Kultur : Aus dem Verlies Italiens Regierungschef

Berlusconi als Kunstmäzen?

Thomas Migge

Sie umfasst 620 Skulpturen. Die meisten von ihnen, wie zum Beispiel die fast zwei Meter große „Hestia Giustiniana“, werden von Experten als unbezahlbare Meisterwerke bezeichnet. Die Sammlung Torlonia ist die weltweit größte Privatsammlung römischer Skulpturen. Nur noch in den vatikanischen Museen finden sich annähernd so viele Kunstwerke der Antike.

Die Sammlung Torlonia soll, wie Italiens Tageszeitungen gestern aufgrund von Indiskretionen berichteten, von Silvio Berlusconi erworben werden. Italiens Ministerpräsident sei bereit, für die Skulpturen rund 130 Millionen Euro zu bezahlen. Nach abgeschlossenem Kauf der Sammlung, so „La Stampa", wolle Berlusconi die Kunstwerke dem italienischen Staat schenken – ein Geschenk, wie es sich für einen der reichsten Männer der Welt gehört. Doch – fragt sich Mirella Belvisi, Direktionsmitglied von „ItaliaNostra“, der größten privaten Vereinigung zum Schutz der Kulturgüter – warum gibt sich der Ministerpräsident plötzlich so selbstlos? Schließlich hat er sich bisher nicht besonders für den Erhalt und die Pflege italienischer Kunstgüter eingesetzt hat.

Nur eine Baugenehmigung

Tatsache ist, dass die Sammlung Torlonia seit über 20 Jahren in verschiedenen Kellerräumen in Rom unsachgemäß aufbewahrt wird und praktisch unzugänglich ist. Nachdem die Familie Torlonia ihren Palazzo in der Via Corsini, in dem die Skulpturen früher aufbewahrt wurden und besichtigt werden konnten, in ein Mehrfamilienhaus umgewandelt hatte, störten die Kunstwerke. So landeten sie gegen den Protest von Kunstschützern im Keller. Verschiedene Kulturminister und Regierungschefs versuchten vergeblich, die Familie davon zu überzeugen, die Skulpturen in der Villa Albani, ihrer großen Residenz in Rom, auszustellen. Diesen Forderungen hat der Clan nie entsprochen.

„ItaliaNostra“ vermutet nun, dass Berlusconi der Familie Torlonia nicht nur mit dem Aufkauf der Skulpturen-Sammlung entgegenkommen will. Seit Jahren plant die Fürstenfamilie im Park der Villa Albani einen Neubau. Ein solches Projekt untersagt aber das Gesetz zum Schutz historischer Grünflächen. Nun nimmt man an, dass Berlusconi das Gesetz umgehen und die lang erwartete Baugenehmigung erteilen will. Offen bleibt die Frage, was mit den angekauften Kunstwerken geschehen soll. Erst vor wenigen Wochen hatte Kulturminister Giuliano Urbani erklärt, dass sein Ministerium nicht einen Euro übrig habe, um neue Museen zu finanzieren.

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