Kultur : Aus Kellern ans Licht

Dresdens Kulturinstitutionen stehen so gut da wie zuvor – oder sogar besser. Denn jetzt wird Vorsorge getroffen für den Fall der Fälle

Bernhard Schulz

Es ist heiß in Dresden. Die Sonne strahlt, nichts Besonderes in diesen Tagen und Wochen; und auch vor einem Jahr brach Mitte des Monats die Sonne durch, allerdings erst nach starken Regenfällen. Dann das Frappierende: das Zusammentreffen von friedlichem Wetter und feindlichem Wasser, von Sonnenschein und Flut.

Der Unterschied könnte heute nicht größer sein. Im August 2003 führt die Elbe kaum Wasser, der Pegelstand ist unter einen Meter gefallen. „Wir rätseln“, witzelt der Holländer André van der Goes, Direktor des Kunstgewerbemuseums in Schloss Pillnitz elbaufwärts, „ob die Raddampfer jetzt den Fluss hinaufrollen.“ Am 17. August 2002 erreichte der Pegelstand innerhalb des Stadtgebiets die Jahrhundertmarke von 9,40 Metern. Alle Kassandrarufe in Sachen Klimakatastrophe übrigens werden am Sockelgeschoss des zauberhaften Pillnitzer Wasserpalais relativiert. Die dort am Mauerwerk eingetragenen Hochwasserstände spiegeln gut zwei Jahrhunderte Flutgeschichte seit 1784. Der Höchststand vom vergangenen Jahr musste quasi in zweiter Reihe markiert werden: Bereits am 31. März 1845 hatte sich die Elbe hier zu gleicher Höhe getürmt.

Alles nichts Besonderes? Das gewiss nicht. Pillnitz stromaufwärts, wo sich das weite Elbtal ganz sacht in Richtung Elbsandsteingebirge zu verengen beginnt, ist in einer besseren Lage. Der Anstieg von Hochwasser, wenn es denn eintritt, lässt sich berechnen; André van der Goes, als Holländer mit Segen wie Fluch des Wassers vertraut, konnte darum seinerzeit die im Sockelgeschoss seines über den Strom aufragenden Schlosses gelagerten Möbel gerade noch retten.

Zumindest die sichtbaren Schäden am Ausflugsziel Pillnitz sind längst behoben; wie überall in Dresden. Bereits am 9. November vergangenen Jahres feierten die hauptbetroffenen Dresdner Kultureinrichtungen – die Staatlichen Kunstsammlungen mit ihren Museen, die Semperoper und das Staatsschauspiel – die volle Wiederaufnahme des Betriebes. Schon damals waren fast keine Spuren der Flut mehr zu entdecken; umso weniger jetzt, ein Jahr danach und unter einer Sonne, die alles und jeden in den duftig-dunstigen Glanz des Hochsommers hüllt.

Es gibt wohl nur noch einen Ort, an dem die Dramatik des vergangenen August zu erahnen bleibt: das Erdgeschoss des Albertinums. Dieses seit 1880 als Museum genutzte, in seiner Bausubstanz auf die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückgehende Gebäude seitlich von der Brühlschen Terrasse birgt im Obergeschoss die Gemäldegalerie Neuer Meister, zu ebener Erde die Skulpturen – und in den grandiosen gewölbten Renaissancekellern die Sammlung von Gipsabgüssen antiker Skulpturen, 1783 mit dem Ankauf von 833 Gipsen begründet und später auf 4500 Stücke angewachsen. Die Gipse wären im Flutwasser unweigerlich zugrunde gegangen; ihre Rettung durch Bundeswehrsoldaten gehört allein schon physisch zu den Glanztaten rund um den 12. August. Ein Stockwerk höher, bei den Originalen, fanden sie Asyl, das sie seither, nur ein wenig ordentlicher aufgereiht, in Anspruch nehmen. In den Keller müssen sie nicht mehr zurück.

Eine ähnlich aparte Mischung aus Schauraum und Depot konnten die Besucher der Gemäldegalerie Alter Meister ein halbes Jahr lang erleben. Direkt am Zwinger gelegen, zählte die – wie die Oper von Gottfried Semper errichtete – Galerie zu den Hauptleidtragenden der Flut, die innerhalb Dresdens eine Mischung aus dem Anstieg der Elbe und den wütenden Fluten eines ansonsten vergessenen Bächleins namens Weißeritz darstellte. Die Weißeritz tobte durch den Zwingergraben – auch er seither generalsaniert –, das Elbwasser kam von unten. Beides verwandelte die Zwingerwiesen in einen Teich. In der Sempergalerie stieg es durch die Keller und zwang zu jener Rettungsaktion binnen sieben Stunden, deren Hohes Lied die Kunstsammlungen seither singen: 2690 Gemälde und 255 kostbare Rahmen wurden durch enge Treppen nach oben geschleppt, und nicht ein einziges Gemälde litt Schaden. Da mussten sie dann oben ausharren, in den Seitenkabinetten und hinter provisorischen Plexiglassperren, ehe sie bis Pfingsten wieder ins Depot wanderten.

Ins Depot – aber nicht ins frühere. Erst Anfang der neunziger Jahre für viel Geld in den Untergrund getrieben, dient es heute als Restaurierungswerkstatt. Semper hatte nicht einmal einen Keller angelegt; ihm stand die Flut von 1845 vor Augen. Die Heutigen glaubten klüger zu sein und verlegten Depots und – wie im Opernhaus – Haustechnik in den gefährdeten Untergrund. Wohin dann mit den Bildern?

Der Streit darüber ist gewissermaßen das unsichtbare Erbe der Flut. Die Staatlichen Kunstsammlungen haben die Dramatik ihrer Beinahe-Katastrophe geschickt für sich zu nutzen gewusst und ein neues öffentliches Bewusstsein für das kostbare Erbe Dresdens geweckt. Mit Goodwill-Ausstellungen in Hamburg, Berlin und London machten sie auf Elbflorenz als eines der großen Kunstzentren Deutschlands aufmerksam. Beinahe mühelos konnten sie die Wanderausstellungen aus ihrem Fundus bespielen, ohne darum Sempergalerie oder Skulpturensammlung zu entleeren.

Aber der Glanz der Museen bleibt trügerisch, wenn er nicht auf solider Basis ruht. Das betrifft zum einen die innere Organisation der Museen – die Regierung des Freistaats möchte sie völlig neu gliedern – und zum anderen die Frage eines hochwassersicheren Depots. Erst focht Generaldirektor Martin Roth, der in all seiner Weltläufigkeit unter Sachsens Politikern wenig Zuspruch erntet, für ein Lager am Stadtrand, weit entfernt von allen Wassern. Dann aber sickerten Planspiele aus der Staatskanzlei des oft als biederer Technokrat unterschätzten Ministerpräsidenten Milbradt durch, der die Museen zur Verfügungsmasse für landesweite Vermarktung machen wollte. Das Vorhaben eines „Hauses der Archäologie“ in Chemnitz, bestückt mit Dresdner Schätzen, bildet seit Monaten einen gewichtigen Zankapfel. Ein Zentraldepot der Dresdner Kunstsammlungen, womöglich unter eigenständiger (Staats-)Leitung, hätte den Appetit etwa anderer Kommunen erst recht geweckt.

Mittlerweile sind die Kunstsammlungen zurückgerudert und fordern ein Hochdepot im ungenutzten Innenhof des Albertinums – ein „Depot der kurzen Wege“. Dessen Finanzierung wäre zwar unter anderem aus der Schadenserstattung in Höhe von 10 Millionen Euro gesichert. Eine Entscheidung aber steht aus. Sie drängt, denn die aus Landesmitteln und der Bundeszusage für sächsische Kulturschäden in Höhe von 84 Millionen Euro gespeiste Schadenskompensation kann aus juristischen Gründen nur befristet abgerufen werden.

Insgesamt summieren sich die Flutschäden bei den Staatlichen Museen auf 17 Millionen Euro. Nebenan bei der Semperoper sind es 25 Millionen Euro. Auch hier keine Spur mehr vom Hochwasser. An diesem heißen Sommerabend ergießen sich Busladungen von Touristen, mittelfein gewandet, auf den Theaterplatz, eine halbe Stunde vor Beginn eines spanischen Tanzgastspiels zum „Bolero“. Mit der Sommerbespielung sucht die Oper einen Teil ihres mehrmonatigen Einnahmeausfalls wieder hereinzuholen, für den der Freistaat im Unterschied zu Gebäude und Ausrüstung nicht aufkommt. Erst seit der „Siegfried“-Premiere am 23. März funktioniert die Bühnenmaschinerie wieder ohne Einschränkung. Vor der nachfolgenden „Götterdämmerung“ wird sich nun – ganz ungewöhnlich – am 31. August der Premierenvorhang heben.

Dresdens königliches Zentrum, jenes Ensemble entlang der Elbe von Zwinger bis Albertinum, ist fest in der Hand der Gäste, unter denen nicht nur viel japanisch, sondern auffallend viel auch russisch gesprochen wird. Die Jahrhundertflut und die Bilder, die von den dramatischen Rettungsaktionen des 13. bis 17. August 2002 um die Welt gingen, haben ein neues Kapitel erzählten und geteilten Schicksals hinzugefügt. Insofern zählt zu den Spuren des Hochwassers, dass es keine sichtbaren Spuren mehr gibt. Umso mehr aber solche, die den Dresdnern und ihren Gästen vor dem geistigen Auge stehen – mögen sie auch, ein wenig träge, in die Abendsonne blinzeln, unter deren goldenem Glanz eben gerade im Zwingergarten ein Mozart-Potpourri mehr ver- als erklingt. Hier wie überall standen vor einem Jahr die trüben Fluten, als wollten sie ihre Eroberung nie mehr hergeben.

Wie hoch das Wasser damals stieg, ist am allerwenigsten in Pillnitz zu begreifen. Reisegruppe auf Reisegruppe versammelt sich vor den Pegelständen am Palais, um ungläubig auf die Marke vom 17. August 2002 hinaufzusehen. Von hier führen geschwungene Stufen zum Fluss hinab, auf dem die Gäste Augusts des Starken, des Erbauers des Wasserpalais nach damals hochmodischem chinesischen Vorbild, mit Gondeln einzutreffen pflegten.

In diesem Sommer reicht das Elbwasser nicht einmal bis zur untersten Stufe.

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