Kultur : Ausstellung "Double Date": Die groben Unterschiede

Matthias Mühling

Die zweite Ausstellung in den neuen Räumen der Galerie Barbara Weiss widmet sich drei Künstlern, deren Arbeiten unterschiedliche Aggregatzustände von Sprache als künstlerischem Ausdrucksmittel ausloten. Die Installation "Double Date" (40 000 Mark) von John Miller ist Namenspatron und Mittelpunkt der Ausstellung, um den die Arbeiten von Dan Graham und Ken Lum wie Satelliten kreisen. Konzeptionell werden hier auf kleinstem Raum Bezüge eröffnet, von der manche groß angelegte Themenausstellung nur träumen kann. Formal werden die kombinierten Werke über die abgebildete Schrift zusammengehalten, inhaltlich steht die Aneignung und Abbildung von Welt durch Sprache im Zentrum. Millers Installation richtet sich an den gebildeten Betrachter, der als intellektuelle Lockerungsübung Pierre Bourdieus "feine Unterschiede" mehr oder weniger grob wiedererkennen kann. Miller, schon in früheren Arbeiten in Bourdieu-Exegese geübt, schlüpft diesmal in die Rolle des empirisch vorgehenden Sozialforschers - sein Untersuchungsgebiet ist die Kontaktanzeige. Miller stellt sich somit in eine Tradition pseudo-wissenschaftlicher Methodik, die seit den siebziger Jahren als subversive Strategie den Kunstbegriff erweitert hatte. Hintergründig und gewitzt gestaltet sich die Installation auf drei Tafeln streng nach dem Lehrbuch "Wie verfasse ich eine soziologische Abhandlung": Auf den ersten zwei Tafeln wird das empirische Material aufgelistet und in Grafiken übertragen. Die dritte Tafel erläutert die theoretischen Grundlagen, die Fragestellungen und nimmt die Interpretation vor. Als Surplus markiert Miller noch einen Ort zur Selbstvermarktung durch einen runden Teppichboden, wo ein Mikrofon bereit gehalten wird, um der Partnerwahl das nötige Gehör zu verschaffen.

Die repräsentative Auswahl bilden 220 Anzeigen aus der "Village Voice": Frau sucht Mann, Mann sucht Frau, Mann sucht Mann, Frau sucht Frau, Multiple, Anything goes und Transgender. Jeder Anzeige wird eine Ordnungszahl zugewiesen, die dann in verschiedene Koordinatensysteme übertragen wird. Die x- und y-Achsen dieser Systeme kombinieren in Gegensatzpaaren zwei unterschiedliche Kategorien, wie weiß und schwarz mit dominant und unterwürfig. Ein Subsystem kategorisiert zusätzlich nach Merkmalen, die über Krankheiten, Drogenabhängigkeit, Ess- und Sportverhalten informieren. Nun kann man feststellen, wo sich in der Grafik Begehren und Eigenschaften miteinander verbinden und auseinander fallen. Anforderungen an den Partner ebenso wie Fühlen und Handeln beschreibt die Soziologie als Kategorien, die an kulturellen Imperativen orientiert sind, und selbst sexuelle Beziehungen werden in Phantasie und Praxis durch diese Einwirkungen gesteuert. Wie also Liebe, Beziehung und Sexualität gelebt wird, unterliegt dem kulturellen Kontext und gleichzeitig einem historischen Wandel. Veränderungen in der Gesellschaft lösen Veränderungen in den Vorstellungen über Liebe aus.

Die Kontaktanzeige steht damit am Ende einer über die Jahrhunderte ausdifferenzierten Codierung der Liebe. Ihre Form changiert zwischen Selbstporträt und Mini-Autobiographie und ist doch vor allem eine Ansammlung von Daten, die Auskunft geben über das Geschlecht, den Körper, die Klasse und die sexuellen Neigungen. Eine Zahlenreihe repräsentiert einen Körper und verbindet sich mit Adjektiven zu einem imaginären Bild der Person. Die verwendeten Abkürzungen könnten mittlerweile ein ganzes Lexikon füllen. Liebe ist kein Gefühl, sondern ein kühl alle Optionen kalkulierendes Verfahren der Kontaktanbahnung. Mann und Frau bieten sich in Form einer Sprache an, deren technische Kürzel der Poesie eines Liebesbriefes diametral entgegenstehen. Die Absurdität dieser teilweise herzlosen Sprache der Liebe stellt Miller aus und zeigt, wie regressiv im Feld der intimen Herzensangelegenheiten Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit und Klasse eingesetzt werden. Die Liebe kennt ihre Grenzen; sie opfert ihre Unwägbarkeiten einer Ökonomie der Partnerfindung.

In der Kontaktanzeige findet Miller die Spuren der sozialen Kernprobleme urbanen Lebens: von der Migration bis zur unausgelebten Sexualität. "Double Date" vollführt die Dekonstruktion der Feldforschung, der Soziologie und zuletzt auch der des souveränen Subjekts. Folgerichtig findet sich eine Arbeit von Dan Graham, die von vornherein die Versprachlichung von Sexualität in ihrer klinischen Beschreibung ausstellt. Graham hatte 1969 in New Yorker Zeitschriften per Anzeige nach Autoren gesucht, die eine physiologische Beschreibung der männlichen Postklimax formulieren sollten. In Ermangelung von Angeboten musste der Künstler diese Herausforderung selber annehmen. Die Arbeit "Detumescene" (25 000 Mark) eröffnet als Kolumne auf der Wand die Diskrepanz zwischen biologisch-technischen Abläufen der Sexualität und dem romantischen Konzept der Liebe. Ken Lum verweigert sich ganz dem Primat einer sinnstiftenden Einheit von Buchstaben. Seine "Language Paintings" operieren mit Lettern und Syntax, nur Worte kann der Leser nicht erkennen. Die Bild-Wortverbindungen führen in eine komplexe Welt von Widersprüchen und künden vom sprachlichen Babel. Sie sind reine Form und spielen mit der typographischen Gestaltung, ihr Sinn liegt jenseits der Schrift. So stehen auch Lums Arbeiten im Kontext einer Kritik am Repräsentationscharakter Schrift.

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