Ausstellung "Max Liebermann und der Sport" : Lichtbad der bewegten Körper

Pferderennen, Polo oder Tennis: Sport kam um 1900 in Mode, auch auf den Bildern Max Liebermanns. Eine Ausstellung in der Liebermann-Villa erkundet seine Begeisterung für die Leibesübung.

Elke Linda Buchholz
Kaum ein Huf berührt mehr den Boden. "Polospieler in Jenischs Park" (1903), von Max Liebermann radikal asymmetrisch gemalt.
Kaum ein Huf berührt mehr den Boden. "Polospieler in Jenischs Park" (1903), von Max Liebermann radikal asymmetrisch gemalt.Foto: Privatbesitz

Plock. Aufschlag! Platsch. Badetag! Trapptrapp. Anpfiff! Die knöchellangen Kleidersäume auf dem Tenniscourt schwingen. Die mageren Jungen am Waldsee streifen sich die Hemden vom Leib. Die Poloschläger der Reiter sausen durch die Luft. Sport war angesagt um 1900. Auch auf den Bildern Max Liebermanns kommt Bewegung in die Körper. Der Maler selbst war zwar alles andere als sportlich. Aber ihn lockten bewegliche Motive, die es draußen im hellen Tageslicht zu studieren gab. Die wachsende Begeisterung der Großstädter für sportliche Vergnügungen an frischer Luft kam dem Künstler gerade recht. Der britische Adel hatte Lawn-Tennis, Pferderennen, Polo oder Segeln schon länger als fashionable Betätigungsfelder für gehobene Schichten entdeckt. Nun schwappte diese Welle auf den Kontinent. Und die zügigen Malstrategien des Impressionismus lieferten das perfekte Stilbesteck dazu.

Wie Max Liebermann, längst kein Jungspund mehr, den Hang zur Bewegung als Themenoption entdeckte, ist jetzt in seinem Sommerhaus am Wannsee zu verfolgen. Das erste Spotlight fällt in einer noch dunkeltonigen Badeszene von 1895 auf die planschenden Jungs. Schon wenige Jahre später baden die Körper buchstäblich im Licht. Und Liebermanns Pinsel fegt mit fast expressiver Verve über die Leinwand, um die Meeresbrandung einzufangen. Expressionismus? Unsinn! Letztlich blieb Liebermann auch als Sportreporter unnachahmlich nüchtern. Als seine Tochter Käthe sich während der alljährlichen Sommerfrische in noblen holländischen Badeorten beim Tennisspielen mit jungen Engländern traf, war Vater Liebermann keineswegs begeistert. Tennis galt als Flirt-Sport. Aber als Malmotiv stach dem Künstler die ranke, weiß gekleidete Gestalt der Tochter mit dem Tennisschläger in der Hand ins Auge. 1901 war Liebermann der erste deutsche Maler, der den Tennissport ins Bild setzte. Doch wie ließ sich ein bewegtes Motiv einfangen, ohne dass sich die Suggestion von Dynamik verflüchtigte? Auf den ausgestellten Skizzen und Vorstudien lässt sich der Werkprozess schrittweise verfolgen.

Auch Werke von Degas kann die Ausstellung aufbieten

Kaum war 1898 in Hamburg der erste deutsche Poloclub gegründet, da nahm sich der Maler auch diesen Sport vor. Eines seiner fulminantesten Sportbilder zeigt Polospieler in einer radikal asymmetrischen Komposition. Kaum ein Huf berührt mehr den Boden. Dazu stürmt, als kongenialer Zusatzspieler, René Sintenis’ bronzener Polospieler zierlich-kraftvoll heran. Auch den berühmten inspirateur Edgar Degas, von Liebermann bewundert und gesammelt, kann die Ausstellung aufbieten. Degas’ friesartiges Querformat aus Zürich fokussiert Jockeys lässig vor dem Start. Bei Liebermann jagen sie in rasantem Sprung gerade über ein Hindernis hinweg.

Dass auch Secessionskollege Max Slevogt den Pferderennsport aufgriff, lag an dem Berliner Kunstverleger Bruno Cassirer. Dieser importierte exklusive Trabrennpferde und unterhielt einen Rennstall. Dem materialreichen Katalog, der gemeinsam mit der Kunsthalle Bremen erarbeitet wurde, lassen sich solche Hintergrundinfos zum kulturhistorischen Phänomen Sport in der Kaiserzeit entnehmen. Die kernige Körperertüchtigung der Turnvater-Jahn-Jünger reizte Liebermann nicht. Auch für aggressivere Spielarten wie Fußball oder Boxen konnte er sich, anders als später George Grosz, nicht erwärmen.

Er liebäugelte mit der Idee ein eigenes Boot zu kaufen

Dann schon lieber Segeln! Als Liebermann 1910 seine Wannseevilla bezog, machten auf den Nachbargrundstücken gerade die ersten Segelclubs ihre Boote startklar. Bei schönem Wetter und erst recht an Regattatagen konnte der Maler vom eigenen Steg aus die weißen Segel über den Wannsee gleiten sehen. Ob er die maritimen technischen Details in seinen Bildern korrekt erfasste, war dem Maler schnuppe. Während der französische Impressionist Gustave Caillebotte als begeisterter Ruderer sogar selbst schnittige Rennboote entwarf, blieb Liebermann in Sachen Wassersport Laie. Zwar liebäugelte er mit der Idee, ein eigenes Boot anzuschaffen. Sogar ein Besichtigungstermin wurde gemacht. Aber über einen Kauf ist nichts überliefert.

Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstr. 3. bis 26. 6.; Mi–Mo 11–17 Uhr, ab 1. April 10–18 Uhr, Do / So bis 19 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 39,90 €.

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