Auktionshaus Bassenge : Blätter mit Geschichte

Zwei restituierte Zeichnungen der Romantik zählen zu den Highlights der Versteigerungen bei Bassenge. Gezeigt werden sie bei den Vorbesichtigungen des Berliner Auktionshauses

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1817 zeichnete Friedrich Olivier zwei „Welke Ahornblätter“.
1817 zeichnete Friedrich Olivier zwei „Welke Ahornblätter“.Bassenge

Der allmähliche Verfall des Irdischen als flirrendes Naturschauspiel. Mit brauner Feder auf knapp 15 mal 25 Zentimetern gezeichnet. Elegante Schwünge und pointierte Sprödigkeit, der Prozess der Staubwerdung kühn mitgedacht. So schlicht, so hinreißend stofflich hat Friedrich Olivier 1817 zwei „Welke Ahornblätter“ aufs blaugrau lavierte Papier gebannt, die zur Herbstauktion (27.–29.11.) bei Bassenge für Furore sorgen. Ob ihrer zugleich altmeisterlichen Akribie und verblüffenden Modernität, aber auch aufgrund der Provenienzgeschichte und der kürzlich erfolgten Restitution durch das Berliner Kupferstichkabinett. Mit einem Olivier-Porträt von Julius Schnorr von Carolsfeld „zwei Inkunabeln romantischer Zeichenkunst und Künstlerfreundschaft“, sagt Ruth Baljöhr, Bassenge-Expertin für diese Epoche.

Nach dem Tod des 1791 in Dessau geborenen Oliviers blieben die Papierarbeiten im Familienbesitz. Zuletzt bei Marianne Schmidl. Die Urenkelin Oliviers war 1915 als erste Frau in Österreich im Fach Ethnologie promoviert worden. Ihre Publikation zur Afrikaforschung gilt bis heute als Standardwerk. 1916 arbeitete Schmidl am Berliner Völkerkundemuseum, später wurde sie Referentin an der Österreichischen Nationalbibliothek. Staatsbibliothekarin 1938. Nach dem „Anschluss“ Österreichs folgte die Entlassung. Väterlicherseits gab es jüdische Vorfahren. Sollte sie je in Bedrängnis kommen, hatte die Mutter geschrieben, so möge sie die Kunstwerke unbedingt an ein Kunstinstitut verkaufen. Als sämtliche Rücklagen von der so genannten Judensteuer aufgezehrt waren, blieb dafür keine Wahl. Schmidl lieferte die Sammlung ins Leipziger Auktionshaus Boerner ein. 1942 wurde die Wissenschaftlerin deportiert. Noch vor ihrer Ermordung gelangten die Blätter in die Zeichnungssammlung der Berliner Nationalgalerie. Nachdem die Wiener Albertina im letzten Jahr Werke von Friedrich Olivier restituiert hatte, überprüften die Staatlichen Museen die Herkunft ihrer Blätter und nahmen Kontakt zu den Erben auf. Nun kommen Oliviers Ahornblätter mit einer Schätzung von 120 000 Euro zum Aufruf, das einfühlsame Porträt von Schnorr von Carolsfeld mit 45 000 Euro.

Bei den alten und jüngeren Meistern ist außerdem Johann Alexander Thieles „Blick auf Dresden vom Weißen Hirsch aus“ bemerkenswert, in dem der 1685 in Erfurt geborene Hofmaler stimmungsvoll Landschafts- und Stadtporträt vereint (24 000 €). Aber auch George Drahs furios aquarellierte „Fahrt ins Verderben“ auf einer von Hokusai inspirierten Welle, mit dem Tod als Steuermann (1200 €).

Ein Exemplar der teuersten Kerzen der Welt führt die Moderne an. Gerhard Richters Edition „Kerze II“, nicht nur signiert, sondern zudem mit schwarzer Ölfarbe variiert, geschätzt auf 80 000. Preislich folgt ein Original des Avantgardisten Mikuláš Medek. „Insel 21.870 cm2“ hat der 1926 in Prag geborene Künstler die Leinwand, auf deren Maße der Titel anspielt, genannt. 1968 erwarb der Politologe Iring Fetscher das vielschichtige Öl- und Lackbild im Künstleratelier. Seitdem befand es sich in der Sammlung des im Juli verstorbenen Marx-Forschers. Die Marktfrische und Medeks Wiederentdeckung dank einer Retrospektive 2002 im Prager Rudolfinum lassen eine Taxe von 60 000 Euro angemessen erscheinen.

Galerie Bassenge, Erdener Str. 5a, Vorbesichtigungen bis 28.11. www.bassenge.com

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