Kultur : Außer Rand und Band

Im April 1954 sang Bill Haley mit „Rock around the Clock“ den Soundtrack für ein neues Lebensgefühl. Der Rock’n’Roll wird fünfzig

Bodo Mrozek

Als Max Freedman und Jimmy de Knigh diesen Text schrieben, konnten sie noch nicht wissen, was ihre vergleichsweise simplen Zeilen einmal auslösen würden: „Put your glad rags on and join me, hon, we’ll have some fun when the clock strikes one.“ Wenn die Uhr vier schlägt, so weiter im Text, und die Band leiser wird, dann schreien wir nach mehr. Die Plattenfirma Decca hatte nur wenig Vertrauen in das kleine Stück. „Rock around the clock“ erschien als B-Seite zu dem Lied „13 Women“, in dem ein Mann davon träumt, alleine in einer Stadt von Frauen zu leben. Als aber die Fans die B-Seite hörten, wussten sie, was die Stunde geschlagen hatte. Schon im Juni 1954 verkaufte sich die Single eine Million mal.

Für den Interpreten hatte sich damit quasi über Nacht ein amerikanischer Traum erfüllt. William John Clifton Haley (1925 – 1983) kam aus Michigan und hatte zuvor für 35 Cent die Stunde in einer Getränkefabrik in Detroit gearbeitet. Er tingelte erfolglos mit Westernbands und hatte sich 1953 mit dem Stück „Crazy Man Crazy“ auf Platz 20 der Billboard Charts geschrieben. Doch erst „Rock Around the Clock“ war der Durchbruch – nicht nur für ihn selbst.

Das Lied, das eine Ära einläutete, war ein frühes Manifest der Spaßkultur: Fun rund um die Uhr. Eine Botschaft, die bei den Fans auf fruchtbaren Boden fiel. Die eigentliche Karriere machte es gewissermaßen durch die Hintertür des Kinos. 1955 wurde „Rock around the Clock“ die Titelmusik zu dem Film „Blackboard Jungle“ („Saat der Gewalt“), in dem sich Glenn Ford als Berufsschullehrer in der Bronx gegen gewalttätige Schüler behaupten muss, die dem Rock’n’Roll verfallen sind.

Erstmals hatte sich eine Jugendkultur formiert, die weltweit die gleiche Musik aus Röhrenradios und Jukeboxes hörte. In Amerika nannte man sie „Rocker“, in Frankreich „Blouson Noir“ und in Deutschland etwas abfällig „Halbstarke“. Der Film „Saat der Gewalt“ gab vor, vor den Gefahren der neuen Jugendszene warnen zu wollen. Dieses Ziel verfehlte er gründlich. Im November 1956 blockierten in Gelsenkirchen nach einer Kinovorführung mit der Musik von Bill Haley & his Comets 1500 Jugendliche den Verkehr und schugen sich mit der Polizei. In Mannheim rotteten sich 500 Halbstarke zusammen und zerlegten das Lokal Rheingold und die Tanzdiele Prinz Max, in Bielefeld rissen sie Armlehnen von den Kinositzen. In Berlin riefen sie „Pfui, Polizei“ und (nach einem weiteren Haley-Titel) „Mambo-Rock, hey, hau-ruck!“. Dazu hagelte es Colaflaschen und Steine. Als Bill Haley, der zuvor als erster Rock’n’Roller europäischen Boden (in England) betreten hatte, 1958 im Berliner Sportpalast auftrat, machten die Fans die Stuhlreihen zu Kleinholz – ein Ritual, das sich später in schöner Regelmäßigkeit wiederholte, auch bei den Rolling Stones.

Jene meinungsbildenden Gesellschaftsschichten, die sich noch nicht daran gewöhnt hatten, als „Establishment“ marginalisiert zu werden, standen vor einem Rätsel. Was machte Halbwüchsige zu Rebellen ohne Grund – wie es ein Film mit James Dean ausdrückte? Kulturpessimisten suchten die Schuld in der Amerikanisierung, Soziologen in der vaterlosen Gesellschaft, Psychologen in der Schundliteratur. Für die Allgemeinheit aber war klar: Schuld war nur der Rock’n’Roll.

In der Ära des Kommunistenhassers McCarthy, einer von Rassendiskriminierung, kaltem Krieg und Prüderie geprägten Gesellschaft, war der Rock’n’Roll doppelt verdächtig. Radio-DJs zerbrachen die Schallplatten von Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins oder Little Richard. Pfarrer hielten Hasspredigten auf den sexualisierten Tanz, Zeitungen verhöhnten die neuen Sänger als „kulturlose Barbaren“.

In gewisser Weise waren sie dies auch. Fast keiner der neuen Stars hatte ein Musikstudium oder eine klassische Ausbildung absolviert. Den neuartigen, Rhythmus- und gefühlsbetonten Sound hatten die Rock’n’Roller beim schwarzen Rhythm&Blues abgelauscht. Zu einer Zeit, als schwarze Musik noch in die so genannten race charts verbannt war und nicht im Radio gespielt wurde, war dies ein Tabubruch.

Den schwarzen Musikern selbst hat er allerdings nicht immer genutzt. Wer erinnert sich noch an Willie Mae Thornton, mit deren Stück „Hound Dog“ Elvis Presley Millionen verdiente? Wer kennt noch Hank Ballard, der den Twist erfand? Oder Gloria Jones? Der Rock’n’Roll war von Anfang an auch eine Geschichte des Diebstahls – und ist es bis heute geblieben. So durfte erst kürzlich das Popper-Duo „Soft Cell“ im Interview mit einer großen Zeitung unwidersprochen erzählen, wie sie in den Achtzigerjahren ihren Megahit „Tainted Love“ schrieben. Tatsächlich aber hatte die schwarze Sängerin Gloria Jones das Stück Mitte der Sechzigerjahre aufgenommen.

Der 12. April 1954, an dem Bill Haley die Studioaufnahmen zu „Rock around the Clock“ abschloss, gilt heute als offizieller Geburtstag des Rock’n’Roll. Gute Gründe sprechen für dieses Datum – und dagegen. Der Radio-DJ Allan Freed führte „Rock“ und „Roll“ schon 1953 im Namen seiner stilbildenden Sendung, die erste Aufnahme von „Rock around the Clock“ (von Sunny Dee) datiert ebenfalls 1953 und in jenem Jahr betrat ein Junge namens Elvis Presley erstmals ein Studio, um ein Lied für seine Mutter aufzunehmen. Die Osterzeit des Jahres 1954 brachte aber zweifellos den Durchbruch einer Kultur, die sich seitdem unter immer neuen Namen für immer neue Generationen wieder erfindet und gegenwärtig Pop genannt wird. Am Ostermontag feiert sie ihren fünfzigsten Geburtstag.

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