Kultur : Aufführung des Skandalstücks "Corpus Christi" in Heilbronn abgebrochen

Christian Holtorf

Wegen einer anonymen Bombendrohung musste am Donnerstag in Heilbronn die Aufführung des amerikanischen Skandalstückes "Corpus Christi" von der Polizei abgebrochen werden. Die 700 Besucher im ausverkauften Theater erlebten den vorläufigen Höhepunkt einer Auseinandersetzung mit einem Text, dem Gotteslästerung vorgeworfen wird. Vor dem Theater hatten Anhänger der "Partei Bibeltreuer Christen" Kirchenlieder gesungen.

In dem Stück des amerikanischen Erfolgsautors Terrence McNally geht es um eine Gruppe junger Männer in der texanischen Stadt Corpus Christi. Sie sammeln sich um ihren Anführer Josua und beginnen, die Geschichte Jesu nachzuspielen. Das Besondere: Alle sind schwul. "Jesus Christus gehört uns allen, weil er uns alle enthält", begründet McNally, der in den 50er Jahren selbst in Corpus Christi aufgewachsen ist, seinen Versuch, die Bibel homosexuell zu interpretieren. Nach Protesten bei der Uraufführung in New York, nach der Fatwa, dem islamischen Todesurteil, gegen den Autor in London nun also Heilbronn.

Obwohl das Stück schon seit September läuft, hatte es lange Zeit vor allem die Leserbriefspalten der Lokalzeitung gefüllt. Doch bereits im Herbst gab es anonyme Morddrohungen gegen den Theaterintendanten, den Heilbronner Oberbürgermeister und einzelne Schauspieler. Die "bibeltreuen Christen" hatten vor Gericht eine einstweilige Verfügung beantragt - und waren damit gescheitert. Dann kamen Proteste radikaler Muslime. Seit Anfang Februar sind die Katholiken auf dem Plan. 11 000 Unterschriften und eine Flut von Briefen, einige drohend und beleidigend, sind an die Adresse des Theaters gegangen, um weitere Aufführungen zu verhindern; organisiert von zwei dem Theater bekannten Frauen aus dem Umfeld eines Fatima-Weltapostolats in Deutschland (Blaue Armee Mariens).

Auch nach der jüngsten Bombendrohung hält Intendant Klaus Wagner, der für seine Unerschrockenheit bekannt ist, an der Inszenierung fest: "Die Leute sind Verhinderer". Er will sich auf keinen Fall beugen. Geprüft wird nun, wie sich die Sicherheitsvorkehrungen verbessern lassen. Wagner spricht von einem dumpfen Bodensatz, gegen den zu kämpfen er für eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe hält. War es bisher unklar, wie lange das Stück nach der letzten Abonnenten-Vorstellung noch auf dem Spielplan bleibt, sucht er jetzt nach zusätzlichen Terminen. Die Theaterleitung hatte versucht, mit den Kritikern ins Gespräch zu kommen. Gesprächsrunden von Schauspielern und Gästen nach den Vorstellungen. Beantwortung aller Briefe. Aushang der schriftlichen Proteste im Foyer. Ohne sichtbaren Erfolg: entwickelt hat sich ein Stellungskrieg im Duell der Bekenntnisse.

Die Heilbronner Inszenierung ist allerdings keineswegs spektakulär. "Harmlos und fromm", so urteilte ein Theologe. Auch die Dramaturgin Elke Maul hält die Inszenierung für "weniger provokativ als das, was draußen passiert". Das Stück folgt der biblischen Passionsgeschichte so eng, dass die Verlegung der Rahmenhandlung in die 1960er Jahre Amerikas kaum noch auffällt. Regisseur Harald Siebler inszeniert seine Protagonisten kühl und distanziert. Selbst die Anfangsszene, in der sich alle Schauspieler komplett entkleiden und zur Taufe unter einen Wasserstrahl auf der Bühne treten, kommt ohne große Emotionen aus, von Homoerotik ganz zu schweigen. Es ist ein konservatives Stück, auch für Schwule, denn McNally hat tief in die Mottenkiste der bekannten Klischees über homosexuelle Lebensläufe gegriffen.

Die Heilbronner Produktion ist nach wie vor die einzige in Deutschland. Für das Theatertreffen in Berlin kommt "die angemessene Stadttheater-Inszenierung auf mittlerem Niveau", so Thorsten Maaß von den Berliner Festspielen, nicht in Frage. Bislang sind in Heilbronn auch noch keine Einladungen anderer Bühnen eingegangen.Die nächsten Vorstellungen in Heilbronn sind am 28. Februar und am 13. April

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