Kultur : Ausstellung: Fußball und Transzendenz

Katrin Bettina Müller

Was haben Fußball und abstrakte Malerei gemeinsam? Das eingeschworene Publikum, das endlos über ihre Geschichte und die Auslegung der Regeln diskutieren kann? Aspekte von Selbstdarstellung und Wettbewerb? Mehr noch ist es das feine Bewusstsein von der Aufteilung des Raumes, den Grenzen der Spielfläche und die Vorliebe für einprägsame Farbkombinationen.

Diese Vorschläge unterbreitet der Maler Alan Uglow in seiner Ausstellung "interference": Im ersten Raum der Galerie hängen Fotografien aus Stadien in London und Amsterdam. Es sind Schnappschüsse aus dem Leben eines reisenden Fans. Im Hof folgen eine Soundcollage und eine beim 1. FC Union ausgeliehene Bank mit Blick auf die sparsamen Farbfelder im zweiten Galerieraum. Ihnen steht man schließlich "Mann zu Mann" gegenüber, denn sie sind nur wenige Zentimeter über dem Fußboden aufgehängt - ein kleiner Trick, der sie als Repräsentanten einer Wahrnehmung in Erinnerung bringt, an der der ganze Körper beteiligt ist.

"Please stand clear at the doors" hört man Uglows Sound-Installation und das Schließen der Türen und Anfahren der Londoner U-Bahn. Wenn der Ton unvermutet aussetzt, rücken die Vögel im Nebenhof und das laute Tropfen der regennassen Bäume ins Bewusstsein vor. Radioreportagen über Fußballspiele und politische Reden werden eingeschnitten, dazwischen ist die Stimme von Uglows Frau zu hören.

Den biografischen Kontext und das Leben rund um den Fußball bietet Uglow als mögliche Quellen für seine Malerei an. Die Bilder selbst stellen ihre Mittel aus, exakt geschichtete Farbfelder, die an den Kanten wie abgeschnitten wirken und die Dicke der Farbschicht erkennen lassen. Dünne, tiefer liegende Linien von blau und gelb drücken die weißen Oberflächen optisch vor. Malerei kann nur Malerei darstellen, und letztendlich entscheidet der Kontext über die Lesart eines Werkes. Aus diesen Erkenntnissen zieht Uglow die Summe.

Minimalismus mit Rückfahrkarte, so möchte man sein Spiel mit geschlossenen Systemen und offenen Anschlüssen nennen. In dem hellgrauen Siebdruck "Portait of a Black Standard Silver" legt er einmal die ganze Strecke zwischen Repräsentation und Reduktion zurück. "Standard" nannte er seine reduzierten Bilder Anfang der neunziger Jahre, aus deren Flächen nur kleine Rechtecke ausgespart waren - so groß, wie die Schnittflächen der Holzlatten, auf denen die Bilder standen. Der Titel verwies bewusst auf die Nähe zur industriellen Normproduktion. In Bildern mit Autolacken hatte sich Uglow zuvor mit der Verwechselbarkeit von industrieller und künstlerischer Fertigung befasst. Im "Portrait of a Black Standard Silver" sitzt ihm das eigene Bild nun Modell, leicht schräg erfasst. So wird aus einer Malerei, die nur die Wirklichkeit ihrer eigenen Mittel anerkennt, doch wieder eine Form von Inszenierung.

Der 1941 in London geborene Uglow lebt seit 1970 in New York. Seine Bilder haben Phasen der Monochromie und des Abhebens in die Transzendenz hinter sich; doch diese Reinheit der Kunst erwies sich für Uglow letztendlich als ein Durchgangsstadium, in dem die Wahrnehmung geschärft wird, um von diesem inneren Ort der Malerei wieder nach außen zu reisen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben