Kultur : Aus der Mitte des Raums

Das Frankfurter Architekturmuseum würdigt das Werk des Kirchenbaumeister Gottfried Böhm

Bernhard Schulz

Der „Spiegel“ brachte es wieder auf den Punkt: „Gott wohnt auch im Bimsbeton“, titelte das Nachrichtenmagazin am 23. Dezember 1953 – und zeigte dazu den Charakterkopf von Dominikus Böhm. Einen Architekt auf dem „Spiegel“-Titel gibt es nicht allzu oft. Doch heute, über ein halbes Jahrhundert danach und zum 50. Todestag Böhms, ist sein Fachgebiet so gefragt wie seit Nachkriegszeiten nicht mehr: der Kirchenbau. Die Renaissance des Glaubens – wenn es denn eine ist – kündigt sich in der Architektur seit Jahren an. Die Zahl der Neubauten nimmt zu. Vor allem hat die Ernsthaftigkeit zugenommen, mit der Architekten sich dieser Aufgabe stellen. Was viele Jahre eine Nische für Spezialisten war, die nicht viel mehr als Gemeindezentren mit angeschlossenem Andachtsraum bauen durften, ist erneut eine Herausforderung.

Dominikus Böhm hätte seine Freude daran. Er war Kirchenbaumeister; aus tiefster Glaubensüberzeugung. 55 Kirchen hat er, Jahrgang 1880, zwischen den frühen Zwanzigern und seinem Tod 1955 gebaut. Sein Nachlass wird mittlerweile im Deutschen Architektur-Museum Frankfurt/Main gehütet, das daraus eine Retrospektive erarbeitet hat. „Raum ist Sehnsucht“ lautet ihr, bei Böhm gefundener Titel; und da sich Räume zwar in Fotografien abbilden, aber nicht erfahren lassen, sind als weitere Vorstellungshilfe elf Modelle zu sehen, die die Bauten von außen zeigen und zugleich den Blick ins Innere erlauben. Die Verbindung der Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Böhms Freund Hugo Schmölz mit der Einsichtnahme in die Modelle erlaubt eine gute Annäherung an das Raumerlebnis. Denn bei Böhm geht es um dieses Erlebnis, das ihm als gläubigem Katholiken ein spirituelles sein sollte. So konservativ Böhm auch war – bis hin zur Freundschaft zu Berufskollegen, die nach 1933 eilfertig der Nazipartei beitraten, was Böhm allerdings standhaft verweigerte –, so wagemutig war er in künstlerischen Belangen. In einem Brief an den ihm geistig nahe stehenden, architektonisch aber modernen Kollegen Rudolf Schwarz, mit dem ihn ein schwieriges, am Ende von blanker Konkurrenz verzerrtes Verhältnis verband, bezeichnete er sich einmal als den „ausgefallensten Expressionisten des Weltalls“. Das ist so falsch nicht; denn was Böhm an Hohlräumen der Geistigkeit schuf, ist den Raumschöpfungen des Expressionismus verwandt. Auch die Materialwahl ist ähnlich: Entweder nutzte Böhm die haptischen und dekorativen Qualitäten des Backsteins, etwa für mächtige Fassaden mit mehrfach geschichten Bögen über der Kirchenpforte, oder er setzte auf die konstruktiven Möglichkeiten des nackten Betons, dem er jede gewünschte Form des Öffnens wie des Bergens zu geben vermochte.

Der Impetus Böhms ist konservativ. Es galt ihm um ein Gegengewicht gegen die materialistische Moderne, die durch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs enormen Auftrieb bekommen hatte. Bereits vor 1923, also zur schlimmsten Inflationszeit, entstehen die ersten Entwürfe, von denen die Auferstehungskapelle St. Johann Baptist in Neu-Ulm – erst 1927 vollendet – als Zentralbau, St. Peter und Paul in Dettingen hingegen als altrömische Basilika mit offenem Dachstuhl ausgeführt sind. Gemeinsam mit dem unrealisierten Entwurf der Messopferkirche als geöffnetem Oval zeigt das die Spannbreite, in der sich Böhms Architektursprache bewegen sollte. Durchweg orientieren sich seine Entwürfe an der von progressiven Kreisen verfochtenen Liturgiereform des frühen 20. Jahrhunderts, die den Altar in die Mitte des Raumes rückte.

Er war nie auf eine bestimmte Form festgelegt. Mit der „Fremdenkirche Stella Maris“ auf der Insel Norderney bewies er 1931, dass er die rechtwinklige Sprache des „neuen Bauens“ durchaus beherrschte. Hier war ihm an einem unverwechselbaren Raum weniger gelegen, weil es eine Kirche nicht für eine Gemeinde, sondern für zufällige Sommergäste sein sollte. Ansonsten entwarf Böhm stets ganz eigene Bauwerke. Ihren Höhepunkt erreicht die Reihe seiner Zwanzigerjahre-Bauten mit St.Engelbert im Kölner Arbeitervorort Riehl, dessen gefaltete Haubenform, als „Zitronenpresse“ belächelt, eine Brücke bereits zu den frühen Fünfzigern schlägt.

Kaum bekannt war bislang Böhms umfangreiche Tätigkeit für die oberschlesische Industriestadt Hindenburg. Mit der machtvollen Westfassade von St. Josef (1932) nimmt er das Motiv übereinander gestellter Arkaden auf, das von ferne an das römische Kolosseum erinnert. Noch 1935 wurde die Kirche in einer englischen Fachzeitschrift gewürdigt. In Hindenburg war Böhm auch als Stadtplaner tätig; sein Entwurf des „Montagsmarktes“ blieb allerdings Torso, da ausgerechnet die Profanbauten, nicht jedoch die eigenwillige Kamillianerkirche zur Ausführung kamen. Der letzte Kirchenbau vor dem Zweiten Weltkrieg, St. Wolfgang in Regensburg, wurde erst 1938–40 errichtet – auch das ein Detail zur innenpolitischen Situation unter den Nazis.

Nach dem Krieg wuchsen Böhms Ruf und Ruhm. Anders als Schwarz unterlag er im Wettbewerb um die großen Aufträge. Die nach 1950 realisierten Pfarrkirchen stehen in kleineren Städten, lassen auch den machtvollen Gestus der Vorkriegszeit vermissen. Zumal die großformatigen Kohlezeichnungen sind von einer bezwingenden Kraft. Böhm entwarf Trutzburgen des Glaubens, mit kräftigen Strichen, die keinen Widerspruch dulden. Und dass Gott durchaus auch im Bimsbeton zu Hause sein konnte, wie der „Spiegel“ vermutete, stand für ihn außer Frage.

Frankfurt am Main, Deutsches Architektur-Museum, bis 19. Juni. Katalog (Wasmuth Verlag) 32 €.

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