Aufschlag : Stoibers Riesenrad

Rainer Moritz über Identitätsprobleme, allenthalben.

Rainer Moritz

Ja, damit sind wir groß geworden, mit der Lehre vom unrettbaren Ich der Moderne, mit modrigen Pilzen und allgegenwärtigen Identitätskrisen, denen man sich seit Freud & Co. keinesfalls entziehen könne. Gefallen hat mir das nie, denn als altmodischem Menschen lag und liegt mir viel daran, wenigstens in meinen eigenen vier Wänden kein Chaos aufkommen zu lassen. So wie der Held in Wilhelm Genazinos Roman „Die Liebesblödigkeit“, der partout nicht multipel sein möchte: „Das Problem ist nur, dass ich die vielen Ichs gar nicht haben möchte, im Gegenteil. Ich beharre darauf, dass ich heute genau derjenige bin, der ich schon gestern war und der ich übermorgen wieder sein werde.“

Freilich, wenn ich mich umsehe, stehen Genazino und ich auf verlorenem Posten. Keiner will dauerhaft sein, was er war; keiner steht mehr zu sich selbst. Längst habe ich mich daran gewöhnt, dass Friseurgeschäfte wie halbitalienische Espressoboutiquen aussehen, Autohändler Bardolino verkaufen, dass es bei Starbucks fast unmöglich ist, einen hundsgewöhnlichen Kaffee zu ordern, dass Barbara Schöneberger singt und Günter Grass oder Martin Walser im gesetzten Alter ihre lyrische Ader (wieder)entdecken. Jeder will sich ausleben, jeder will, frei nach Rimbaud, ein anderer sein, anstatt bei seinen Leisten zu bleiben und nicht jeden Monat in einer neuen Gasse den Hansdampf zu spielen.

Überall herrscht post-postmodernes Durcheinander, in der Politik sowieso, wo Ursula von der Leyen das Weltbild der CDU-Altvorderen zerstört und Edmund Stoiber als kommender Bundespräsident gehandelt wird, weil er – das war mir entgangen – ein „Anwalt des kleinen Mannes“ sei. Am Bonner Theater erleben wir demnächst eine Operninszenierung von Moritz Eggert und Christoph Schlingensief, bei der das Werk nicht mehr szenisch aufgeführt wird – eine alberne Idee, die die Verantwortlichen als einmaliges Ereignis der Musikgeschichte verkaufen wollen.

Wenn das so weitergeht, richten die in Mügeln morgen ein Integrationszentrum für notleidende Inder ein, setzt Bayern München bald nur noch Spieler aus der eigenen Jugend ein und erleben wir, dass Walter Kempowski den Georg-Büchner-Preis bekommt. Ein Hamburger Zahnarzt – ich nenne keine Namen! – hat das längst begriffen, wissend, dass seine Klientel nichts von Bohren und Extrahieren hören will. Auf seiner Homepage betont er stattdessen, dass die von ihm verabreichten Keramikgebisse „so unvergänglich, ästhetisch und schön wie ein Ming-Gefäß“ seien. Wohin soll dieser Etikettenschwindel, diese Invasion der Chamäleons führen? Selbst meine nicht mehr ganz jungen Eltern sind davor nicht gefeit und machten sich, nach glaubhafter Aussage meiner Mutter, neulich zum Volksfest auf, um ein Riesenrad zu besteigen. Ein Freizeitvergnügen, dem sie sich zuletzt in den frühen Siebzigerjahren hingaben. Wie kommen meine Eltern dazu?

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