Kultur : Aus dem Schneckenhaus

Bonn und Essen entdecken die Kunst mittelalterlicher Frauenklöster

Michael Zajonz

Gott ist nicht männlich oder weiblich, sondern allumfassend. Theologisch war das nie ein Problem, alltagspraktisch schon. Auch von Papst Benedikt XVI. wird eine Neubewertung der Rolle von Frauen innerhalb der katholischen Hierarchie erwartet. Im Mittelalter war man in dieser Frage weiter. Papst Gregor der Große befand Ende des 6. Jahrhunderts, dass Frauen ihrem Wesen nach Christus näher stünden als Männer. Schließlich war der Auferstandene zuerst Maria Magdalena erschienen. Seine theologische Auslegung hatte Folgen: Vornehme und gebildete Frauen genossen als Äbtissinnen im Mittelalter hohes Ansehen und besaßen politische Macht. 997 übernahm die Äbtissin Mathilde von Quedlinburg die Regentschaft im sächsischen Herrschaftsbereich für ihren kaiserlichen Neffen Otto III. Drei Jahrzehnte zuvor hatte die Stiftsdame Hrotsvit von Gandersheim einzigartige mittellateinische Legenden und Dramen verfasst, mit denen sie selbstbewusst gegen die Frauenfiguren des römischen Dichters Terenz polemisierte. Hildegard von Bingen, die charismatische Gründerin des Klosters Rupertsberg, überragte Mitte des 12. Jahrhunderts das Gros ihrer männlichen Zeitgenossen intellektuell um Haupteslänge.

Frauen wie diese sind die Heldinnen der Doppelausstellung „Krone und Schleier. Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern“, die zeitgleich in der Bonner Bundeskunsthalle und dem Essener Ruhrlandmuseum gezeigt wird. In Essen, das seinen Namen und seine städtische Existenz einem bedeutenden Frauenstift des 10. Jahrhunderts verdankt, geht es um die Zeitspanne zwischen dem Beginn klösterlicher Lebensformen im Westen um 500 bis zur Kirchenreform um 1200. Bonn widmet sich der daran anschließenden Zeit der Orden, die mit der Reformation und dem Untergang der meisten Klöster kurz nach 1500 endete.

Schleier und Krone gehörten seit dem frühen Mittelalter zu den Erkennungszeichen weiblicher Religiosität. Brautschleier und Brautkrone symbolisierten die Vermählung mit Christus. Die Verschleierung war ebenso Teil des Alltagshabits von Nonnen und Kanonissen. Mit kostbarsten Goldkronen wurden Marienbilder geschmückt.

Andererseits galten Frauen aufgrund ihrer Menstruation als „kultisch unrein“, durften weder geistliche Ämter übernehmen noch die Altargeräte berühren. Die Kanonissen waren ebenso wie Nonnen auf die geistliche Vermittlung durch männliche Kleriker angewiesen. Mit der Kirchenreform des 12. Jahrhunderts und der Gründung von Orden beschnitt man ihre äußere Bewegungsfreiheit weiter. Dank der aufkommenden Mystik lebte sie als visionäre Beweglichkeit im Innern fort. Die Frauen der Kirche zogen sich ins klösterliche Schneckenhaus der Klausur zurück und wurden so zu unbekannten Wesen. Seit dem antiklerikalen 19. Jahrhundert schwankt unsere Wahrnehmung von Nonnen und Stiftsdamen zwischen Marginalisierung und Hysterie.

So kann die Bonn-Essener Doppelausstellung in ihrer aufklärerischen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hochrangige Kultgegenstände und Prachthandschriften, aber auch persönliche Alltagsdinge wie Schreibwerkzeuge, Stickutensilien und Votivbildchen erzählen nicht nur die Kultur- und Sittengeschichte der in religiöser Gemeinschaft lebenden Frauen – sie bereiten mit der in ihrem Auftrag oder von ihnen selbst gefertigten Kunst auch hohen ästhetischen Genuss. Ein heute weitgehend vergessener Kontinent wird neu vermessen.

Ein Jahrzehnt lang wurde das Großprojekt, dessen geistige Urheberschaft sich dem Berliner Kunsthistoriker Robert Suckale, Jan Gerchow und dem Harvard-Professor Jeffrey F. Hamburger verdankt, akribisch vorbereitet. Museen und kirchliche Einrichtungen zwischen Brescia und New York trennten sich von ihren feinsten Stücken. Eine Reise wert ist allein das in Bonn erstmals seit der Säkularisation wiedervereinigte gotische Skulpturenensemble des Meisters Heinrich von Konstanz aus dem Schweizer Dominikanerinnenkloster St. Katharinenthal.

Viele Objekte wären ohne die vorzüglichen Ausstellungstexte kaum zu verstehen, etwa die hochkomplexe Miniatur, mit der ein Mainzer Buchmaler um 1230 Hildegard von Bingens Vision vom Mikrokosmos (Mensch) im Makrokosmos (Welt) illustriert hat. Oder die bestickte Leinentunika der Merowingerkönigin Balthild aus der Abtei Chelles: Der Überlieferung nach legte die fürstliche Witwe beim Eintritt in das von ihr selbst östlich von Paris gegründete Kloster sämtliche Juwelen ab. Ihre Tunika wurde am Halsausschnitt mit Stickereien geschmückt, die Goldschmuck des 7. Jahrhunderts nachahmen. Hochadliges Selbstbewusstsein noch im Verzicht.

Von Kompensationsleistungen ganz anderer Art erzählen spätmittelalterliche Bildwerke, die die mystische Vereinigung mit Christus, dem himmlischen Bräutigam, oder seine Geburt umkreisen. Sexuelle Metaphorik und das nicht nur kontemplative Nacherleben der Mutterrolle Mariens spielten in der individuellen Andachtspraxis der Frauen eine ebenso große Rolle wie bei Krippen- und Passionsspielen. Das im 15. Jahrhundert entstandene Bildgedicht „Christus und die minnende Seele“ verspricht ewige statt irdischer Liebe: „Ich will mein lieb durch schiessen/ Ob ich sein mag geniessen/ Mich hat der meine schmertz/ geschossen durch mein hertz.“

Ruhrlandmuseum Essen und Bundeskunsthalle Bonn, bis 3. Juli. Katalog (Hirmer-Verlag) 32 €, im Buchhandel 45 €.

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