AUFGESCHLAGEN... : Rilke hat Schnupfen

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. (Heute Abend, 23.35 Uhr, mit Nadine Gordimer und Christoph Ransmayr)



10) Greg Smith: Die Unersättlichen (Deutsch von Petra Pyka, Christoph Bausum, Thorsten Schmidt, 368 S., 19, 95 €)

12 Jahre hat Greg Smith für Goldman Sachs an der Wall Street gearbeitet und gelangt nun zu dem überraschenden Befund: Denen geht’s doch nur ums Geld! Smith mit seinem unfreiwillig komischen Insider-Enthüllungsbuch allerdings auch. Wer hohe moralische Standards bei Investmentbankern erwartet, geht im Bordell auf die Suche nach Unschuld.

9) Philippe Pozzo di Borgo: Ziemlich beste Freunde (Deutsch von Dorit Gesa Engelhardt, Marlies Russ, Bettina Bach, Hanser Berlin, 200 S., 14, 90 €)

Ein bewegendes, kitschfreies Buch von einem sehr privilegierten, sehr bedauernswerten Mann über das, was im Leben wirklich wichtig ist: Liebe, Freundschaft, Mut und Zuversicht im Bewusstsein von Krankheit und Tod.

8) Manfred Spitzer: Digitale Demenz

(Droemer, 368 S., 19, 99 €)

Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, ist mit diesem Sachbuch über die vermeintlich desaströsen Nebenwirkungen der Computerisierung unserer Lebenswelt ein Paradebeispiel dafür, wie die Überspitzung einer an sich bedenkenswerten These auch kluge Menschen in dämliche Vereinfachung treibt. Sicher ist es eine gute Idee, Computer- und Internetnutzung insbesondere von Kindern einzuschränken. Aber die pauschale Verteufelung, wie sie Spitzer hier betreibt, erinnert doch fatal an jene Warnungen von Medizinern im 19. Jahrhundert, die Eisenbahnfahrten mit Geschwindigkeiten von über 30 Stundenkilometern als für das menschliche Hirn unaushaltbar ablehnten.

7) Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo:

Verstehen Sie das, Herr Schmidt?

(Kiepenheuer & Witsch, 272 S., 16, 99 €)

Was Wum und Wendelin für die siebziger Jahre waren, sind Altkanzler Schmidt und „Zeit“-Chefredakteur di Lorenzo für das Deutschland der Gegenwart: launige Kommentatoren des Weltgeschehens, nicht immer ganz nachvollziehbar, aber sehr, sehr knuffig.

6) Peter Scholl-Latour: Die Welt aus den

Fugen (Propyläen, 400 S., 24,99 €)

Achtung, dies ist keine der großen Reisereportagen des brillanten Welterklärers Peter Scholl-Latour, sondern lediglich eine Abfolge von Interviews, Kommentaren und Texten zu Fernsehdokumentationen. Der Preis für diese Zweitverwertung eigener Schriften: Redundanz und mangelnde Stringenz. Aber selbst noch in seinen Gelegenheitsarbeiten bietet der 88-Jährige profunde historische Einsichten, breites Faktenwissen und stichhaltige politische Analysen.

5) Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen

Handelns (Hanser, 248 S., 14, 90 €)

In dieser unterhaltsamen Fortsetzung seines ersten Bestsellers legt Dobelli wieder die Wurzeln unseres vermeintlich rationalen Handelns im Irrationalen frei. 52 Kurzkapitel enttarnen jeweils eine kuriose Abseitsfalle unseres Denkens – von der „Angst vor Reue“ bis zur „Neomanie“, die dafür sorgt, dass wir Gutes gegen Neues tauschen.

4) Florian Illies: 1913. (S. Fischer, 320 Seiten, 19, 99 €)

Das Ende des langen 19. Jahrhunderts erzählt Florian Illies in einer Kette von Anekdoten über ein Figurenensemble, das von Chaplin bis Hitler reicht und dessen Handeln im Jahr 1913 ein wunderbares Stroboskoplicht auf die kulturelle Pracht der Epoche und das Grauen der Zukunft wirft. Mein Lieblingseintrag verzeichnet im März 1913 auf Seite 85: „Rainer Maria Rilke hat Schnupfen.“ Kein historisches Meisterwerk, dafür sind diese Tweets eines Jahres wahrlich zu unterkomplex, aber ein kurzweiliges Buch.

3) Rolf Dobelli: Die Kunst das klaren Denkens (Hanser, 256 S., 14, 90 €)

Rolf Dobelli veranstaltet in dieser ersten Sammlung seiner Zeitungskolumnen ein amüsantes und erkenntnisträchtiges Gehirnjogging für Fortgeschrittene.

2) Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall (Ullstein, 400 S., 19, 99 €)

Zum Stichwort bildungsferne Parallelgesellschaft fällt mir seit vielen Jahren als erstes immer der Deutsche Bundestag ein. Ich tat mich zunächst schwer mit diesem Buch des Berliner Bezirksbürgermeisters Buschkowsky, was auch am Titel lag, den ich für schlicht schwachsinnig halte: Der Berliner Stadtteil Neukölln ist in Deutschland genauso wenig „überall“ wie X das neue U ist. Dennoch: Dies ist ein differenziert argumentierendes, faktenreiches, mit vielen Beispielen zum Selberdenken einladendes Buch zur Integrationsdebatte, dessen Höhepunkt auf Seite 138 bis 153 die Schilderung eines Besuchs Buschkowskys bei Thilo Sarrazin und seinem Kater ist. Gewiss werden sich auch manche Menschen über mein Lob für Buschkowskys Buch aufregen. Hier gilt: erst lesen, dann maulen.

1) Manfred Lütz: Bluff! Die Fälschung der Welt (Droemer, 189 S., 16, 99 €)

Wer den Tod verdrängt, verpasst sein Leben, sagt der Psychiater Manfred Lütz und listet in flottem Trab durch die modernen Erfahrungsräume und Wissenswelten auf, wie etwa Castingshows, Esoterikschwurbler und Finanzjongleure durch immer raffiniertere Täuschungsagenturen und Verdrängungssysteme an der Fälschung unserer Welt arbeiten. Als Alternative empfiehlt Lütz die katholische Kirche. Was soll ich als agnostischer Leser dazu sagen außer: Ja und Amen?

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