Kultur : Aus Fürstenhand ins weite Land

Bernhard Schulz

Mit seinen Fürsten ist Deutschland schonend umgegangen. Nach der Revolution von 1918 wurden die bis dahin noch "regierenden Häuser" großzügig entschädigt. Noch besser traf es jene Geschlechter, die bereits durch Napoleon um die Macht gebracht worden waren: Sie gingen durch die Privatisierung ihres bis dato herrscherlichen Besitzes wohlausgestattet in das anbrechende bürgerliche Zeitalter. Weil nicht mehr regierend, waren sie 1918 jedweden Eigentumsverzichts enthoben - und haben heutzutage Erkleckliches in der Hand, das sich in gutes Geld verwandeln lässt.

"Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, / erwirb es, um es zu besitzen", mahnte Goethe. Doch die tradierte Bindung an ererbtes Gut lockert sich auch in noblen Familien, und so werfen beispielsweise die Fürsten zu Fürstenberg ihre Schätze nach und nach auf den Markt. Nachdem bereits die Hofbibliothek, die Handschriften- und schließlich die Musikaliensammlung veräußert worden sind, hat Ende vergangenen Jahres die hochbedeutende Gemäldesammlung ihren angestammten Sitz im idyllischen Donaueschingen mit dem Lager einer Kölner Kunstspedition vertauscht.

Es war eher Zufall, dass die Ortsveränderung auffiel. Ein anonymer Hinweis machte das Landesdenkmalamt aufmerksam. Das übergeordnete Wirtschaftsministerium prüfte die Rechtslage - und musste feststellen, dass keinerlei schutzwürige Belange verletzt waren. Eine Eintragung ins baden-württembergische Denkmalverzeichnis lag nicht vor. Allerdings sind 19 Werke in der Liste des national wertvollen Kulturguts aufgeführt und dürfen zumindest Deutschland nicht verlassen.

Das Fürstenhaus wiegelt ab. Keineswegs sei ein Verkauf geplant, so dessen Generalbevollmächtigter Hans-Rüdiger Schewe, der zugleich die "Fürstlich Fürstenbergische Brauerei KG" leitet: "Dazu gibt es keine Veranlassung." Vielmehr sei an eine mehrjährige Auslagerung gedacht. Der Karlsbau, seit 1869 Domizil der Sammlung, soll als "Forum für moderne Kunst" die zeitgenössiche Kollektion eines bislang ungenannt gebliebenen Sammlers aufnehmen - darunter Arbeiten von Weltstar Anselm Kiefer, der immerhin in Donaueschingen gebürtig ist. Als Begründung nennt das Fürstenhaus die geringe Resonanz von bisher rund 10 000 Besuchern im Jahr im Karlsbau.

Mit Auktionen und überhaupt mit Verkäufen hat Erbprinz Heinrich zu Fürstenberg, Chef des Donaueschinger Adelshauses, durchaus gute Erfahrungen gemacht. Spektakulär war der Eigentumswechsel der Nibelungenhandschrift "c", der ältesten existierenden Abschrift dieses Epos aus dem 13. Jahrhundert, durch das Land Baden-Württemberg für 19 Millionen Mark im vergangenen März. Noch einträglicher war der Verkauf der 100 000 Bände umfassenden Hofbibliothek, der insgesamt 48 Millionen Mark erbrachte. 1993 und 1994 waren daraus 1050 Handschriften und 86 Inkunabeln erworben worden - zum Teil auf Umweg über den Londoner Auktionsmarkt. Und erneut war das Land beteiligt, als es im Herbst 1999 gemeinsam mit der Kulturstiftung der Länder die über 7000 Positionen umfassende Musikalienhandlung für die Landesbibliothek Karlsruhe erstand.

"Das Land Baden-Württemberg hat zur Erwerbung des zum Verkauf gekommenen Teils der Fürstlich Fürstenbergischen Bibliothek einen hohen finanziellen Beitrag geleistet", konstatierte Wissenschaftsminister Klaus von Trotha im Vorwort des "Patrimonia"-Heftes, mit dem von der Kulturstiftung der Länder unterstützte Ankäufe publiziert werden, zur Erwerbung eines Prachtsakramentars aus dem 9. Jahrhundert für die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. Recht hat er - insgesamt hat das südwestdeutsche Bundesland rund 70 Millionen Mark für Fürstenbergische Kulturgüter aufgewandt.

Romantik rettet Kirchenschätze

Das erwähnte Sakramentar befand sich seit 1853 in fürstlichem Besitz. Das Datum ist von Belang, weil es die verwickelte Provenienz der Fürstenbergischen Sammlungen beleuchtet. Manches stammt aus altem Besitz, in der Gemäldesammlung etwa die Bildnisse von Melanchthon, Luther und Katharina von Bora von Lucas Cranach d. Ä.; vieles ist erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, also bereits nach der "Privatisierung" der Fürsten erworben worden.

Die Schlüsselfigur ist der Füstenbergische Landesoberforstmeister und Geheime Rat Joseph von Laßberg (1770 - 1855, der - geprägt von der Mittelalterbegeisterung der Romantik - über Jahrzehnte hinweg Schätze vor allem aus im Zuge der Säkularisation aufgelassenen Klöstern und Kirchen erwarb und vielfach vor der Vernichtung gerettet hat - darunter als kostbarsten Fund die erwähnte Nibelungenhandschrift, die er 1815 während des Wiener Kongresses erstand. Auch große Teile der Gemäldesammlung kamen durch Laßberg in fürstlichen Besitz. Der Geheimrat verhandelte viele Jahre lang mit über den Verkauf seiner Schätze, ehe der Eigentumswechsel schließlich 1855 für 27 000 Gulden zu Stande kam.

Baden-Württembergs Last

Die Donaueschinger Gemäldesammlung als Ganzes "war niemals Kunstkammerbesitz", wie der - längst vergriffene - Katalog der Kollektion aus dem Jahr 1990 beiläufig, aber doch wohl gezielt vermerkt. An der Verfügungsberechtigung des Erbprinzen über den weitläufigen Besitz des Hauses gibt es insofern keinen Zweifel. Zugleich hat die öffentliche Hand immer wieder Unterstützungen gewährt, wenn es um die Inventarisierung und Präsentation der Schätze ging. Baden-Württemberg ist mit mediatisierten Fürstenhäusern reich gesegnet. Neben den Fürstenbergs haben sich vor allem die Markgrafen von Baden mit Veräußerungen hervorgetan, die mit millionenschwerem Aufwand in den öffentlichen Besitz von Museen und Archiven zurückgebracht wurden.

Die weitverzweigten Familien und damit auch Erbansprüche der Fürstenhäuser bilden meist den Ausgangspunkt der Veräußerungswünsche. Die Preise, die auf dem internationalen Kunstmarkt erzielt werden können, verlocken zur Zersplitterung historisch gewachsener und in ihrer jeweiligen Gestalt lokal- oder regionalgeschichtlich bedeutender Sammlungen. Diese Bedeutung geht mit der Verstreuung durch Auktionen unwiederbringlich verloren.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass eine Sammlung wie diejenige - einst? - in Donaueschingen, die sich der romantischen Besinnung auf das Erbe von Mittelalter und früher Neuzeit verdankt, ihrerseits den wechselhaften Interessen heutiger Eigner zum Opfer fällt. Die Leistungen, die Bundesländer wie Baden-Württemberg und die Kulturstiftung der Länder erbracht haben, sind beeindruckend. Zugleich weisen sie auf den grundsätzlichen und irreparablen Mangel eines einvernehmlichen Weges für den Übergang von Adelsbesitz in die öffentliche Hand, die allein die dauerhafte Pflege des Kulturerbes gewährleisten kann.

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