AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Erbauung aus dem Automaten

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Heute Abend, 23.55 Uhr, mit Margriet de Moor, Aris Fioretos, Kristin Rübesamen)

10) Keith Richards und James Fox: Life (Deutsch von Willi Winkler, Ulrich Thiele und Wolfgang Müller, Heyne, 736 Seiten, 26,99 €)

Selbstgerecht, langatmig, dabei über weite Strecken spannungslos und frei von jeder analytischen Erkenntnis des eigenen Tuns erzählt ein Musiker, dem die Attitüde der Rebellion zur Routine wurde, von seinem Leben in einer Unterhaltungscombo.

9) Richard David Precht: Die Kunst kein Egoist zu sein (Goldmann, 544 Seiten, 19,99 €)

Warum Ungerechtigkeit selbst Affen empört, weshalb der Kapitalismus die Grundlagen, auf die er angewiesen ist, langfristig selbst aufzehrt und wieso Ethik und Politik untrennbar zusammengehören: Richard David Precht hat ein leicht verständliches, gutes Buch über Moral geschrieben und fordert: „Mehr Regulierung von oben und mehr Freiheit von unten.“

8) Loki Schmidt und Reiner Lehberger: Auf einen Kaffee mit Loki Schmidt (Hoffmann & Campe, 204 Seiten, 17 €)

Dass dieses dünn angerührte Süppchen aus Plaudereien mit der kürzlich verstorbenen Kanzlergattin nicht nervt, liegt am Charme Loki Schmidts. Viel substanzreicher und ihrem lebenslangen Engagement als Botanikerin entsprechender ist aber Loki Schmidts schönes, zusammen mit Lothar Frenz verfasstes „Naturbuch für Neugierige“.

7) Axel Hacke, Giovanni di Lorenzo: Wofür stehst du? (Kiepenheuer & Witsch, 230 Seiten, 18,95 €)

Was einen tief im Innersten geprägt hat, auf welchen Pol man seinen moralischen Kompass ausrichtet, wodurch man Werte gewinnt: Diese Fragen beantworten die Journalisten Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo kompetent und unprätentiös. Leichte, aber keineswegs seichte Lebenshilfe: Respekt!

6) Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja wie viele? (Goldmann, 400 Seiten, 14,95 €)

Prechts Einführung in Philosophie und Hirnforschung ist inzwischen ein millionenfach verkaufter Klassiker der neuen Lust am Selberdenken. Ihr Bestsellererfolg vermag höchstens Neidhammel der Kathederphilosophie zu stören, die lieber ihre Unfähigkeit bejammern sollten, aus den Labyrinthen ihrer Fachdiskurse herauszufinden.

5) Roger Willemsen: Die Enden der Welt

(S. Fischer, 541 Seiten, 22,95 €)

Der schönste Satz dieses an Einsichten und Beobachtungen überaus reichen und daher anregenden Buchs des rastlosen Reisenden Willemsen mit 22 Reportagen aus Minsk und Mandalay, Kinshasa und aus der Eifel lautet für mich: „Manche reden, wie Hunde ihr Bein heben.“

4) Karen Duve: Anständig essen (Galiani, 335 Seiten, 19,95 €)

Ein Bericht über den Selbstversuch der Autorin, ihre Ernährung von Supermarktmampf erst auf vegetarische, dann auf vegane und fruktarische Kost umzustellen. Ein lesenswertes Plädoyer gegen Quälfleisch aus Massentierhaltung und unreflektierten Fleischkonsum.

3) Margot Käßmann: In der Mitte des Lebens (Herder, 160 S. 16,95 €)

Aus groupiehafter Sehnsucht nach der medialen Wiederauferstehung einer wegen Trunkenheit am Steuer zurückgetretenen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ein grauenhaftes Mischmasch aus Sermon, Erbauungsliteratur und moralisierenden Textautomatenbausteinen über Monate an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten zu jubeln – für solch merkwürdige Heiligenverehrung kennt man meines Wissens im Norddeutschen das schöne Wort „katholsch!“

2) Loki Schmidt: Auf dem roten Teppich (Hoffmann & Campe, 233 Seiten, 20 €)

Noch ein autobiografisches Interviewbuch der Hamburger Legende. So kurzweilig es auch ist, lieber als solchen Klatsch lese ich von Loki Schmidt Spannendes über Klatschmohn, nämlich im gerade schon empfohlenen „Naturbuch für Neugierige“.

1) Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab (DVA, 464 Seiten, 22,99 €)

Dieses Buch erinnert mich fatal an Berechnungen französischer Skeptiker aus dem 18. Jahrhundert, die präzise darlegten, dass bei weiterer Zunahme des Individualverkehrs zu Pferde Paris im Jahre 1900 unweigerlich unter Tonnen von Pferdemist ersticken würde. In einem aber hat Thilo Sarrazin leider wirklich recht: In hundert Jahren ist die derzeitige erwachsene Bevölkerung Deutschlands zweifellos ausgestorben. Lassen Sie uns die Zeit bis dahin also nutzen und bessere Bücher lesen!

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