Kultur : Ausgeschlafen

Die Sing-Akademie zu Berlin öffnet endlich ihren Archivschatz

Frederik Hanssen

Um es mit Johann Sebastian Bach zu sagen: „Wie bin ich doch so herzlich froh!“ Das zähe Ringen ums Archiv der Sing-Akademie zu Berlin scheint ein Ende gefunden zu haben. Nachdem die verschollen geglaubte Partiturensammlung 1999 in Kiew aufgetaucht war, hatten sich die Fans feiner Barockmusik schon auf wunderbare Festivals in der deutschen Hauptstadt gefreut, bei denen die wiederentdeckten Meisterwerke der Bach- Söhne, von Hasse, Telemann und Graun zu neuem Leben erwachen würden. Doch es blieb ein Traum: Während die Manuskripte auf Anweisung der Sing-Akademie in der Berliner Staatsbibliothek unter Verschluss lagen, fanden zwischen Wien und Stade diverse Aufführungen von „Raubkopien“ statt, die sich findige Maestri anderweitig besorgt hatten. Ja, sogar die Berliner Singakademie, der 1963 in Ostberlin gegründete Schwesternchor, brachte im April Carl Philipp Emanuels Matthäus-Passion heraus. Joshard Daus, der Leiter der Sing-Akademie, kündigte damals an, jeden rechtlich zu verfolgen, der ohne sein Einverständnis Archivmaterial aufführe.

Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch schlug er nun sanftere Töne an. Da war lediglich noch von der „Koordination“ einer „geordneten Aufführungspraxis“ durch die Sing-Akademie die Rede – die Wiederentdeckung des Archivs kann also auch in Berlin endlich in großem Stil beginnen.

Erstmalig beteiligt sich auch die Sing-Akademie aktiv an der Renaissance: Am 24. September findet im Kammermusiksaal der Philharmonie die erste Aufführung von C.P.E. Bachs Johannes-Passion seit 1772 statt. Daus, der sich selbstbewusst in eine Linie mit dem legendären Chordirektor Zelter stellt, will damit die städtische Musikgeschichte neu schreiben, den Begriff einer „Berliner Klassik“ – als Gegenpol zur Wiener Klassik (Mozart, Beethoven) – etablieren.

Allein wird ihm das kaum gelingen. Alle Berliner Orchester, Chöre und Opernhäuser könnten hier wenigstens einmal beweisen, dass sie in der Lage sind, zum Ruhme der Stadt zu kooperieren. Um nochmals mit dem alten Bach zu sprechen: „Wacht auf, wacht auf, verlorne Schafe, ermuntert euch vom Sündenschlafe!“

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