Kultur : Ausstellung: Das freie Spiel der Marken

Ronald Berg

Mit dem 11. September ist etwas zerbrochen, das auch die neunziger Jahre plötzlich sehr weit entrückt: Vom Zeitalter des Weltterrorismus schaut man anders auf die Relikte der Spaßkultur. Zur Eröffnung von "Quobo - Kunst in Berlin 1989-1999" konnte man es aber noch einmal so richtig krachen lassen und alles war fast wie früher. Monica Bonvicini hatte Gipsplatten ausgelegt, die an manchen Stellen beim Darauftreten einbrachen. Kaum war die Fläche freigegeben, fiel das Publikum über den Boden her, so dass er wenig später aussah wie eine zerborstene Eisfläche. Selten hat man so viele fröhliche Gesichter gesehen.

In der für ausländische Museen konzipierten Ausstellung im Hamburger Bahnhof lädt selbst die sonst mehr als spröde Maria Eichhorn zum Spielen ein. Ihr "schiefer Billardtisch" ist trotz der minimalen Schieflage durchaus benutzbar. Überhaupt ist diese Ausstellung absolut kindertauglich. Besonders Laura Kikaukas Kitschhöhle ist, ähnlich dem von ihr in der Schlegelstraße betriebenen Club Schmalzwald, vollgestopft mit unzähligen Plüsch- und Plastiktieren und geschmückt mit allerlei Makramee-Eulen. Sie bietet Besuchern jeden Alters reichlich Gelegenheit zum Anfassen und Staunen. Albrecht Schäfer benutzt da lieber pädagogisch wertvolles Spielzeug: Nur dass die zusammensteckbaren Plastiksterne aus dem Kinderzimmer namens "Florina" bei ihm ins Riesige gewachsen sind, aus Styropor bestehen und im Hamburger Bahnhof einen ganzen Raum ausfüllen. Die luftige aber erstaunlich stabile Konstruktion lässt sich begehen oder auch durchkrabbeln.

Im Grunde zeigt sich hier die Kunst des wiedervereinigten Deutschlands nach Ende des Kalten Krieges ohne Inhalte. Stattdessen befragt sie ihre (musealen) Kontexte, ihre Materialien oder ihre Medien, die die Auswirkungen der digitalen Revolution an Bild und Kunst exemplifizieren.

Einzig Eran Schaerf dehnt das Spektrum ein bisschen ins Politische. Doch seine von Band gesprochene Kritik am Eurozentrismus macht sich an den Kriterien der Markennamen fest, über die Afrika nicht verfügt. Also statt Kritik Spaßkultur, statt Opposition die Paralleluniversen der Clubs und Raves, statt Inhalte Labels. Das von Adib Fricke kreierte Kunstwort "Quobo" hat folgerichtig auch keinerlei Bedeutung, sondern funktioniert selbst wie ein - amtlich geschütztes - Markenzeichen.

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