Aufschlag : Tangas & Dildos

Vor allem wirtschaftliche Rahmenbedingungen entscheiden über das Niveau einer Kultur. Die neue Pornografiedebatte verschleiert diesen Zusammenhang.

Rainer Moritz

Als Theodor W. Adorno in den sechziger Jahren Vorlesungen zur Musiksoziologie hielt, betonte er, dass seichtes und schlichtes Liedgut nur in entfremdeten Gesellschaftsverhältnissen gedeihen könne. Schlager zum Beispiel, so der Frankfurter Lehrmeister, würden „die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt“ beliefern, „von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal ihnen sagt, sie müssten sie haben.“ Lang ist das her, und der Glaube daran, dass befreite Menschen nur noch Beethoven hörten und kaum mehr schlechte Eigenschaften aufwiesen, ist seitdem nicht größer geworden.

So verquer Adornos Verdikt heute klingen mag, so deutlich erinnert es daran, dass vor allem wirtschaftliche Rahmenbedingungen über das Niveau einer Kultur entscheiden. Die neue Pornografiedebatte, die soeben von Alice Schwarzers „Emma“ angestoßen wurde, verschleiert diesen Zusammenhang. Sie wirkt, so Iris Radisch in der „Zeit“, altmodisch, weil die durch das Internet vorangetriebene Pornografisierung unserer Gesellschaft nur wenig mit sexistischen Motiven ihrer Promoter zu tun hat. Der „Geschäftsgeist des Neoliberalismus“ (Iris Radisch) will nur eins: vertreiben, verkaufen, wofür es eine Nachfrage gibt. So sind auf mühelos zu erreichenden Internetportalen Sexualpraktiken zu besichtigen, die man früher kaum vom Namen her kannte, und so sieht sich der von des Tages Last und Müh’ erschöpfte Arbeitnehmer nächtens permanent Videoclips und Telefonangeboten lustvoll stöhnender Greisinnen ausgesetzt, die DSF oder Das Vierte im Minutentakt ausstrahlen.

Das alles ist abstoßend und sollte nicht achselzuckend abgetan werden. Naiv ist es jedoch, anzunehmen, dass geldgierige Pornoanbieter sich durch gut gemeinte Aktionen beeinflussen ließen. Wo deren „Geschäftsideen“ nicht verboten werden, wird es sie geben, im globalisierten Webmarkt sowieso. Nicht minder rührend ist die „Emma“-Idee, mit „PorNO!“- Stickern (100 Stück für 10 Euro) gegen den täglich fabrizierten frauenfeindlichen Schmutz vorzugehen. Wie ein Relikt aus alten Zeiten, als Alice Schwarzer den vaginalen Orgasmus für inexistent erklärte, wirkt es, wenn die „Emma“-Kampagne Kraut & Rüben durcheinanderbringt und einen Pornografiebegriff propagiert, der Vergewaltigungsvideos mit sexistischer Werbung in einen Topf wirft.

Nicht jedes halbbekleidete Stringtanga-Model, das für Sportcabrios oder Halbfettmargarine posiert, ist ein Beispiel für Pornografie. Wäre dem so, müssten die Antipornobuttons der „Emma“ bald auf jedem Exemplar der „Bild“-Zeitung kleben, auf Kai Diekmanns populistischem Schmuddelorgan, für das Alice Schwarzer derzeit groteskerweise Werbung macht. Fürs nächste Treffen in der „Bild“-Marketingabteilung hat sie sicher schon ein Stickerset bereitgelegt, und alsbald werden die Pornografen des Blattes reumütig ihre Schuld eingestehen.

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