AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Belletristische Fetzen

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Heute Abend, 23 Uhr 35, Gäste Umberto Eco, Sibylle Lewitscharoff, Philip Roth)

10) Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini (Piper, 208 S., 16.99 €)

Ein italienischer Werkzeugmachermeister tötet einen 85-jährigen deutschen Industrieführer, der ein Kriegsverbrecher war. Leider beschreibt von Schirach keinen SS-Obersturmbannführer, sondern bloß ein Hollywood-Monster wie Godzilla, weshalb „Der Fall Collini“ kein Roman ist, sondern eine in dürftige belletristische Fetzen gehüllte Knobelaufgabe aus dem Zweiten juristischen Staatsexamen.

9) Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (Deutsch v. Wibke Kuhn, 416 S., 14,99 €)

Ein uralter Schwede hat keine Lust aufs ritualisierte Prösterchen mit der Altenheimleitung und den Stadtoffiziellen. Er büxt an seinem 100. Geburtstag aus dem Altenheim ins wahre Leben aus. Schwuppdiwupps kommt er in den Besitz eines Geldkoffers und erinnert uns begeisterte Leser daran, worauf es im Leben wirklich ankommt. Ein gelungener Unterhaltungsroman.

8) Jussi Adler-Olsen: Schändung (Deutsch von Hannes Thies, dtv, 460 S., 14.90€)

Ein Krimi über pervertierte Angehörige der dänischen Oberschicht, die Menschenjagden veranstalten. Leider gießt der Autor das Grundsatzprogramm der Sozialdemokratie in die Form eines Stieg-Larrson-Thrillers: „Sie, die ich am meisten auf der ganzen Welt geliebt habe, wurde massakriert. Und die Täter stehen jetzt ganz oben auf der gesellschaftlichen Leiter und grinsen uns an.“

7) Jo Nesbo: Die Larve (Deutsch von Günther Frauenlob, Ullstein, 576 S., 21.99€)

Der neunte Roman mit dem desillusionierten Ermittler Harry Holes markiert, was im skandinavischen Thriller derzeit möglich ist: intelligente, ja, facettenreich gestaltete Serienkonfektion. Wen interessiert schon der Plot angesichts der stupenden Fähigkeit des Erzählers, uns wirklich alle Seelenausstülpungen noch der allerletzten Nebenfigur quicklebendig zu schildern?

6) S.J. Watson. Ich.Darf.Nicht.Schlafen. (Deutsch von Ulrike Wasel, Scherz Verlag, 464 Seiten, 14.95 €)

Während des Lesens dieses ungelenken Thrillers um eine Frau, die nach jedem Schlummer ihr Gedächtnis verliert, hielt mich nur die Frage wach, warum die Macher des Films „Memento“ nicht gegen diesen plumpen Trittbrettfahrer klagen.

5) Jussi Adler-Olsen: Erlösung (Deutsch von Hannes Thies, dtv, 592 S., 14.90 €)

Carl Mørck und sein Assistent Hafez el-Assad rollen den Fall zweier verschwundener Kinder neu auf; eine mit Blut geschriebene Flaschenpost führt zu einer merkwürdigen Sekte. Schräger als sämtliche Kapriolen der Handlung sind die stilistischen Verrenkungen von Adler-Olsen: „Anfangs schlug der Stiefvater nicht. Aber als seine Mutter weniger Schlaftabletten nahm und sich ihm im Bett fügte, erhielt sein Temperament größeren Spielraum.“ Hätte Jussi Adler-Olsen die Aufgabe, einen Notausgang zu beschriften, keiner käme lebend raus.

4) Umberto Eco: Der Friedhof in Prag (Deutsch von Burkhart Kroeber, Hanser Verlag, 528 S. 26.00 €)

In seinem stoffreichen Roman erzählt Eco die Lebensgeschichte eines fiktiven Mörders und Meisterfälschers – und davon, wie Feindbilder entstehen, wie Sündenböcke gemacht werden, wer Interesse an der Verbreitung von Verschwörungstheorien hat. Die schöne Ironie dieses Romans liegt darin, dass außer der Hauptfigur alle Personen real sind und sich die Ereignisse wirklich genau so zugetragen haben.

3) Charlotte Roche: Schossgebete (Piper Verlag, 288 Seiten, 16,99 €)

Die Gesetze der Talkshow produzieren immer mehr letztlich begründungsfrei um sich ballernde Meinungsmaschinchen. Auch dieses Buch ist kein Roman, sondern ein Gefäß für alles, was seiner Autorin gerade durch die Birne rauscht: Meinungen zu vegetarischer Ernährung, zu ehelicher Treue, zur Springerpresse. Das führt zu schönen Stilblüten: „Deswegen bin ich so sauer auf Christen, genauso wie auf Frauen, die sich Silikon in die Brüste stopfen.“ Alles klar.

2) Dora Heldt: Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt (dtv, 336 S., 14,90 €)

Vor ihrem 50. Geburtstag flieht eine Frau mit zwei Freundinnen in ein Wellnesshotel, wo sie über Witze lachen wie: „Wir waren immer schon schwer intellektuell, haben uns für Politik, Gesellschaft, Literatur und klassische Musik interessiert.“ Dumpfe deutsche Unterhaltung, das literarische Äquivalent zu einem panierten Schweineschnitzel mit Mehlpampe.

1) Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher (Knaus, 432 S., 24.99 €)

Das Erscheinen eines neuen Zamonien-Romans von Walter Moers ist ein Festtag für die deutsche Literatur. Nirgendwo findet man kreativeren Irrwitz, nirgendwo mehr Einfälle pro Romanseite als in Moers Geschichten um den schreibenden Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz. Dass man auch nach über vierhundert Seiten voller Schrecksen, Buchlingen und Mythenmetz’scher Abschweifungen zum Thema Puppetismus dem Moerschen Märchen nicht überdrüssig ist, belegt seine Qualität.

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