AUF Schlag : Männer, die schreien

Rainer Moritz über öffentliche Lärmentwicklung

Rainer Moritz

Wer schreit, hat Unrecht – hieß es früher, wenn Eltern lautstarken Streit unter ihren Kindern unterbinden wollten. Damals sah man diese laue Konfliktvermeidungsstrategie nicht recht ein und bevorzugte fliegende Fetzen. Doch wie es so ist, wenn einen Reife und Nachsicht ereilen: Heute verwenden wir den Satz mitunter selbst, wenn im unerfreulichen Disput mit dem Partner die Argumente ausgehen, und blicken mit Ekel auf die verzerrten Gesichter von Menschen, die sich schreiend Gehör verschaffen. Unkontrollierte Ausbrüche – Tor- und Lustschreie ausgeklammert – erfreuten sich lange Zeit keiner Beliebtheit mehr, erinnerten sie doch an Volksverhetzer oder Parlamentshaudegen wie Herbert Wehner und Franz Josef Strauß, die ihre Widersacher am liebsten bellend und polternd attackierten. Jedoch, die Zeiten werden frostiger, und die öffentliche Auseinandersetzung verlangt wieder nach Phonstärke.

Da lesen wir, dass Franz Müntefering in Koalitionsgesprächen verbal entglitten sei, wenn auch „auf Berliner Art gedämpft“. Da erinnern wir uns an Edmund Stoibers verzweifelt kraftvolle Aschermittwochsreden. Oder an den Porsche-Betriebsratsvorsitzenden und Ex-Europameister im Thai-Boxen Uwe Hück, wie er in einer der letzten „Sabine Christiansen“-Sendungen mit Schaum vor dem Mund seinen sensationallen Aufstieg beschrieb und wie ein losgelassener Kampfhund gesellschaftliche Defizite geißelte. Und natürlich Oskar Lafontaine, der als Parteivorsitzender der „Linken“ den Vorruhestand ein letztes Mal hinauszuschieben hofft und Reden hält, als sei er von Tarantelheerscharen gestochen worden.

Sagen wir es so: Der schreiende Mann ist kein schöner Anblick, zumal wenn er sein Pult mit Handkantenschlägen traktiert und sich mit hochrotem Gesicht als Rächer der Enterbten geriert. „Begeisterung“ vermöge er zu wecken, hat der Saarländer seine rhetorischen Fähigkeiten neulich gelobt und dabei übersehen, dass auch dies nur eine der Sekundärtugenden ist, die er an seinem Ex-Parteifreund Helmut Schmidt einst verhöhnte. Nicht bei allen freilich kommt diese Dezibelkraft gut an. Gerade die weibliche Klientel, auf die Lafontaine früher setzen durfte, tut sich mit erregten Volkstribunen offenkundig schwer. Auf der Internetseite www.feminissima.de wird unser Mann als „Demagoge“ bezeichnet, mit einfacher Begründung: „Außerdem hasst Feminissima schreiende Männer.“ Aufgepasst also, dass da nicht wichtige Wählergruppen wegbröckeln. Wenn es 2009 mit dem Ministeramt nichts werden sollte, dann bliebe als Ausweg nur, sich dem finnischen Männerchor „Mieskuoro Huutajat“ anzuschließen. Die Vereinigung von rund 30 Sängern bringt finnisches Liedgut, deutsche Volkslieder und Gesetzestexte ausschließlich schreiend zum Vortrag. Da fände sich für das neue Polteriat sicher ein Plätzchen.

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