Kultur : Auf Tand gebaut

Gesine Weinmiller

Zwei Jahrtausende waren vergangen. Endlich hatte der Fremde eines Morgens das Tor durchschritten. Der Duft des Waldes lag ihm noch in der Nase, und beim Überschreiten der in den Asphalt eingebrannten Grenze wurde ihm das Betreten des einstigen Feindeslands bewusst. Fast hätte er das Tor nicht erkannt, so sehr lag die Haut der Telefongesellschaft wie ein klebriger Film auf dem ehemals klassischen Gerippe.

Auf der Suche nach den Interpretationen der klassischen Vorbilder war er am Ziel angelangt. Von Boten hatte er die Nachricht vernommen, mit welch übernatürlicher Schnelligkeit die Platzwände emporgeklettert waren. Dies, so hatte man ihm zugetragen, war als "Kritische Rekonstruktion" unter dem Edikt der Oberbau- und Geschmackswächter entstanden.

Doch was er sah, war nicht so recht in Einklang zu bringen mit dem, was er erwartet hatte. Waren doch in vorangegangenen Zeiten wunderbare Kreationen entstanden, die das Alte kannten und darauf aufbauend das Neue schufen. Er erinnerte sich an Abbildungen des mit einem Rahmen gefassten Tempels eines Baumeisters namens Schinkel. Wie würden die Nachfolger mit dem Vorbild des großen Meisters umgehen?

An jenem französischen Platz fand der Fremde höchst unterschiedliche Weisen, mit dem klassischen Erbe umzugehen. Da stach ein Hotel ins Auge, das das vorher dort befindliche erst in eine Miniaturwerkstatt schickte, um dann zusätzliche Geschosse darauf unterzubringen. Garniert wurde das Ganze mit Heerscharen aller verfügbaren Stuckprofile. Das Feuerwerk der Verzierungen versucht die Absenz von Räumen zu überdecken, was nur bei oberflächlicher Betrachtung gelingt. Der Fremde bemerkt den schalen Geschmack von Unaufrichtigkeit, der die Aura des Gebäudes ausmacht.

Gleich daneben ein Umgang mit dem Erbe, der aus Furcht vor den dunklen Seiten desselben dieses als die Inkarnation des Bösen ablehnt. Die Frage nach einer demokratischen Grundhaltung und die Benutzung von Stein als Baumaterial stellen sich solchem Umgang als Widerspruch dar. Alles, nur nicht schwer, ordentlich oder klassisch darf es sein. Auch dies ist eine Reaktion auf die Klassik. Wenn die armen Griechen wüssten, in welchem scheinbar undemokratischen Topf sie da gelandet sind.

Frank Gehrys Bankgebäude

Ganz im Gegenteil dazu rieb sich der Fremde beim Betrachten des Nachbarhauses seine müden Augen. War es nicht dieser Wilde aus dem sonnigen Kalifornien, der hier von den Regeln des Ortes zu einem wunderbaren Kunstwerk verführt wurde? Man spürte sein Aufbäumen gegen die Konvention, die andernorts in gebaute Explosionen mündet. Hier gelang ihm ein Meisterwerk, das Kraft, Beherrschung, Konvention und deren Durchbrechung in sich vereint.

An der südwestlichen Ecke des Platzes fand er ein Beispiel dafür, was sich ein politischer Entscheidungsträger der Neuen Welt unter einem herrschaftlichen, klassischen Bauwerk der Alten Welt vorstellt. Das hohe Sicherheitsbedürfnis prägt das Bild, selbst friedliche Bäume am Waldesrand müssen fallen - aus Angst vor einem Königsmord.

Das Haus des Malerfürsten und sein Nachbar jenseits des Tores wollen als Reinkarnation des Gewesenen in heutiger Sprache gelesen werden. Wie wunderbar haben die alten Griechen es vermocht, neben der Ordnung auch die Durchbrechung derselben zuzulassen. Der Fremde erinnerte sich an die Finesse, die Eckstützen der Tempel näher an die daneben stehenden Stützen heranzurücken, da die Kräfte aus dem Tympanon diese imaginär nach außen schieben. Man spricht in diesem Zusammenhang vom fühlbaren Maß im Gegensatz zum gemessenen Maß. Das Ergebnis der beiden Häuser am Platze ist nachvollziehbar - ein Mehr an gefühltem Maß hätte den Gebäuden vielleicht etwas mehr an Charisma verliehen.

Bei den Gebäuden rund um das Tor wurden klassische Ordnungen als dünne Kruste auf den immer gleichen Stahlbetongerüsten appliziert. Je nach Gemütszustand der Architekten wwurde die Klassik etwas dicker aufgetragen oder eher umgangen, aber am Ende sind hinter den Kulissen alle gleich. Nun ließ der Fremde seine Blicke nach Norden schweifen. Dort erspähte er norddeutsche Belanglosigkeit, französische Großmannssucht und fein proportionierten Ordnungen. Der Fremde sehnte sich zurück nach den Zeiten, in denen Regeln von Gut und Böse, Ordnung und Chaos als Maxime des Handelns galten. Manchmal beschlich ihn die Versuchung, nach einem Diktator des Geschmacks zu verlangen. So weit das Märchen vom Fremden in der großen Stadt. Er hat das klassische Erbe im Blick, und ich frage mich, inwieweit wir mit diesem Pfund wuchern können.

Der Architekt Adolf Loos sagt: "Seitdem die Menschheit die Größe des klassischen Altertums empfindet, verbindet die großen Baumeister ein gemeinsamer Gedanke. Sie denken: So, wie ich baue, hätten die alten Römer auch gebaut ... Aber jedes Mal, wenn sich die Baukunst durch die Ornamentiker von ihrem großen Vorbilde entfernt, ist der große Baukünstler nahe, der wieder zur Antike zurückführt. Fischer von Erlach im Süden, Schlüter im Norden waren mit Recht die Baumeister des 18. Jahrhunderts. Und an der Schwelle des 19. Jahrhunderts stand Schinkel. Möge das Licht dieser überragenden Gestalt auf unsere kommende Baukünstlergeneration fallen."

Aber der Baumeister der Antike hat nicht zu seinem Ruhm gebaut. Seine Aufgabe war es, das Vorhergehende zu optimieren. Heute spielt der Architekt nicht nur die Rolle des Entwerfers hinter den Kulissen, sondern er tritt auch als Frontmann in Erscheinung. Die Toparchitekten werden wie Popstars gehandelt, ob Jacques Herzog oder Rem Koolhaas, sie werden zum Markenzeichen. Firmen wie Prada und der FC Bayern benutzen sie für ihre Marketingstrategie, die Baukünstler treten in Talkshows auf, sind Strategen mit sicherem Sinn für das Wesentliche.

Sind das die Klassiker von morgen?

Was also ist ein Klassiker? Ist es einer, der klassisch baut . . ? Baut der klassisch, der seinem Entwurf ein ordnendes Gerüst zu Grunde legt, oder wird der zum Klassiker, der den nachfolgenden Architekten als Vorbild dient? Bemerkenswert erscheint mir die Beobachtung, wie aus den Revoluzzern ihrer Zeit, den Avantgardisten, die Klassiker von morgen werden. Le Corbusier, Bruno Taut und Walter Gropius kämpften gegen das Establishment. Ehe sie sich versahen, wurden sie zu Repräsentanten der Klassischen Moderne.

Handelt es sich um klassische Architektur, wenn die stalinistische Architektur der Berliner Karl-Marx-Allee die Galleria Vittorio Emmanuele in Mailand küsst? Beide Vorbilder sind ihrerseits schon das Zitat vom Zitat, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hier wird sozusagen Zinseszins bezahlt. Oder ist der ein klassischer Architekt, der am virtuosesten die schicken, karierten Natursteinmüsterchen in die Perspektiven pinselt? Oder mitten in der preußischen Kapitale ein spanisches Feriendorf vorschlägt?

Billige Ornamentiker

Eins muss man eingestehen: Es genügt, die einfache Klaviatur der Verzierung zu spielen, und die kaufkräftige Klientel zückt die Geldbörse. Um mit Loos zu sprechen, hier sind billige Ornamentiker am Werk.

Ich möchte mich keineswegs auf die Seite der spaßorientierten Wellblecharchitekten schlagen, die die Erdanziehung nur als überwindbares Übel ansehen. Wer meine Häuser kennt, weiß auch, dass die Suche nach der ordnenden Kraft, nach Ruhe, nach Innovation, aber nicht um der Innovation als Markenartikel willen, die treibenden Kräfte meiner Arbeit sind. Theodor W. Adorno schreibt in seinen Dissonanzen 1969: "Der Begriff des Geschmacks (oder auch des Stils) ist überholt. Die verantwortliche Kunst richtet sich an Kriterien aus, die der Erkenntnis näher kommen: des Stimmigen und des Unstimmigen, des Richtigen und des Falschen."

Ich verstehe uns als Glied einer Kette, als Architekten, die auf den Fundamenten des Gestern stehen und darauf aufbauend das Morgen gestalten. Dabei scheint es mir genauso falsch, das Gestern über Bord zu werfen wie das Gewesene einfach zu kopieren.

Die Kenntnis des Vergangenen muss Grundlage des eigenen Wissens sein, nur dann kann das Richtige, das Stimmige entstehen. Die Kenntnis des Vergangenen kann der Steinbruch sein, aus dem man seine Steine bezieht, um neue Häuser zu bauen. Dabei ist der Grat zwischen Kapieren und Kopieren sehr schmal.

Dass die Bürogebäude der letzten Jahre das Bild der Stadt so monoton prägen, liegt nicht nur an der Einfallslosigkeit der Architekten, sondern an den für alle geltenden Brandschutzbestimmungen, an den Achsrastern, die etwas mit einer flexiblen Nutzung der hinter der Fassade liegenden Büroräume zu tun haben, um unter dem Druck des Marktes das Letzte aus jedem Winkel herauszuholen. Tiefe Fassaden, in denen sich Licht brechen könnte, entfallen, da dabei wertvolle vermietbare Fläche verloren geht. Welcher Bauherr entscheidet sich unter Verzicht eines zusätzlichen Geschosses für gut proportionierte Räume mit Raumhöhen, die ihren Namen verdienten?

Wie kommt es, dass wir den Traum von der Klassik in Berlin mit der Hauptstadtdiskussion in Verbindung bringen? Was ist klassisch an der heutigen Architektur? Ein Verdacht regt sich, es gehe lediglich um eine Frage von Ordnung, um Abziehbilder bestimmter Stilelemente, um Fassadenverschönerungen und ganz profan um Verkaufsargumente.

Aber so einfach geht es nicht - wenn man wirklich den Traum von der Klassik träumt, dann möge man doch nicht glauben, eine Lisene brächte schon die Klassik ans Haus. Ein kleiner Dieb wird auch nicht durch das Tragen eines Zylinders zum Grandseigneur.

0 Kommentare

Neuester Kommentar