Ausstellung im Kolbe-Museum : Fleischfarbenes Etwas

Die Ausstellung „Bios - Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur“ im Kolbe-Museum folgt von Spuren der Natur in der Kunst.

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Wolfskind. Patricia Piccininis Skulptur „The Comforter“ (2010) besteht aus Silikon, Stahl und menschlichem Haar.
Wolfskind. Patricia Piccininis Skulptur „The Comforter“ (2010) besteht aus Silikon, Stahl und menschlichem Haar.Foto: Graham Baring

Bis einen Tag vor der Eröffnung war nicht klar, ob das Kunstwerk von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger überhaupt existieren würde. Ob sich Kristalle aus dem Harnstoff bilden würden, rosarot über den weißen Tisch wuchernd. Sie taten es, pünktlich, zum Glück. So ist das, wenn man eine Ausstellung plant wie jene, die im Georg-Kolbe-Museum zurzeit zu sehen ist: „Bios – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur“ versammelt vierzehn Künstler, die sich mit Organischem und Pflanzlichem auseinandersetzen und damit einen Teil der Gestaltung aus der Hand geben. Die Natur spielt mit, und die ist immer noch nicht voll vom Menschen beherrschbar. Auch wenn wir mit den neuesten Erkenntnissen aus Mikrobiologie und Gentechnik immer weiter in sie eingreifen.

Das Thema der Schau ist also hochaktuell. Im Kolbe-Museum heben manche Bildhauer mahnend den Zeigefinger. Wie etwa Patricia Piccinini mit ihrer Plastik „The Comforter“, die Trösterin. Es ist ein kleines Mädchen, die in der Ecke des ersten Ausstellungsraums sitzt. Sein Anblick ist befremdlich. Denn sein Körper ist dicht und dunkel behaart, wie bei einem Wolfsmenschen. Liebevoll wendet es sich einem fleischfarbenen Etwas in seinen Armen zu, es ist deformiert, Stummelbeinchen ragen aus dem verkürzten Körper, irgendwie sieht es menschlich aus und auch wieder nicht. Die Frage ist nicht nur, was normal ist in unserer Welt. Die Frage ist, wie wir damit umgehen, wenn wir uns mit unserem Forschungsdrang auf Terrains wagen, deren Folgen nicht absehbar sind. Die Künstlerin Piccinini plädiert für Verantwortung.

Real werden ihre Fantasien in der zwischen Kunst und Wissenschaft pendelnden Arbeit von Brandon Ballengée. Der US-Amerikaner stellt winzige präparierte Skelette von deformierten kalifornischen Baumfröschen mit sechs bis acht Gliedmaßen aus. Leuchtend rot und blau hat er sie eingefärbt. Sie wirken wie futuristische Fabelwesen – doch ihre seltsame Gestalt hat einen handfesten Grund. Frösche nehmen über ihre Haut besonders leicht Umweltgifte auf, das führt zu Missbildungen. Hier ist die Natur die Bildhauerin.

Ebenfalls an ein Forschungslabor erinnert die Vitrine, die Marc Dion mit allerlei Präparaten bestückt hat. Von fern sehen sie aus wie Korallen und Seetiere, die in Formaldehyd schwimmen. Das suggeriert auch der Titel: „Sea Life“. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich aber als Putzutensilien, Kinder- und Sexspielzeuge aus Plastik, jenem Material also, das bereits heute die Meere vermüllt und Unterwasserwelten zerstört. Das Gegenteil von Leben.

Doch was ist dann das pralle Leben? Vielleicht die wachsenden Algen bei Thomas Feuerstein und Tue Greenfort oder das zu einem Ei geformte Künstlersperma von Brad Downey. Oder die Fellpuschel von Günter Weseler. Sie heben und senken sich, eine Bewegung, die sie lebendig wirken lässt, als würde der Flokati atmen. Dabei steckt nur ein kleiner elektrischer Motor dahinter.

Mit dieser international besetzten, vielseitigen und spielerischen Schau feiert Kurator Marc Wellmann einen glänzenden Abschied nach vier Jahren im Berliner Westend, in Kolbes einstigem Wohn- und Atelierhaus. Es ist das letzte große Projekt des 44-Jährigen, der angetreten war, ein jüngeres Publikum ins Haus zu locken. Das ist ihm mit Ausstellungen gelungen, die die Gattung Bildhauerei immer wieder bis an die Grenzen ausreizten. Seine Position sei auf Ende 2012 befristet gewesen, sagt Wellmann dem Tagesspiegel. Sie solle nicht wieder besetzt werden. Wellmann will sich nun verstärkt um die Bernhard-Heiliger-Stiftung kümmern.

So weit die ausgestellten Arbeiten von Kolbes eigenen, figurativen Bronzen entfernt scheinen, so nah sind sie der Bildhauerei selbst, knüpfen sie doch an einen Mythos an. Der römische Dichter Ovid erzählt vom Künstler Pygmalion, der sich in eine von ihm selbst geschaffene Frauenskulptur verliebt. Er liebkost ihren kalten, künstlichen Körper – bis sie sich in seinen Armen bewegt, die Götter haben seine Bitten erhört und die Figur lebendig werden lassen. Ein ähnliches Motiv kehrt in den 1880er Jahren in Carlo Collodis Märchen von Pinocchio wieder. Der Schnitzer Geppetto schafft aus einem Holzstück einen Puppenjungen – der sich am Ende ebenfalls in Fleisch und Blut verwandelt. Beide Geschichten stehen sinnbildlich für die Kunst: Seit der Antike versuchen Künstler etwas zu schöpfen, das der Natur ähnlich ist.

Diesem kunsthistorischen Erbe am nächsten kommt in der Schau der 1973 in Peru geborene David Zink Yi. Er hat einen glitschigen Riesenkalmar im Ausstellungsraum stranden lassen, aus aufwendig bearbeiteter Keramik und einer Tintenlache aus gefärbtem Sirup. Die Täuschung ist perfekt. Anna Pataczek

Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 11.11.; Di-So 10-18 Uhr. Katalog 16 €.

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