Kultur : Auf verlorenem Posten

(Anti-)Kriegsfilme der eigenen Art: „Beaufort“ aus Israel und das Völkermord-Epos der Gebrüder Taviani

Jan Schulz-Ojala

Der Leistungskurs Geschichte, den die fleißigen Nutzer der 57. Berlinale belegt haben, nahm gestern im offiziellen Programm erneut Blockseminar-Länge in Anspruch. Anders als bei manchen der zurückliegenden Unterrichtseinheiten, deren Relevanz für die Gegenwart nicht immer schlüssig nachzuweisen war, enthalten die beiden jüngsten, jeweils zweistündigen historischen Untersuchungen teils bedrängende Aktualität – siedeln sie filmisch doch in den auch heutigen Krisenländern Israel und Türkei. Wobei die Virulenz der Werke, dies sei dem heutigen Referat des Festivalgeschehens vorangeschickt, vor allem dem Fortwirken gewisser historischer Prozesse zu danken ist. Und nicht gerade den Filmen selber.

Joseph Cedars israelischer Wettbewerbsbeitrag „Beaufort“ spielt ausschließlich auf der titelgebenden gleichnamigen Festung, einem seit Kreuzfahrerzeiten strategisch genutzten Berg im Südlibanon. Weil Israel beschlossen hat, sich militärisch aus diesem Gebiet zurückzuziehen, wird die überwiegend in den Berg hineingebaute, zuvor noch unter gelegentlichem Beschuss der Hisbollah liegende Festung im Mai 2000 gesprengt. Der Film spielt in den Monaten vor der Sprengung und erzählt von einer Handvoll Soldaten mit ihren Ängsten und Hoffnungen, ihrer Langeweile, ihrer Selbstironie auch unter Lebensgefahr – und, weil der Krieg ja nicht vorbei ist, auch von ihrem Sterben.

Es sind nur wenige, die umkommen; einer, der eine Mine zu entschärfen sucht, ein anderer auf Wache, und immer werden die Todeskandidaten, antikriegsfilmgenreüblich, dem Zuschauer kurz zuvor noch einmal besonders ans Herz gelegt: Der eine singt mit sanfter Stimme, der andere schwärmt von der Freundin, und schon ist ihr Leben, absurde Lotterie des Militärs, ausgelöscht. „Beaufort“ schildert mit semidokumentarischem Habitus den Alltag auf verlorenem, weil schon aufgegebenem Posten – und lässt auch dem erst 22-jährigen Kommandeur Liraz (Oshri Cohen) anrührende Würde: Aus purer Verpflichtung für die toten Kameraden zögert er, den Rückzug zu befehligen. Dann obsiegt die Disziplin. Und wohl auch der Lebenswille.

Viel mehr als ein überwiegend ereignisarmes Milieustück, ein verfilmter Landserroman mit angenehm unaufdringlich typisierten Soldaten ist „Beaufort“ dennoch nicht geworden – und im Wettbewerb eines sich auch ästhetisch innovativ verstehenden Weltfestivals nicht eben zwingend am Platz. Hinzu kommt, dass das Setting, wofür der Regisseur nichts kann, historisch schon wieder gründlich überholt ist – schließlich hat Israel den (Süd-)Libanon letzten Sommer erneut angegriffen und wochenlang bombardiert. Angesichts der nicht enden wollenden Nachbarkriege der Nachfahren jener, die dem Holocaust entkommen sind, könnte sich, so gesehen, die Sprengung der Festung Beaufort noch als voreilig erweisen – auch wenn seit dem jüngsten Kriegsende die libanesische Armee im Süden des Landes einstweilen für Ruhe sorgt.

Vom türkischen Völkermord an den Armeniern, der mittlerweile 92 Jahre zurückliegt, erzählt „Das Haus der Lerchen“ (La masseria delle allodole) von Paolo und Vittorio Taviani; und anders als der stimmig erzählte „Beaufort“ gewinnt das jüngste Werk der beiden 77 und 75 Jahre alten Brüder seine Festival-Relevanz allein durch die mörderische Deutungsschlacht, die derzeit um sein zentrales Thema tobt. Anderthalb Millionen Armenier, zwei Drittel dieses christlichen Bevölkerungsteils in der Türkei, wurden damals von den Jungtürken ermordet, der Rest wurde vertrieben oder zwangsislamisiert. Erbittert tobt derzeit der innertürkische Streit um diese in – nichttürkischen – Geschichtsbüchern verbürgten Tatsachen; er führte zum Mord an Hrant Dink, trieb soeben Orhan Pamuk ins Exil, befeuert die nationalistischen Rechten in der Türkei – und droht das Land, das sich in seiner politischen Spitze offenkundig nicht der Vergangenheit stellen will, immer weiter von Europa zu entfernen.

„Das Haus der Lerchen“ aber, nach „Ararat“ (2002) des armenischstämmigen Kanadiers Atom Egoyan überhaupt erst der zweite Film zum Thema, eignet sich nur sehr beschränkt als Mittel aufklärerischer Auseinandersetzung. Unendlich staubig und deklamatorisch in seiner ersten Hälfte, vorgestrig sexistisch in seiner späteren Fleischeslüsternheit, als es Folter und Fluchtversuche schöner junger Frauen zu illustrieren gilt: Mit allerbesten politischen Absichten haben die Tavianis ein bald im Kitsch ersaufendes Machwerk geschaffen. Der Gipfel ist ein glutäugiger Moritz Bleibtreu als stets romantisch fühlender Säbeltürke, der sein barbusiges armenisches Flüchtlingsliebchen vor aller Augen köpft – um ihm zartfühlend die Folter zu ersparen.

Ein Gutes immerhin: Das Thema Türkei-Armenien ist zumindest cineastisch nicht länger tabu. Soeben meldet Hollywood, dass Franz Werfels 1933 erschienener und in Deutschland sogleich verbotener Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ vielleicht bald verfilmt wird. Über 70 Jahre lagen entsprechende Projekte in den Studios auf Halde, nun macht sich Sylvester Stallone an die Arbeit. Ausgerechnet „Rocky-Rambo“ als Herausforderer der guten alten Tavianis: Das immerhin verspricht einen Wettbewerb der besonderen Art.

„Beaufort“ heute 9. 30, 18. 30 und 21 Uhr (Urania) 18. 2., 20 Uhr (International); „Das Haus der Lerchen“ noch einmal heute 17.45 Uhr (Cubix 8). Siehe auch Interview mit den Brüdern Taviani, Seite 31

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