.

Die Wasserwege, seenartige Flüsse mit vertiefter Fahrrinne und später zahlreiche Kanäle mit einem ausgeklügelten Schleusensystem waren die Hauptverkehrsadern, die das fischreiche, aber an anderen Viktualien nicht autarke Berlin belieferten. Die Mühlen wurden nach und nach durch Manufakturbetriebe abgelöst, die Berlin zu einer exportfähigen Stadt machten und expandieren ließen. Infolge des Mühlenstaus hatte die Havel ihr Aussehen verändert; sie wurde zu einem riesigen, langgestreckten Stausee. Dieses Landschaftsbild war so prägend, dass man es irgendwann für eine naturwüchsige Erscheinung hielt. Ein Trugbild, ein landschaftliches trompe l’oeil, das förmlich darauf wartete, romantisiert und ästhetisiert zu werden, als die Stadt, wenn man so sagen darf, aus dem Gröbsten raus war – gegen Ende der frühen Neuzeit.

Die zahlreichen Parkanlagen entlang der Havel zeugen davon. Der große, wie ruhende Strom lugt überall hervor, seine Augen verleihen den Parks Glanz und Anmut, seine Spiegel vergrößern die Fenster, die von kunstvoll gesetztem Gehölze gerahmt werden, die Schneisen führen den Blick über Wiesen und Baumgruppen in eine imaginäre Unendlichkeit. Die Kulissen eines Naturtheaters sind weiträumig aufgestellt – das Stück, das hier aufgeführt wird, heißt „Arkadien“.

Dies sind die landschaftlichen Besonderheiten jenes Tales, in dem Berlin sich wie ein Stausee ausbreiten wird.

Es ist eine Stadt aus Städten, von Anfang an, die zunächst durch Wasserwege, dann durch Deiche und Dämme, später durch Bahndämme getrennt, verbunden oder eingefasst wird. Und wie es dem Wasser, das bekanntlich „stets weiter nach unten drängt“ eigen ist, verläuft sich die große Stadt in das Land. Ja, Berlin ertrinkt förmlich in der Überfülle des Raums, welchen das verwaiste Urstromtal für sie bereithält. Während viele Städte Mitteleuropas die Tendenz zur Verdichtung und Expansion aufweisen, will Berlin, von Sandinsel zu Sandinsel treidelnd, mit seinen Tentakeln aus Dämmen und Straßen das Land kolonisieren.

Die Kolonisierung war die seit dem Mittelalter eingeübte, stets von Neuem aggressiv belebte vektorielle Grundbewegung des westlichen Reiches, der westlichen Fürsten nach Osten. Den Impuls der Kolonisierung hat Berlin sich für seine Stadtwerdung bewahrt und in den verschiedenen Epochen expansiv unter Beweis gestellt.

So fällt 1910 der Kunsthistoriker Karl Scheffler in „Berlin – ein Stadtschicksal“ ein harsches Urteil über die Gründerzeit: „Von Berlin scheinen alle Monstrositäten auszugehen, die überall schon im Reich zu finden sind; dieses Gemisch aus hundert missverstandenen Stilformen, dieses tolle architektonische Parvenütum der Gegenwart (von 1910) scheint etwas spezifisch Berlinisches zu sein. Nirgends brüsten sich die Bauformen so frech und verlogen wie in den neuen Stadtteilen (gemeint sind u. a. Charlottenburg und Wilmersdorf): Es ist der Gründerstil dann in die inneren Stadtteile gedrungen, Alles vernichtend, was von bürgerlicher Einfachheit oder von fürstlichem Akademismus noch übrig war; und alle Vororte hat er sich im ersten Anlauf erobert.“

Der Eindruck einer eigentümlichen Fassungslosigkeit und Uferlosigkeit verstärkte sich trotz der im inneren Bereich der Stadt imperialen, ja ‚hellenistischen’ Zeugnisse einer gefestigten Stadt, zumindest seit Schinkels Tagen. Angesichts der weitgehenden Abwesenheit großer barocker Ensembles drängt sich die Frage auf: Wenn diese Stadt tatsächlich 750 Jahre alt sein sollte, warum und wohin waren all diese früheren kunstgeschichtlichen Zeugnisse verschwunden?

Dass Städte im Verlauf ihres mitunter sprunghaften Wachstums vieles niederreißen, überformen und fast spurlos verschwinden lassen, gehört zu ihrem Wesen. Dass im besonderen Fall Berlins die Kriegszerstörungen vieles zum Verschwinden gebracht hatten, was unter anderen Umständen überlebt hätte, steht außer Frage. Ein Hinweis Tilman Buddensiegs brachte mich der Antwort näher.

Buddensieg spricht von Schinkels Hass auf die barocke Architektur und seinen Wunsch, die Ensembles Unter den Linden durch ein eigenes, größeres zu ersetzen, das Vorhandene zu übertrumpfen. Es fand aber nicht nur eine Überformung statt, lediglich Knobelsdorffs Zeughaus und Schlüters Schloss überlebten diese gezielte Havarie, sondern auch eine Überdehnung des öffentlichen Raums zu einem imperialen show room, dessen antikisierende Drapierung den rabiaten Eingriff nur unzureichend überdecken konnte.

Andreas Reidemeister brachte es auf den Punkt, indem er an Schinkels Eingriffen die räumliche Wiederkehr des verdrängten Raums beobachtete. So werde etwa am Lustgarten der durch Abriss geschaffene Raum dekorativ wieder angefüllt, „mit barockisierenden ornamentalen Zupflanzungen“, schreibt Reidemeister. „Schinkels Stadt ist als Stadt der Ruhe, wenn man so will, der Friedhofsruhe konzipiert. Alles gerinnt zum Denkmal, ob ein Palais, ein Museum ... alles erfordert seinen Abstand. Sein Bild der Stadt tendiert zur statischen Kulisse eines Schlussaktes dekorativ-dramatischen Theaters.“

Am Ende dieser Havarie wird der Berliner Dom stehen – ein Monstrum ohnegleichen, die Rache von Wilhelm II. an den ihm haushoch überlegenen Vorfahren. Dieser viel zu große Dom hat 1894 die eher zierliche, von Schinkel mit- und umgestaltete Kirche durch eine gigantische Hutschachtel ersetzt. Es sind diese Akte, diese nicht enden wollenden Havarien, die mich nach und nach zu der Überzeugung gebracht haben, Berlin sei zu groß für Berlin. Offenbar ist die Chance, durch Abriss wirklich Raum zu gewinnen, die schwierigste Aufgabe der Stadtplanung und der Architektur.

Seine extremste Zuspitzung erfuhr dieser Prozess in den Plänen des Büros Hitler & Speer für „Germania“. Die Stadt als der rabiat aufstrebende, abrisshungrige, monumentalistische Parvenü steigerte sich darin ins Groteske. Es war ja wohl nur in diesem leeren, vom Urstromlöwen verlassenen Käfig möglich, ein solches Projekt auszuhecken. Der einzig geglückte Fall von stadträumlicher Monumentalisierung ist meines Erachtens der Bau der Stalin-Allee, doch hängt deren Schicksal, das der heutigen Frankfurter Allee, von der Operation und Genesung eines schweren Leistenbruchs namens Alexanderplatz ab. Wohingegen die stadtraumzerstörende Errichtung des Fernsehturms (dem fast die Marienkirche zum Opfer gefallen wäre) nur als bleibender Makel begriffen werden kann.

An Raum war ja nie Mangel, und es war der Mangel, der fehlte. Folglich mangelte es auch nicht an Ausdehnungs- und Überdehnungsgelüsten. Die Schäden für den Stadtkörper sind bis heute zu sehen, zum Beispiel am Flughafen Tempelhof, der wie ein Faustschlag schräg zur geplanten, die Stadt zerreißenden Nord-Süd-Achse verabreicht wurde – und vor dessen jetzt gänzlich funktionsloser Monumentalität die planerische Fantasie zu versagen scheint.

Ein anderer Rest von „Germania“ ist die grobschlächtige anthropogene Aufschüttung des Teufelsbergs, ein mehrhügeliger Tumulus aus Trümmerschutt, der zwischen 1946 und 1951 aufgehäuft wurde, um die 40 000 Quadratmeter Rohbau der „Wehrtechnischen Fakultät“ von 1940 zu verdecken. Auf den steilen, erodierenden Gehrinnen treten die Überreste der geschundenen Stadt hervor: das ärmere Berlin, das Berlin der Mietskasernen, das am stärksten von den Bomben betroffen war. Für einige Jahrzehnte thronten auf einem dieser Miniaturhöhenzüge wie eine Fata Morgana die leuchtend weißen Zwiebeltürme der amerikanischen Abhörstation, doch selbst diese sind im Begriff, sich Berlins Vandalisierungslust zu beugen.

Von der flachen Tafel des nördlichen Teufelsbergs ahnt man im Westen das helle Band der Havel. Dieser phlegmatische Strom konnte nur feines, leichtes Material transportieren, keine Steine, keinen schweren Sand, nur Ton und Schlick. Dieser Ton bildete große Sedimentschichten von Lehm, aus denen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts rund fünfzig Ziegelfabriken den Baustoff für Berlins Mietskasernen brannten.

Berlin ist zu groß für Berlin. Mit dieser Formel lässt sich die – gewiss lückenhafte – Geschichte einer Tradition skizzieren, die aus einem scheinbaren Überangebot an Planungs- und Kolonisierungsraum die gegenläufige Tendenz einer immer wieder notwendigen Verdichtung in den Wind geschlagen hat. Möglicherweise aber ist der seit einigen Jahren zu beobachtende moderate Schrumpfungsprozess der Stadt ein Indiz für ihre Genesung.

Hanns Zischler lebt als Schauspieler, Schriftsteller und Übersetzer in Berlin, wo er 2006 außerdem den Alpheus-Verlag neu gründete. Seinen (hier stark gekürzt abgedruckten) Festvortrag hielt er zur Verleihung des Berliner Architekturpreises im Radialsystem. Der vollständige Vortrag wird im Herbst 2010 in einem Berlin-Buch des französischen Verlags André Dimanche veröffentlicht.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben