Kultur : Augusts Prunk, Dresdens Freude

Mit dem Grünen Gewölbe gewinnt das Residenzschloss sein Herzstück zurück: die Repräsentation königlicher Macht

Bernhard Schulz

Der Künstler war sich seines Könnens wohl bewusst. Seinem wichtigsten Kunden pries er eine neue Schöpfung mit den Worten an, dass „dergleichen Arbeit noch niehmaln von einem Künstler ist vorgestellt worden, auch nach der Zeit nicht geschehen wird“. Er sollte Recht behalten. Nie zuvor war ein Ensemble aus emailliertem Gold geschaffen worden, das heute immer noch 132 Figuren und 32 Gegenstände zählt, bedeckt mit 4909 Diamanten, 164 Smaragden und 160 Rubinen. Und kein zweites Mal verließ etwas Vergleichbares eine Werkstatt wie die des sächsischen Hofjuweliers Johann Melchior Dinglinger, der mit dem zwischen 1701 und 1708 von ihm, zwei Söhnen und 14 Gehilfen geschaffenen „Thron des Großmoguls Aurang-Zeb“ ein Kabinettstück geschaffen hat, das die Prunklust des Absolutismus auf eine ebenso prachtvolle wie spielerische Höhe geführt hat.

Das schiere Vergnügen an dem 142 Zentimeter breiten und 114 Zentimeter tiefen Thron-Stück wird von morgen an wieder Tausende von Besuchern anlocken, allerdings nicht mehr ins jahrzehntelange Provisorium im Albertinum, sondern an den historisch korrekten Ort: ins Dresdner Residenzschloss. Die Rückkehr der Schätze des Grünen Gewölbes markiert einen Meilenstein auf dem Weg zur Wiedergewinnung des historischen Dresden, das vor 59 Jahren beinahe vollständig ausgelöscht wurde.

Aurang-Zeb, der Protagonist des 1709 für ungeheure 60000 Taler erworbenen Meisterwerks, war der 1707 nach 49-jähriger Herrschaft über Indien verstorbene Großmogul: ein Zeitgenosse des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs Augusts des Starken. Des Inders absolutistische Macht, gepaart mit sagenhaftem Reichtum, beflügelte die Fantasie ganz Europas. Insofern ist Dinglingers Werk, so zauberhaft es in seinen zahllosen geistvollen Details auch sein mag, zuallererst eine allegorische Darstellung des idealen Fürsten. Ihm huldigen alle Völker, vor ihm sinken die Höflinge in den Staub, ihm präsentieren die Gesandten Schätze aus aller Welt. Und so, wie August sich in Idealkonkurrenz zu Aurang-Zeb oder dem Sonnenkönig Ludwig XIV. sah, so wetteiferte er auch in der Selbstdarstellung mit ihnen. Er musste Reichtum in Gestalt von Kunststücken zeigen.

Die auf das Jahr 1560 zurückreichende Kunstkammer war nach 1587 erstmals inventarisiert und in Räumlichkeiten im Schloss verbracht worden, für die sich wegen der Farbe ihrer Wände die Bezeichnung „Grünes Gewölbe“ einbürgerte. Dieses Grüne Gewölbe – der Name verband sich mit der wachsenden Sammlung und wanderte an die wechselnden Aufstellungsorte mit – erreichte unter der Herrschaft Augusts des Starken (1694–1733) seine größte Pracht.

Was es heute so unvergleichbar macht, ist der glückliche Umstand, dass die Bestände – im Gegensatz zu dem meisten anderen Kunstkammern und Kuriositätenkabinetten des Barock und Rokoko – nahezu vollständig überkommen sind. 1942 auf die sächsische Staatsfestung Königstein ausgelagert, wurden sie von der Roten Armee nach Moskau verbracht, 1958 aber zusammen mit einem Großteil der Dresdner Kunstschätze zurückgegeben.

Sie können heute erneut einen Eindruck von ihrer einstigen Funktion und Wirkung geben. Mehr noch: Die Räumlichkeiten, obgleich wie das ganze Residenzschloss im Zweiten Weltkrieg von Brandbomben verheert, sind in Anlage und Dekoration gut dokumentiert – so gut, dass sie im Herbst 2006 am historischen Ort im Erdgeschoss des Westflügels wiederauferstanden sein werden.

Heute nun wird das „Neue Grüne Gewölbe“ feierlich eröffnet. Es verdankt sich, dies als Novum, dem wissenschaftlichen Umgang mit dem noblen Erbe. In den Räumen des ersten Obergeschosses nämlich kommt jetzt das einzelne Objekt glanzvoll zur Wirkung. In zehn Sälen auf 1200 Quadratmetern sind 1020 Stücke in 185 Vitrinen so zu betrachten, wie sie öffentlich noch nie zu sehen waren, seit sie nicht länger dem Divertissement fürstlicher Hände und Augen vorbehalten sind.

Das Grüne Gewölbe war allerdings nicht nur so eine Art Spielzimmer des Hofes. Bereits 1730 konnten angemeldete Besucher die Preziosen bewundern. Dresden spricht heute vom „ältesten Museum der Welt“. Das nehme man cum grano salis. Richtig ist allerdings, dass die vorsichtige Öffnung des fürstlichen Schatzes für die Bürger den Beginn einer Entwicklung bezeichnet, die den absolutistischen Besitzanspruch ablöst durch bürgerliche Teilhabe. Die Kunstkammer wandelt sich zum Museum.

Museal ist die Darbietung im Neuen Grünen Gewölbe, historisch wird diejenige im rekonstruierten alten sein. In dieser Ergänzung und wechselseitigen Erhellung wird Dresden über ein Kunstkabinett ohnegleichen verfügen. Der heutige Betrachter sieht die Dinge tatsächlich mit jenem kantischen „interesselosen Wohlgefallen“, das Museumschef Dirk Syndram bereits der Entstehungszeit zuspricht. Dabei verwischt er allerdings, dass die damalige Freude an curiosa mit der höfischen Selbstdarstellung und folglich legitimatorischen Funktion sehr wohl zusammengeht. Legitimieren müssen die „Kunststücke“ – wie sie seit dem 16. Jahrhundert bezeichnet wurden – heute nichts mehr, es sei denn die Aufbringung von Steuermitteln in Höhe von rund 25 Millionen Euro für das Neue Grüne Gewölbe und 169 Millionen Euro für die bisherigen Arbeiten an der Wiedererrichtung des Schlosses insgesamt – worauf der Freistaat Sachsen zu Recht stolz sein darf.

Im Verhältnis zum unvergleichlichen Wert der Preziosen sind das ohnehin peanuts. Im Gegensatz zur geläufigen Zurechnung der Kunstkammer allein an den machtbewussten polnischen Wahlkönig August verdankt sich ein erstaunlich großer Teil der Sammlungstätigkeit seiner Vorgänger. Bereits aus dem 16. Jahrhundert stammen die an die früheren Kunst- und Naturalienkabinette anknüpfenden Verbindungen von organischen und anorganischen Materialien, von Nautilusschalen oder Korallenzweigen mit Gold, Silber und Edelsteinen. Sie gewannen die Gestalt von Pokalen oder Tischfiguren, so die Daphne aus der berühmten Nürnberger Werkstatt Jamnitzer. Auch die Kombinationen von gefundenen und bearbeiteten Steinen wie die ziselierte Bergkristallflasche aus der Mailänder Werkstatt Saracchi entstanden in dieser Zeit. Ebenso bezeugen die Drechslerarbeiten, unter denen die 115 Zentimeter hohe Fregatte aus Elfenbein des aus Prag berufenen Hofdrechslermeisters Jacob Zeller von 1620 herausragt, einen älteren Geschmack.

August der Starke hingegen bevorzugte Innovationen. So schuf ihm Johann Melchior Dinglinger, 1698 in sein hohes Amt berufen, bald darauf mit dem „Goldenen Coffezeugk“ die Urform des alsbald an allen Höfen beliebten Prachtservices. Es war keineswegs zum Gebrauch, sondern allein zur Repräsentation bestimmt. Die mit den Türkenkriegen aufkommende Kaffeemode mündet ein in jenen breiten Orientalismus, dem sich auch das Thron-Werk des Moguls Aurang-Zeb verdankt. Hofjuwelier Dinglinger schuf es übrigens nicht aus freier Fantasie, sondern nach peniblem Studium von Reisebeschreibungen als Allegorie Asiens.

Gerade ein Viertel der dem Grünen Gewölbe zu zählenden Schätze können die Staatlichen Kunstsammlungen jetzt zeigen. Viele aus dem Albertinum bekannte Stücke fehlen und werden sich erst im „Gedränge“ des historischen Gewölbes ab 2006 wiederfinden. Wenn Dresdens Identität nun so sichtbar wiedererstarkt, war jeder Euro fürs Schloss eine nicht allein dem starken August würdige Anlage.

Dresden, Residenzschloss Mi–Mo 10-18 Uhr. Katalog im Deutschen Kunstverlag 19,90 €. Mehr unter www.skd-dresden.de

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