Kultur : Außer Atem

WETTBEWERB Noch ein Film über eine unsichtbare Gefahr: „V Subbotu“ spielt in Tschernobyl

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Verstrahlt. Valery (Anton Shagin) vor dem zerstörten Reaktor. Foto: Bavaria Pictures
Verstrahlt. Valery (Anton Shagin) vor dem zerstörten Reaktor. Foto: Bavaria Pictures

Valery rennt. Rennt hinter dem Auto mit den Fabrikbonzen her bis zum Reaktor, rennt durch die Flure des Verwaltungsgebäudes, platzt in eine Besprechung, hört Sätze wie „Keiner außer uns weiß, was geschah“, rennt nach Pripjat zurück, zum Wohnheim seiner Freundin, und mit ihr zum Bahnhof, schnell, zieh dir was an, mach schneller, der Zug ist gleich da. Aber der Freundin knickt ein Schuhabsatz weg, ihren Pass hat sie auch nicht, und sie kommen zu spät.

Samstag, 26. April 1986, Tag eins der Katastrophe von Tschernobyl. Die Leute sind in Wochenendlaune, im Kulturhaus wird gerade Hochzeit gefeiert. Valerys (Anton Shagin) frühere Band spielt auf, aber der Schlagzeuger liegt betrunken in der Ecke, also springt Valery ein. Er trommelt um sein Leben, er weiß, sie haben keine Zeit mehr. Auch die Freundin, die Musiker und der Bräutigam wissen es bald, aber sie stecken alle fest, kommen nicht los aus dem Hier und Jetzt, aus Pripjat, aus ihrem Leben. Dabei sind sie längst kontaminiert, sind lebende Tote in einer radioaktiv verseuchten Stadt.

Man möchte sie nicht atmen hören in diesem Film über die ersten Stunden nach dem GAU. Man möchte nicht sehen, wie eine Fensterscheibe birst und die todbringende Luft ins Zimmer lässt, wie Valery sich betrunken im Gras balgt. Aber der russische Regisseur Alexander Mindadze, Jahrgang 1949, und sein Kameramann Oleg Mutu haben sich für die Handkamera entschieden, sie sitzt den Protagonisten im Nacken. Und so ist man hautnah dabei, hört jeden Atemzug, es ist quälend, unerträglich, ein Wahnsinn.

Panik und Lähmung, wilde Hysterie, dumpfe Aggression: Zu Beginn von „V Subbotu“ (An einem Samstag) hat die Ästhetik der Distanzlosigkeit etwas Bezwingendes. Später kommt der Film selber nicht mehr vom Fleck. Ein Tanz auf der Vulkanasche, noch einer und noch einer, alte Rechnungen werden mit Fäusten beglichen, Wodka und Wein fließen in Strömen. Kann man Verstrahlung mit Alkohol dekontaminieren? Es ist die pure, schrille Verzweiflung. Irgendwann erschöpft sich „V Subbotu“ im horror vacui hektisch verzappelter Bilder. Das ist schade – und interessant. Auf der Berlinale 2011 häufen sich die Erzählungen über Katastrophen, die bereits geschehen sind, über Gefahren, die keiner mehr abwenden kann, auch wenn die Welt (noch) nichts davon weiß – oder nichts wissen will. Über Menschen, die verstrickt sind in einen tragischen Augenblick der Geschichte, die die Lage hellsichtig begreifen und an ihr scheitern.

Angeblich ist alles in bester Ordnung, aber es ist fünf nach zwölf: In „Margin Call“ über die Nacht vor dem Finanzcrash von 2008 und die Entscheidung zum Fire Sale fauler Hypotheken. In „El Premio“ über eine Kindheit in der argentinischen Militärdiktatur: Ein aufgewecktes Mädchen schreibt einen preiswürdigen Schulaufsatz über jene Armee, von der die Mutter weiß, dass sie den Vater ermordet hat. Oder in „Schlafkrankheit“ über einen deutschen Arzt in Afrika, einen hilflosen Entwicklungshelfer und ausgebeuteten Ausbeuter, dem sein Gutmenschen-Traum von Afrika zum Verhängnis wird.

Das Kino zum vermeintlichen Ende der Krise? Auch die Nebenreihen zeigen Filme, in denen die Schreckstarre im Moment der Erkenntnis die Bilder in Bann zieht. Immer sind die Opfer auch Täter, die sich ihrer Mitverantwortung stellen oder denen es zumindest nicht gelingt, sich aus ihr herauszustehlen. Am Ende von „V Subbotu“ fährt Valery mit der Band und seiner Liebsten in einem Boot am geborstenen Reaktor vorbei. Sie können entkommen. Aber das Wasser, das sie trägt, ist Styx, der Fluss des Todes.

Heute 9.30 Uhr und 20.30 Uhr (Friedrichstadtpalast), 22.30 Uhr (International), 20.2., 20 Uhr (Urania)

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