Kultur : Augen kosten extra

Zeitreise nach Paris und zurück: Eine Modigliani-Retrospektive in Rom feiert Wiedersehen mit unserem Lieblings-Bohémien

Jan Schulz-Ojala

Es ist kühl an diesem Märzabend auf der Piazza Navona, aber draußen unter den Heizpilzen beim „Tre Scalini“ und vorm „Caffè di Colombia“ sitzen die Touristen. Fliegende Händler klappern hier Abend für Abend die Tischchen ab – auch jener magere Kerl mit Schlapphut und großem Zeichenblock, Anfang zwanzig erst, immer wieder bietet er den Leuten ihr schnelles Spiegelbildchen an. Er zeichnet im Stehen, fixiert sein Gegenüber ein paarmal, schon entsteht was mit paar Strichen auf dem Skizzenblock – scharf gezogene Augenbrauenlinien, lange, kantig zulaufende Nasen, schmalrunde Schmollkussmündchen dazu, und den Kundinnen hängt er, damit sie sich schlank fühlen mögen, noch einen Schwanenhals dran. „Aber die Augen müssen Sie doch ausmalen“, sagen die Leute entrüstet, wenn er ihnen, ritschratsch, ab ist die Perforation, das Blatt überreicht. „Richtig, die Augen“, sagt der Maler zerstreut. „Augen kosten extra.“

Scusi, falsch ausgestiegen in der Zeitmaschine, wir sind nicht in Rom, sondern in Paris – genau 100 Jahre zurück. Der junge Maler aus Livorno ist gerade angekommen in der Stadt seiner und aller Malerträume, und die nächsten zehn, zwölf Jahre wird er davon leben, dass ihm jemand, den er eben mal zeichnet in den Bistrots vom Montmartre und Montparnasse, das Essen bezahlt. Er wird viel trinken und viel Haschisch rauchen, er wird seine Wohnungen wechseln wie die Frauen, die er nebenbei malt, angezogen und nackt, er wird seine Tuberkulose päppeln, und irgendwann, da ist er schon Mitte dreißig, wird er einer jungen Malerschülerin eine Tochter machen und kurz danach wieder ein Kind. 1920 im Januar stirbt er, sie ist im achten Monat schwanger, und noch in derselben Nacht stürzt sie sich aus dem Fenster. Amedeo Modigliani heißt der Maler, der wie kaum einer seither unsere bürgerlichen Bohème-Träume alimentiert, und Jeanne Hébuterne heißt die, die er liebt. Und ist es nicht sie, die da drei Tische weiter, das schlafende Töchterchen im Arm, auf Amedeo wartet, der schon wieder zu trinken angefangen hat mit den Leuten?

Pardon, wir sind nicht im Café am Boulevard de Clichy, sondern doch in Rom: von der Piazza Navona in ein paar Minuten an der Piazza Venezia, wo seit 100 Jahren das Vittoriano steht, der weiße Koloss von Nationaldenkmal. Auf dessen rückwärtiger Seite, in einem Seitentrakt des Museo del Risorgimento, gehen wir Amedeo besuchen. Jeanne ist auch da. Und seine Freunde, die seine Sammler waren: der Arzt Paul Alexandre, die Händler Paul Guillaume und Léopold Zborowski, 15 Francs bekam Amedeo zeitweise täglich von Léopold, dafür bekam Léopold alles, was Amedeo malte, so ging der Vertrag unter Freunden. Und Lolotte und die blonde Renée und Margherita, sie sind weit rumgekommen und wohnen inzwischen in Denver und Tel Aviv und São Paulo, und drei von seinen atemberaubend schön hingestreckten Nackten liegen so unwiderstehlich unschuldig auf ihren Diwanen, als seien Halstuch und Krinoline noch immer nicht erfunden. Schüchtern halten sie Hof, dicht an dicht in engen Räumen, die Modigliani-Freunde und die Modigliani-Liebsten, Öl auf Leinwand oder auch Bleistift auf Papier. Und ganz Rom kommt sie besuchen.

Es ist das erste römische Wiedersehen seit fast 50 Jahren, das erste große italienische auch, seit „Modigliani inconnu“ 1993 von Paris in den venezianischen Palazzo Grassi reiste, und das wird gefeiert und still. Vor allem mit Porträts: Hundert sind sie, die uns Nachgeborene ansehen – wenn sie uns denn ansehen; Modigliani hat oft die Augenhöhlen leer gelassen oder, berühmtes Gemälde von 1916, um ein leeres linkes Auge Wimpern gemalt, die wie Operationsnähte aussehen: Sehen tut weh. Der Blick zurück, also die Seele: schwer auszuhalten.

Lieber modelliert Modigliani beim Malen Gesichter wie Masken, alles fast tastbare Oberfläche, gerade so wie in seiner Pariser Frühzeit als Bildhauer; nur ist der Stein schwer und der Staub giftig, der ihn irgendwann töten wird neben dem Alkohol und den Drogen und der Armut, und deshalb lässt er ab vom Skulpturalen. In den späten, maßlos selbstzerstörerischen Jahren geht er in der Bildnismalerei vorsichtig auf Distanz, von der Großaufnahme ins Halbnahe, feiert den Lebenspuls nur sehr fein in den Körpern, den Aktgemälden. Und doch ist auch das Intime, gelassen dem Blick hingewendet, mitunter nur eine weitere stereotyp schöne, fast manieristisch ausgeformte – und auszuforschende – Oberfläche.

Dass Amedeo Modigliani kein wirklich Großer war unter den Riesen jener Jahrhundertwende, denen er begegnete, sondern einer, der sich an ihnen abarbeitete mit wechselnder Eleganz, auch das ist im Vittoriano unübersehbar. Dass er motivisch sehr eng blieb, dass ihn abgesehen von ihrer Farbigkeit Hintergründe nicht interessierten, auch Perspektive nicht, vielleicht überhaupt keine Tiefe, im räumlichen und übertragenen Sinn: das ebenfalls. Dafür begegnen uns seine Porträts und Körper wie verletzliche zweidimensionale Spiegelbilder der Melancholie.

Und irgendwann, sehr spät in seinem nur 35 Jahre dahinjagenden Leben, sehen wir die zum zweiten Mal schwangere Jeanne Hébuterne im Kleid auf einem schmalen Bett. Sie hat die Hände vorm Schoß gefaltet, und natürlich hat auch sie die lange Modigliani-Nase und den knallroten Modigliani-Mund. Und dämmerungshellblau ausgemalte Augenhöhlen, durch die der Himmel scheint.

Rom, Vittoriano, Via S. Pietro in Carcere, bis 20. Juni. Italienischer Katalog 35 €

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