• August Strindbergs "Der Vater": Die unsichtbare Zwangsjacke - Im 3. Stock der Berliner Volksbühne

Kultur : August Strindbergs "Der Vater": Die unsichtbare Zwangsjacke - Im 3. Stock der Berliner Volksbühne

Günther Grack

Am Ende hat der Mann den Kampf mit der Frau verloren. Die Hände auf den Rücken gebunden, hockt er in einer Zwangsjacke da, die ihm seine alte Amme angelegt hat; bäumt sich auf, fällt in sich zusammen. Der Schlaganfall bewahrt ihn vor dem Irrenhaus, nun wartet der Friedhof auf ihn. Der Verdacht, er könne nicht der Vater seines Kindes sein, hat ihn um den Verstand gebracht.

Im Krieg der Geschlechter, den August Strindberg Stück für Stück ausgetragen hat, ist der Unterlegene des Trauerspiels "Der Vater" aus dem Jahr 1887 ein Mann in den besten Jahren: Adolf, Kavallerieoffizier, Naturforscher mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen - ein Kerl, sollte man meinen, der im Leben allgemein wie im Eheleben seinen Mann steht. Und doch findet der Rittmeister seinen Meister: in Laura, mit der er eine vierzehnjährige Tochter hat. Um deren Zukunft entbrennt Streit: Adolf will Bertha in einer anderen Stadt Lehrerin werden lassen, während Laura sie im Elternhaus halten will, unter dem in Gestalt von Großmutter, Mutter, Amme dominierenden weiblichen Einfluss. Als Adolf, was die Erziehung betrifft, auf sein Recht als Vater pocht, pariert Laura: "Und wenn die Frau untreu gewesen ist?" Die Frage, spielerisch hingeworfen, frisst sich wie lähmendes Gift in des Mannes Seele. Wie Othello, dem Mohr von Venedig, ergeht es jetzt dem schwedischen Rittmeister: Der Gedanke der Untreue wächst sich zum Verdacht, zur Gewissheit aus.

Die gesellschaftlichen Umstände, die Strindbergs Ehedrama bedingen, sind die des späten 19. Jahrhunderts. Sie zu vernachlässigen, zu Gunsten einer vermeintlich zeitlosen Gültigkeit des Geschlechterkriegs, heißt dem Stück ein Gutteil seines düsteren Kolorits nehmen - wie jetzt in Berlin, im 3. Stock der Volksbühne, zu beobachten ist. Jenny Nörbeck zeigt "Strindberg light", eine Sparversion. Das Acht-Personen-Personal ist auf das Ehepaar und den Arzt Doktor Östermark reduziert. Tochter Bertha tritt überhaupt nicht auf, sondern ruft ihren Papa übers Telefon an, so dass man nur seinen Part des Dialogs zu hören bekommt. Lauras Bruder, ein Pastor, bleibt gleichfalls außen vor, nicht jedoch ein klärendes Gespräch der Geschwister: Laura, allein im Raum, spricht es vor sich hin, als rekapituliere sie aus dem Gedächtnis. Drittens bleibt Margret, die alte Amme des Rittmeisters, unsichtbar - und mit ihr dann auch die Zwangsjacke, die sie ihrem großen Ziehkind anlegt. Ammen hat man heute halt nicht mehr, so muss der Adolf der Volksbühne am Ende einfach auf dem Tisch hocken, gekrümmt, wehrlos auch ohne Fessel. Laura, das Fenster öffnend, sieht stumm in die Berliner Nacht hinaus.

Die Örtlichkeit hoch unter dem Theaterdach, von Alexander Wolf ausgestattet mit wenigen Möbeln und vielen Büchern, bringt atmosphärische Reize, so etwa anfangs das letzte Sonnenlicht mit fernem Verkehrslärm und leisem Vogellaut. Das Paar, das da an langem Tisch vor sich hin schweigt, sie rauchend, er mit Geldscheinen und Taschenrechner beschäftigt, wirkt jung - eher wie eine WG-Partnerschaft als wie eine langwährende Ehebeziehung. Der Däne Jens Albinus, Filmfreunden aus Lars von Triers "Idioten" erinnerlich, blond und blauäugig, wechselt in Momenten steigender Erregung in das raue schwedische Original seiner "Fadren"-Partie; mitunter geht er buchstäblich die Wand hoch, klammert sich oben ans steile Bücherregal. Ein bisschen verrückt soll dies offenbar wirken. Verrückt wirkt freilich manchmal auch Anne Tismer, Botho-Strauß-Freunden aus der Zürcher Uraufführung von "Der Kuss des Vergessens" bekannt. Ihre Laura gibt sich zwar zumeist kühl überlegen, schneidet das Thema Untreue mit schmalem Lächeln an, wirft dann aber unbeherrscht Porzellan in den Laden, räumt den Tisch leer von Büchern, Tellern, Gläsern und legt sich zum Schlafen darauf. Susanne Düllmann, als Doktor Östermark zu Gast bei dem Paar, kann sich gerade noch, ehe sie koppheister geht, eine Flasche Wein greifen, als Trost für eine karge Nacht im Sessel. Nichts gegen diese Schauspielerin, die der Pflicht des Mediziners zu penibler Objektivität in aller Ruhe gerecht wird - die Frage jedoch, ob ein Sinn darin liegt, die männliche Rolle weiblich zu besetzen und damit eigentlich contre coeur des Rittmeisters, muss unbeantwortet bleiben. Nach dem "Traumspiel", das Sebastian Hartmann kürzlich auf die große Bühne des Hauses setzte, will dieser 90-Minuten-Abend als, so ein Pressepapier, "nicht ganz marginale Strindberg-Inszenierung" gelten. Ein wenig mehr Gewicht aber hätte man dem "Vater" schon gewünscht.

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