Kultur : Auferstanden aus Ruinen

Matthias Ehlert

besichtigt eine Legende Es war im Oktober 1988. Auf der Schönhauser kontrollieren um Mitternacht gelangweilte Volkspolizisten die Personalausweise jugendlicher Herumstreuner. Wer Jeans und keinen Oberlippenbart trägt, ist verdächtig. Ein paar Meter weiter, in einem FDJ-Klub namens „Erich Franz“, wird mit viel Bier und Wodka- Cola die Leinwandpremiere von „Flüstern und Schreien“ gefeiert, dem ersten „DDR-Rockreport“. In Film und Club hüpfen aufmüpfige Bands und ihre juvenilen Fans wild durch die Gegend.

Der nach einem antifaschistischen Arbeiterschauspieler benannte Franz-Klub, 1970 eröffnet, galt als Institution der Ostberliner Musikszene. City und Renft, Pankow und Sandow traten hier auf – in schön übersichtlich-gemütlichem Rahmen. Die alten Fans hielten dem Club oft jahrzehntelang die Treue, so dass man an manchen Abenden hier archäologische Studien zur DDR-Rockgeschichte betreiben konnte. In den Umbruchszeiten 1988/89 war der Club nicht mehr ganz so angesagt, weil er sich der ätherischen Jazz-Szene an den Hals geworfen hatte.

Erst in den frühen Neunzigern besann sich der Klub wieder auf die Primärtugenden des Ortes („365 Konzerte an 365 Tagen“), bevor er im August 1997 einem bayrischen Gasthaus weichen musste. Zum Abschied spielte „Knorkator“ und die Prenzlberg-Szene schwor sich, künftig Schweinshaxen und Paulaner-Biere zu boykottieren. Der Widerstand zeigte Wirkung: Jetzt kehrt der „frannz“ an den alten Ort in der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee 36) zurück. Heute wird dort um 20 Uhr zur Eröffnung die Soulstimme von Jocelyn B. Smith erklingen. Am 26.9. steht der ehemalige Universal-Manager Tim Renner als Hobby-DJ am Mischpult. Und vielleicht sind ja einige Fossile aus alten Zeiten auch wieder am Tresen.

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