Ausgehen in Berlin : Sex Beat

Ein Straßenmusiker, der vor dem Alexa einen Gun-Club-Song spielt, kann schon mal in tiefste Braunschweiger Vergangenheiten führen - die Alexanderplatz-Clubs Sky und Weekend haben dagegen keine Chance.

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Nacht über dem Alexanderplatz
Nacht über dem AlexanderplatzFoto: dpa-bildfunk

Was ein Straßenmusiker alles auszulösen vermag! Zumal es doch heute an dieser Stelle um den Sky Club und das House of Weekend gehen soll! In der Regel gilt, dass es nichts Nervigeres gibt als in einem Restaurant oder in einem U-Bahn-Waggon plötzlich Live-Musik hören zu müssen. Man wird da gewissermaßen zwangsverpflichtet. Weghören geht nicht. Halbwegs sympathisch sind zumindest die Musiker, die in Unterführungen oder auf irgendwelchen Plätzen stehen und „House Of The Rising Sun“ oder Ähnliches spielen, an ihnen kommt man schnell vorbei.

Noch unaufdringlicher war jener Musiker, der sich neulich gegenüber vom Alexa auf die Verkehrsinsel zwischen den beiden Fahrspuren der Grunerstraße gestellt hatte. Ein schwierig zu spielender Ort, muss man sagen. Aber was spielte der 30, 35 Jahre alte, in jeden Fall nicht mehr ganz junge Mann in T-Shirt, Röhrenstoffhose und Converse-Schuhen da auf seiner Gitarre? Das war doch, ja, es brauchte einen Moment, bis ich den Song hatte, genau, das war „Sex Beat“, ein sehr frühes Stück von The Gun Club, einer Band, die heute keiner mehr kennt, auch weil sich ihr Mastermind Jeffrey Lee Pierce in den mittleren neunziger Jahren zu Tode gesoffen und gedrogt hatte.

Mit den Television Personalities hatte man bei Frauen keine Chance

Nicht nur, dass ich stehen blieb, um dem Mann noch ein bisschen zuzuhören. Seine „Sex-Beat“-Interpretation versetzte mich auch in die tiefste Vergangenheit, in einen Linienbus, der von Braunschweig nach Salzgitter fuhr. Ich hatte mir gerade bei Salzmann oder City Music oder einem anderen einschlägigen Braunschweiger Plattenladen das Gun-Club-Album „Las Vegas Story“ gekauft, blind, nur wegen des Stückes „The Stranger In Our Town“, das ich in einer Nachtsendung im Radio gehört hatte, bei Paul Baskerville oder Alan Bangs. Ich saß auf der letzten Bank im Bus, traf eine Freundin und versuchte ihr zu erklären, was es mit diesem Album und insbesondere „The Stranger In Our Town“ auf sich hatte; mit dem merkwürdigen Punk-Blues, der Melancholie, der urbanen Einsamkeit, den dieser Song verströmt. Verständlich konnte ich mich nicht machen. Mir ging es da wie einem Freund, der mir ein paar Jahre später erzählen sollte, er hätte bei Rendezvous in seiner Wohnung immer Platten von Television Personalities nach vorn sortiert, um sie dann auch zu spielen – aus diesen Treffen wurde natürlich nie was, von wegen Sex Beat. Die Dire Straits wären angebrachter gewesen!

Halt, stopp, wo waren wir gerade noch? Auf dem Alexanderplatz, bei Straßenmusik, bei „Sex Beat“ im Jahr 2014. Der Sky Club und das Weekend müssen sich noch ein bisschen gedulden.

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