Kultur : Aus einem deutschen Leben

Peter W. Jansen

Der alte weißharige Mann in der vorletzten Reihe ist der Einzige aus der Gruppe, der das Gesicht zur Seite wendet, dorthin, wo die SS-Offiziere stehen. Einer von ihnen, der Reichsführer-SS, der das Vernichtungslager Auschwitz besichtigt, scheint den Blick des Mannes, der in wenigen Minuten im Gas sterben wird, zu spüren. Seine Lider flattern, in den Augen- und Mundwinkeln zuckt es leicht, aber den Kopf wendet er nicht, er erwidert nicht den Blick.

Beredte Blickwechsel zu inszenieren, wie diesen doppelt verweigerten in Auschwitz, in dem Höss-Film "Aus einem deutschen Leben": das war eine Leidenschaft Theodor Kotullas. Man findet viele solche Augen-Blicke in den Filmen des Regisseurs, der das Filmemachen selbst mit den Augen gelernt hatte, beim Sehen von Filmen, über die er schreiben wollte. Mehr als zweihundert Mal hat er das in den rund zwölf Jahren getan, in denen seine kritischen Betrachtungen und Reflektionen in der Zeitschrift "Filmkritik" erschienen. Ende der sechziger Jahre begann Kotulla selbst, Filme für die Augen anderer zu machen.

Geboren 1928 im damaligen Königshütte in Oberschlesien als Sohn eines Organisten, schien ihm beides in die Wiege gelegt gewesen zu sein, die Kunst und das Bergwerk. Jedenfalls arbeitete er, in den Westen gelangt, noch vor Abitur und Studium von Germanistik, Philosophie und Publizistik unter Tage. Im westfälischen Münster gehörte er als Schüler des Publizistik-Professors Walter Hagemann zu jener ersten Generation von Kritikern nach dem Krieg, die die Filmsprache und ihre Ausformungen im Kino der Massen ideologiekritisch hinterfragten. Kein Wunder, dass Kotulla vor allem über Visconti und Rossellini, Staudte und Pasolini, Buñuel und Robert Bresson schrieb.

Dem galt auch einer seiner ersten Filme, "Zum Beispiel Bresson", ehe er selbst in Filmen zu erzählen begann. Es waren von Anfang an Geschichten, die mit Geschichte zu tun hatten: "Vor dem Feind" hieß ein Kurzfilm, der unter Verweigerung von Kriegsbildern eine Kriegsgeschichte erzählte, während "Bis zum Happy End" und "Ohne Nachsicht", die ersten langen Spielfilme, der Konsum-Republik Deutschland das Horoskop stellten. Und dann kam schon 1977, lange vor der Holocaust-Serie des Fernsehens und anderthalb Jahrzehnte vor Spielbergs "Schindlers Liste", der Film über die deutsche Karriere des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss, der in Kotullas Film Franz Lang heißt. Der ist ein gnadenloser Befehlsempfänger und schwer und hart arbeitender Malocher in der Todesfabrik, in der Darstellung von Götz George der sehr viel deutschere Typ als der dekadente Nazi-Killer Goeth bei Spielberg.

Schon im Höss-Film mit dem sorgfältig gewählten Titel "Aus einem deutschen Leben" deutet sich in der Konfrontation des emotional unterentwickelten Mannes mit seiner Frau an, wohin Kotullas Weg führen wird: zur Ausdifferenzierung des Gefühls als überlegener Kraft der Frauen, wie sehr sie auch noch immer Opfer der gesellschaftlich privilegierten Macht der Männer sind. Das ist nach dem Fernseh-Fünfteiler "Der Fall Maurizius" und nach "Kellermanns Prozess" Kotullas Haupt- und Staatsaktion in Kinofilmen und Fernsehproduktionen, deren Titel schon Programm sind: "Nacht der Frauen, "Von Gewalt keine Rede" oder "Der Angriff", ein Film, in dem eine Frau sich dafür rechtfertigen muss, dass sie Opfer eines Vergewaltigungsversuchs geworden ist.

Es ist unvollendet geblieben, dieses in den letzten Jahren von schwerer Krankheit behinderte deutsche Leben - unvollendet wie Kotullas theoretisches Hauptwerk "Der Film - Manifeste, Gespräche, Dokumente", von dem 1964 nur einer von den geplanten zwei Bänden erschienen ist. Es war, so ironisch kann Tragödie sein, der Band Nummer Zwei. Am vergangenen Sonnabend ist Theodor Kotulla in München gestorben.

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