Kultur : Ausgerechnet Spaghetti

In Rheinsberg inszeniert Michael Schulz Mozarts „Zauberflöte“ mit leichter Hand

Sybill Mahlke

In der 213 Jahre alten „Zauberflöte“ steht ein Satz, der bis heute die komödiantische Macht hat, jedes Publikum zum Lachen zu bringen: „Ich bleibe ledig!“ Dieser betagte Witz ist ein Wunder, weil er in einem der bekanntesten Bühnenwerke alterslos funktioniert. Es geht darum, dass dem Naturmenschen Papageno die Lehren des Tempels, dem der göttliche Sarastro vorsteht, im Grunde egal sind. Papageno wünscht sich ein Mädchen oder Weibchen. Das weiß jeder. Die Zumutung der Priester aber heißt, der Vogelfänger habe sich ihren Gesetzen zu unterwerfen und selbst den Tod nicht zu scheuen, um seiner Papagena näher zu kommen. „Ich bleibe ledig!“ beharrt er, und die Zuschauer sind sehr amüsiert.

Die Komplexität der „Zauberflöte“, Lesarten der jüngeren Vergangenheit, welche die Männerbündelei der Eingeweihten und Sarastros Diktatur kritisch beäugten, haben der Vorstadtposse in der „großen Oper“ von Emanuel Schikaneder das Leben schwer gemacht. Dabei ist Harry Kupfer zuzustimmen: „Mit der ,Zauberflöte’ wird man nie fertig.“

Bei der Kammeroper Schloss Rheinsberg aber trägt die Sommernacht im schönen Heckentheater dazu bei, der heiteren Seite des Spiels Flügel zu verleihen. Die Vögel in den hohen Bäumen der Naturkulisse verschwistern sich mit dem „Zauberton“ der Flöte. Und Reinhard Schwarz dirigiert die Brandenburger Symphoniker mit sensibler Koordination und Lust an Mozartscher Langsamkeit.

Regisseur Michael Schulz hält sich eng an die Poesie des Schauspielers Schikaneder, indem er eine freundliche Inszenierung aus dem Geist des Theaters abspult. Das ist manchmal ein bisschen vordergründig, aber nie langweilig. Die werkimmanente Trennung zwischen Licht und Finsternis, die der historischen Aufklärung geschuldet ist, findet hier einen milden Ausweg. Sarastro singt zwar von der „Zernichtung“ der „Heuchler“, besinnt sich aber eines Besseren. Demokratisch nimmt der Herrscher nicht nur das Tugendpaar Tamino und Pamina in seinen Kreis auf, sondern auch die Königin der Nacht mit ihrem Gefolge. Alle zusammen besingen das Gute, bevor die Spieler zwischen dunklen Hecken verschwinden. Großer Beifall. Die sechs Vorstellungen (bis 14. August) sind ausverkauft.

Michael Schulz, Operndirektor in Weimar, wo er auch „Die unendliche Geschichte“ des Rheinsberger Kammeropern-Prinzipals Matthus zum Erfolg geführt hat, ist ein Theatermann der unprätentiösen Praxis. Seine Priester (vom Karl-Forster-Chor) machen kein Hehl daraus, dass sie mit den Prüflingen ihr wohlwollendes Spielchen treiben, das Glockenspiel obliegt einer mechanischen Puppe à la Olympia. Versteht sich, dass der Automat zur Papagena mutiert. Sarastros ungute Reden über die Frauen entschärfen sich, wenn seine weiblichen Untertanen dem Mohren „77 Sohlenstreich“ verabreichen dürfen. Ausstatterin Martina Feldmann versteht es, mit Papierkostümen zu zaubern. Tiere, Fantasy-Requisiten, Nebel, magisches Blau in den Zweigen, Schattenspiele.

Das „Internationale Festival zur Förderung junger Sänger“ macht seinem Auftrag Ehre. Ein musikalisch differenzierender Tamino mit gut geführtem Tenor ist Marco Jentzsch, eine Königin mit weitgehend untadeliger dramatischer Koloratur Valérie Salgues. Patrick Schramms tiefgetönter Sarastro sieht aus wie ein edler Bassa Selim vergangener Zeiten. Daniel Jenz ist ein taktsicherer Mohr, Eylem Demirhan bezaubert in ihrer Arie der Traurigkeit. Engagement bei den Terzetten der Damen und Knaben, bei jedem Priester. Am meisten wird der Papageno geliebt, der in der zierlichen Elisa Cenni seine Papagena findet: Martin Achrainer ist ein Schauspieler mit lyrischem Bariton, ein Vogelmensch, der unheimliche Mengen von Spaghetti bewältigt und den ganzen Theaterkram, inklusive Bildnis Paminas, in einem Bollerwagen hinter sich herzieht. Von wegen „Ich bleibe ledig!“: Schon hat ihm seine Vogelfrau zwei Eier gelegt. Wortbruch gelungen.

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