Kultur : Aufgeben geht gar nicht

Hermann Peter Piwitt erzählt Geschichten aus seinem kurzen Leben.

Hannes Schwenger
Lässt sich seine Verzweiflung gern anmerken. Hermann Peter Piwitt, inzwischen 79, hier auf einem Foto von 1986.
Lässt sich seine Verzweiflung gern anmerken. Hermann Peter Piwitt, inzwischen 79, hier auf einem Foto von 1986.Foto: IMAGO

Ein „Lebenszeichen mit 14 Nothelfern“ nennt Hermann Peter Piwitt seine neuen „Geschichten aus einem kurzen Leben“. Dabei währt, um bei der Bibel zu bleiben, das seine fast schon achtzig Jahre – so viele, wie die Bibel verheißt, wenn es hoch kommt. Ob und wann es köstlich gewesen sei, darüber gibt es in der Lutherbibel zwei verschiedene Lesarten. Die ältere will wissen, wenn es köstlich gewesen sei, „so ist es Mühe und Arbeit gewesen“. Die neuere relativiert, „und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe.“ Das könnte Piwitts Beifall finden, der sich trotz seiner Lebensmühen und Arbeit an fast zwei Dutzend Büchern als Schriftsteller für vergessen hält. So schon 1995 im Dichterstift Wiepersdorf, wo die „jungen Kollegen höflich gegenüber dem vergessenen Dichter“ gewesen seien.

Dazu besteht auch weiter aller Grund. Denn wer beim Göttinger Wallstein-Verlag erscheint, kann eigentlich kein vergessener Dichter sein. Dieser Topos – vergessen zu sein – gehört viel eher zum Standardritual der Altersklagen hochgeschätzter Autoren. Man denke an Alfred Döblin oder an Piwitts Hamburger Kollegen Hans Erich Nossack, über dessen Hiobsklagen sein Lektor Walter Boehlich spottete: „Er wollte nur wieder einmal scheitern.“ In seinen Tagebüchern – vielleicht Nossacks Hauptwerk! – klagt der 73-Jährige drei Jahre vor seinem Tod: „Wenn dieses Tagebuch überhaupt noch einen Wert haben soll, dann nur als schonungslose Darstellung der Langeweile, oder genau gesagt, der Überflüssigkeit eines alten Künstlers.“

Nicht anders Hermann Peter Piwitt. Mit einem Tagebuch hat er es auch schon einmal versucht, und auch sein Leben hat er wiederholt schon erzählt: mal politischer, mal persönlicher, von Mal zu Mal schnörkelloser. Das erste Mal 1984 in „Deutschland – Versuch einer Heimkehr“, dann 2006 anhand der Geschichte seines Bruders in „Jahre unter ihnen“. Und zuletzt 2010 im Versuch einer Lebensbilanz „Heimat, schöne Fremde“. Grund genug, diesmal vorauszuschicken, er habe „das alles schon schöner erzählt. Oder schlechter. Jetzt, wo ich nicht mehr ganz bei Sinnen bin, liest es sich so.“

Wie nun: schöner oder schlechter? Mag sein, dass sich die Anspielung nur auf die Alzheimer-Erkrankung seines Bruders bezieht, von der er sich ebenfalls bedroht fühlt. Aber die Sinne, Schönheit und Sinnlichkeit spielen in seinem Werk – etwa dem Porträt d’Annunzios, der sein Leben als Kunstwerk inszenierte, oder den „Gärten im März“, in denen „Gesellschaftskritik aufgelöst wird in Sinnlichkeit und Phantasie“ (Stephan Reinhardt) – eine so große Rolle, dass ihr altersbedingter Verlust auch in seiner Lebensbilanz zu Buche schlägt.

Zuerst habe sich der Geschmackssinn verabschiedet, klagt Piwitt, „es schmeckt alles nach Scheiße“. Dann sei das Gedächtnis weggeblieben, der Geruchssinn, die Sehkraft, das „schöne blonde Haar“. Zwei Jahre habe er gebraucht, bis er begriff, „warum die Mädchen nicht mehr zurückguckten ... Altwerden ist wirklich das Dümmste, was einem passieren kann. Fast so dumm, wie überhaupt geboren zu werden.“ Wären da nicht die vierzehn Nothelfer: Lehrer, Freunde und Kollegen wie sein Deutschlehrer Petran, „der zweite in diesem Scheißleben, dem ich verdankte, daß ich nicht schon damals aufgab“. Oder auch „der dritte Mensch, der mir guttat“: Wolfgang Maier, ein Kommilitone in Frankfurt und Mitarbeiter am Literarischen Colloquium in Berlin, wo in Walter Höllereres Schreibwerkstatt – unter anderem mit Nicolas Born, Hans Christoph Buch – Hermann Peter Piwitts erstes Buch entstanden ist, „Herdenreiche Landschaften“.

Aus einem Text von Maier, der nach einer durchtrunkenen Nacht an einem Bissen Wurst erstickte, stammt das Motto für Piwitts Buch. Sein Titel: „Traurige Zeit“. Auch Walter Höllerer, den vierten Nothelfer, erreicht nur noch ein Nachruf: Er habe ihm die Wege geöffnet, „bis auch ihm der Kragen platzte“. So geht es weiter, quer durch die literarische und politische Landschaft der Bundesrepublik, von Günter Grass, der („freundlich von ihm“) die Umschlaggrafik für Piwitts erstes Buch beisteuerte, über seine Freunde aus dem Umkreis der DKP bis zum „konkret“-Chef Hermann Gremliza, einem seiner vierzehn Nothelfer. Ihm gilt als höchstes Lob: „Wie verzweifelt er oft war, ließ er sich nicht anmerken.“

Hermann Peter Piwitt lässt es sich anmerken, und ja – das ist schwärzer, ehrlicher und zugleich schöner erzählt als je zuvor. Mehr als nur vergebliche Mühe.

Hermann Peter Piwitt. Lebenszeichen mit 14 Nothelfern. Geschichten aus einem kurzen Leben. Wallstein Verlag Göttingen 2014.143 Seiten, 17, 90 €.

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