AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Katzen in der Geisterbahn

Denis Scheck ist Literaturredakteur im Deutschlandfunk. Einmal monatlich bespricht er die Bestsellerliste des Magazins „Der Spiegel“. Abwechselnd geht es um Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“, die bis zum 1. September Sommerpause macht.

10) Eugen Ruge: Cabo de Gato (Rowohlt, 203 Seiten, 19,99 €)

Das schönste Aussteiger-Buch seit langem: Eugen Ruge erzählt unangestrengt und unaufgeregt von einem, der auszog, sich selbst zu finden, dabei in einem kleinen Fischernest in Andalusien während eines langen Winters Freundschaft mit einer Katze schließt und sich – und uns! – durch seine unter dem Motto „Ich erinnere mich ...“ stehenden Schreibexerzitien tatsächlich auf die Spur kommt. Am Ende schnurren Katz und Leser vor Zufriedenheit.

9) Stephen King: Joyland (Deutsch von Hannes Riffel, Heyne, 352 Seiten, 19,99 €)

Fast impressionistisch malt Großmeister Stephen King dieses Genrebild aus dem Amerika der siebziger Jahre. Ein Student mit Liebeskummer, ein Freizeitpark an der Küste North Carolinas mit einer Geisterbahn, in der es angeblich spukt, ein Junge, der ein Medium ist. Kings Horrorroman über die Mechanismen unserer Erinnerung ist ein kleines Meisterwerk.

8) Douglas Preston, Lincoln Child:

Fear – Grab des Schreckens (Deutsch von Michael Benthack, Droemer, 574 Seiten, 19,99 €)

Der einzige Schrecken, den diese Schwarte bereithält, ist die Sprache, in der sie geschrieben ist. Die Dialoge sind reine Realsatire mit ihrer „Ichweiß-wo-dein-Haus-wohnt“-Dramaturgie: „Ich weiß nicht nur, wer Sie sind, sondern auch viel über Sie. Sie waren einmal Anführer des Batalhão de Operações Policiais Especiais – der elitärsten und ruhmreichsten Schnellen Eingreiftruppe der brasilianischen Militärpolizei.“ Schwer vorstellbar, dass einer der Autoren einmal als Lektor gearbeitet haben soll.

7) Anne Gesthuysen: Wir sind doch Schwestern (Kiepenheuer &Witsch, 416 S., 19,99 €)

Leben und Sterben am Niederrhein inklusive kultureller Besonderheiten wie „Kränzabend“ und „Elf-Ührken“-Trinken beschreibt Anne Gesthuysen in Form eines saftigen und souverän erzählten Familienromans.

6) Martin Walker: Femme fatale (Deutsch von Michael Windgassen, Diogenes, 427 Seiten, 22 €)

Dieser auf dem Reißbrett entstandene Regionalkrimi lebt wie ein Zuhälter vom Charme seines Settings. Kostprobe gefällig? „,Sie Langweiler’, rüffelte sie ihn, gab dem Baron einen letzten Knuff in den Arm und führte Bruno in ihr Büro.“ Mehr braucht man über diesen Perigord-Schinken nicht zu wissen.

5) Tess Gerritsen: Abendruh (Deutsch von Andreas Jäger, Limes, 416 Seiten, 19,99 € )

Der achte Leichenporno der amerikanischen Ärztin Tess Gerritsen um ihr Ermittlerpaar Doktor Maura Isles und Jane Rizzoli ist wie ein mieser Pauschalurlaub: schlechtes Quartier, unfreundliches Personal, lieblos zubereiteter Mampf. Schade um die Zeit.

4) Dora Heldt: Herzlichen Glückwunsch,

Sie haben gewonnen (dtv, 352 Seiten,

17,90 €)

Eine Butterfahrt erweist sich als Immobilienabzocke – so weit, so harmlos. Was aber bringt mich an den Rentnerkrimis Dora Heldts nur so auf die Palme? Wahrscheinlich genau diese enervierende Harmlosigkeit, ihr aus dem Mulch des Vorabendfernsehens erwachsenes Gesellschaftsbild, ihre geistfeindliche Biederkeit, die man seit Herbert Reinecker für ausgestorben hielt.

3) Donna Leon: Tierische Profite (Deutsch von Werner Schmitz, Diogenes, 327 Seiten, 22,90 €)

Schreibt Donna Leon neuerdings über Berlin? „Die Stadt versank im Schmutz, Hotels entstanden an jeder Ecke, die Mieten stiegen, jedes freie Stückchen Bürgersteig wurde an Leute vermietet, die an ihrem Stand irgendwelchen nutzlosen Schrott verkaufen wollten, aber das änderte nichts daran, dass die Flut der Versprechungen, all diese Übel zu beseitigen, von Tag zu Tag immer höher anschwoll.“ Auch der 23. Brunetti spielt in Venedig, hat aber ein universelles Thema: die Verbrechen der Fleischmafia. Verlässliche Krimikost, die einen allerdings wie Donna Leon zum Teilzeit-Vegetarier werden lassen kann.

2) Timur Vermes: Er ist wieder da (Eichborn, 396 Seiten, 19,33€)

Kunst darf frivol sein und muss ins Risiko gehen. Was hätte ein Maxim Biller, was eine Katja Lange-Müller, was ein Christian Kracht aus der Idee machen können, Adolf Hitler als Akteur auf die politische Bühne des heutigen Berlins zu holen? Leider ist der Autor dieses buchlangen Gedankenexperiments aber künstlerisch von seiner eigenen Idee überfordert. Herausgekommen ist so nicht mehr als ein ziemlich müder Witz. Immerhin taugt dieser misslungene Roman als Erinnerung, dass es „Naziploitation“ nicht nur im Guido-Knopp- Fernsehen gibt.

1) Dan Brown: Inferno (Deutsch von Axel Merz und Rainer Schumacher, Lübbe, 685 Seiten, 24 €)

Ein Schmarren, aber was für einer! Dan Brown hat einen bildungsträchtigen Schundroman geschrieben, den ich von der ersten bis zur letzten Seite genossen habe. Wer nach „Inferno“ nicht zum Dante-Leser wird, hat den Roman nicht begriffen.

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