AUF Schlag : Kuh jagt Huhn

Rainer Moritz will jetzt unbedingt auch ein Tagebuch schreiben

Rainer Moritz

Morgen fange ich an. Morgen werde ich mich auf meine literarischen Anfänge besinnen, eine großformatige Kladde kaufen und Tagebuch führen. So wie früher, als ich Liebeskummer und Weltekel in Notizbüchern festhielt, die geschmacklose chinesische Ornamente aufwiesen, was ich heute schon wegen der Tibetfrage ablehnen würde. Und ist sie nicht illuster, die Riege von Autoren, die die Sternstunden ihrer Biografien und die Genese ihrer Werke sorgfältig dokumentierten? Max Frisch, Julien Green, Virginia Woolf, Ernst Jünger, Martin Walser, Thomas Mann ... ganz zu schweigen von den Webloggern, die keine Scheu zeigen, von ihren kleinsten Empfindungen Kunde zu tun und die schöne Tradition der „Liebes Tagebuch“-Formel modernisieren.

Mein Vorbild ist Walter Kempowski, dem Tagebucheinträge so selbstverständlich waren wie die morgendliche Dusche. „Somnia“ heißt Kempowskis letzter, soeben postum erschienener Tagebuchband. Er umfasst gerade mal ein Jahr – 1991 – und fungiert als Geröllhalde für Gedanken- und Gefühlsregungen, die sich am kleinsten Detail entzünden und gleichzeitig die weltpolitische Lage, etwa den zweiten Golfkrieg, thematisieren. „Wer Tagebuch schreibt, verdoppelt sein Leben“, heißt es bei Kempowski – eine heiter stimmende Aussicht, die sich der Kürze des irdischen Daseins entgegenstemmt.

Und was erfahren wir nicht alles aus dem Kempowski-Kosmos! Wir lesen von nächtlichen Erscheinungen („Von Kohl geträumt, Jugendherberge, er war ungehalten“), vom starken Widerwillen beim Anblick von Rita Süssmuth oder Oskar Lafontaine, von der Abneigung gegen die Ostsee („Wasser ist ja eigentlich zum Kotzen. Das Meer! O Gott“), von der Furcht, dem Comeback ungeliebter Schlagersängerinnen ausgeliefert zu sein („Heute war die wohl 80-jährige Wencke Myhre zu sehen. Gott! Wer will die noch sehen? Damals hat sie uns schon Jahre versaut, und nun fängt sie noch einmal von vorne an“) oder von der Freude über eine gut gelaunte Ehefrau, die bei der Hausarbeit fröhlich pfeift.

So ein Tagebuch, lernen wir beim großartigen Kempowski, bietet Platz für alles und jenes, für Tiraden, Selbstmitleid, Lobpreisungen und Betrachtungen von Fauna und Flora. Auch hier muss man sich, wie einst Bernhard Grzimek, keineswegs mit eindeutigen Urteilen zurückhalten: „Kuh jagt vor meinem Fenster ein Huhn. Meine Sympathien liegen auf Seiten der Kuh. Was für ein gewaltiges Gedärm müssen sie dauernd mit sich herumtragen.“ Man sieht, wer gewissenhaft Tagebuch führt, muss sich nicht immer auf Liebeskummer beschränken. Ich werde künftig darauf achten, was mir der Blick aus dem Fenster bietet. Vielleicht zeigt der Tagesspiegel ja Interesse, meine wertvollen Beobachtungen zu publizieren, tagtäglich.

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