AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Da schau einer an

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute Abend, 23.35 Uhr).



10) Cecilia Ahern: Ein Moment fürs Leben (Deutsch von Christine Strüh, Krüger Verlag, 448 S., 16,95 €)

Beruflich wie privat frustriert wird die Endzwanzigerin Lucy zu einer Verabredung mit ihrem eigenen Leben einbestellt. Dieses „Leben“ erweist sich als ein unter Mundgeruch leidender Mickermann. Auf Romanlänge aufgeblasene Allegorien haben ein Problem: ihre Ausrechenbarkeit, also Langeweile. So auch diese, deren Moral die Autorin auf Seite 445 überdies für die ganz Begriffsstutzigen ausbuchstabiert: „Eine Weile habe ich mein Leben aufgegeben, aber daraus habe ich gelernt, dass das Leben, selbst so, wenn so etwas passiert, ja, vor allem, wenn so etwas passiert, dich niemals aufgibt.“ Aufgeben, und zwar lange vor Seite 445, sollte man diesen Roman.

9) Jussi Adler Olsen: Erlösung (Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 592 Seiten, 14, 90 €)

Die mit Blut geschriebene Flaschenpost eines ermordeten Kinds ist der Ausgangspunkt für den dritten Fall von Kommissar Carl Mørck vom Sonderdezernat Q der Kopenhagener Polizei, seinem Assistenten Assad und ihrer Sekretärin Rose. Der deutsche Verlag vermarktet Jussi Adler-Olsen wie einen wiederauferstanden Stieg Larsson. Tatsächlich ist Adler Olsen aber der dänische Herbert Reinecker, seine Carl-Mørck-Krimis so fad und berechenbar wie eine Folge „Derrick“.

8) Kerstin Gier: Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner (Lübbe Verlag, 288 Seiten, 12,99 €)

Apropos Trittbrettfahrer: Kerstin Gier ist der Ildikó-von-Kürthy-Klon des Lübbe Verlags. In diesem Buch erhält eine vor eine Straßenbahn gelaufene Frau durch einen Zeitreiseeffekt die Chance, sich nach fünf Jahren des Zusammenlebens noch einmal neu für einen Lebensgefährten zu entscheiden. Gier versucht ihre Schmonzette durch geläufige Zitate etwa von Kafka und Freud aufzubrezeln, gerät aber wie ihre Heldin dabei unter die Räder.



7) Umberto Eco
: Der Friedhof in Prag (Deutsch von Burkhart Kroeber, Hanser Verlag, 528 S., 26 €)

Wie Sündenböcke gemacht werden, wie Einzelne, ja ganze Bevölkerungsgruppen für Missetaten sühnen müssen, die sie nicht begangen haben: das zeigt Umberto Eco in diesem anspruchsvollen neuen Roman um einen genialen Fälscher, der je nach Auftraggeber mal Juden, Freimaurer oder Jesuiten ins Visier nimmt. Ecos Kunststück: Alles in diesem Roman mit Ausnahme der Hauptfigur entspricht streng der Wahrheit. Ein Meisterwerk aus dem Stehsatz des Ressentiments.



6) Rita Falk
: Schweinskopf al dente (dtv, 240 Seiten, 14,90 €)

Erinnert sich noch jemand des mörderischen Schattens, der in den sechziger und siebziger Jahren über Deutschland lag? Ich spreche nicht von den Lebenslügen nach dem Faschismus oder der Unterdrückung von Schwulen und Lesben. Ich spreche vom Dialekttheater. Egal ob Ohnsorg oder Komödienstadel: Die Dummheit hatte tausend Gesichter – angebliche Unterhaltung, in Wahrheit plumpe Indoktrination. Die Neuauflage des Schreckens liefert dieser Regionalkrimi von Rita Falk, dessen Dialoge in feinstem „Dem Leopold-sein-Auto“-Stil geschrieben sind: „Da schau einer an, jetzt kommt auch noch dein Bruder. Geh Franz, tu ihm ein Gedeck aus dem Küchenkasten. Magst?“ sagt der Papa – „Servus, miteinander“, sagt der Leopold, gleich wie er zur Tür reinkommt. „Ah, Frühstück, Ja, da komm ich wohl grad recht.“ Selten hat ein Roman so klar gezeigt, warum „redundant“ und „debil“ im Deutschen Fremdwörter sind.

5) Eugen Ruge: In Zeiten abnehmenden Lichts (Rowohlt Verlag, 432 S. 19,90 €)

Eine handwerklich gut erzählte, menschlich bewegende, literarisch aber unerhebliche Familiensaga. Armin Mueller-Stahl übt bestimmt schon für die Verfilmung dieser DDR-Buddenbrooks.



4) Dora Heldt
: Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt (dtv, 336 S., 14.90 €)

Angeblich erzählt dieser in einem Wellnesshotel angesiedelte Roman von der Angst deutscher Frauen vor ihrem 50. Geburtstag. Tatsächlich betet er einen bedrückenden Katechismus kleinbürgerlicher Klischees herunter.



3) Jonas Jonasson
: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (Deutsch von Wibke Kuhn, carl's books, 416 S., 14,99 €)

Dieser handlungsstarke Roman erzählt von einem Schweden, der an seinem 100. Reißaus aus seinem Altenheim nimmt, weil er wenigstens einmal im Leben noch ein Frühstück ohne Haferbrei genießen möchte, und in den Besitz eines Koffers randvoll mit 500-Kronen-Scheinen gelangt. In zahlreichen Rückblenden spiegelt Jonas Jonasson im Leben seines Helden das ganze 20. Jahrhundert. Ein Gute-Laune-Schmöker.

2) Robert Harris: Angst (Deutsch von Wolfgang Müller, Heyne, 384 S., 19,99 €)

Der Brite Robert Harris hat sein Thrillerhandwerk inzwischen so perfektioniert, dass er sogar Spannung aus einer in der Welt der Hedgefonds angesiedelten Handlung mit einem außer Kontrolle geratenen Algorithmus in der Rolle des Bösewichts ziehen kann. Wer sich einmal auf dieses Buch eingelassen hat, dem gefriert das Blut in den Adern selbst bei Sätzen wie: „Der VIX wird als Quadratwurzel aus der Varianz des Swapsatzes für einen Dreißigtagezeitraum berechnet, notiert in annualisierter Form.“

1) Christopher Paolini: Eragon: Das Erbe der Macht (Deutsch von Michaela Link, cbj, 960 S. 24,90 €)

Natürlich ist mir klar, dass dieses Buch nicht für 46-jährige Literaturkritiker geschrieben wurde, sondern für elfjährige Jungs. Der Elfjährige in mir hat sich mit den Drachen und Nachtfalken, Elfen, Zwergen, Varden und Urgals in Eragons Welt Alagaësia und seinem Kampf gegen Galbatorix auch einigermaßen die Zeit vertrieben. Aber wer die Großmeister dieses Genres kennt – Anne McCaffreys Drachenromane, Tolkien oder auch „Das letzte Abenteuer“ von Heimito von Doderer – dem muss Paolinis aus dem Arsenal altbekannter Allmachtsfantasien zusammengeklaubte Fantasy-Saga ganz ohne Zauber erscheinen.

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