Ausstellung "Photo-Poetics: Eine Anthologie" : Schaut her, wir leben!

In Zeiten der Digitalisierung ist die Fotografie omnipräsent. Die Ausstellung „Photo-Poetics“ in der Kunsthalle der Deutschen Bank widmet sich dem Versuch, trotzdem individuell zu sein.

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Kunstwerk von Moyra Davey, Les Goddesses, 2015,
Poetisch wollen die Fotografen auch im digitalen Jahrhundert bleiben so wie Moyra Davey, mit Les Goddesses aus dem Jahr 2015.Foto: Courtesy the artist and Murray Guy, New York

Man kennt das von traumhaften Sonnenuntergängen am Meer oder anderen erinnerungswürdigen Motiven. Die Natur liefert ein Schauspiel – und alle schauen durch den Sucher ihrer Handys oder Kameras. Festhalten, bevor die Sensation vorbei ist! Digitales hält für immer. Das wirkliche Erlebnis aber verpasst man während des Fotografierens.

Solche Gedanken rufen die Arbeiten von Lisa Oppenheim in der Kunsthalle der Deutschen Bank hervor. Sie sind Teil der Ausstellung „Photo-Poetics: Eine Anthologie“ über den Stand der Gegenwartsfotografie in Zeiten der Digitalisierung. Zehn Positionen sollen zeigen, wie Künstler einer jüngeren Generation auf die globale Verfügbarkeit von Fotos im Internet reagieren. Dass auf einmal die Geschichte des Mediums, seine Magie und Traditionen erneut eine Rolle spielen. Aus der zunehmenden Anonymisierung erwächst der Versuch, fotografischem Material ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Lisa Oppenheim tut dies in ihrer Serie „The Sun is Always Setting Somewhere Else“ mithilfe kleinformatiger Fotos von Sonnenuntergängen vor mindestens dreimal so großen Aufnahmen – von Sonnenuntergängen am Meer.

Deutlich sichtbar hält die Hand der New Yorker Künstlerin das eine Motiv vor das andere. Und obwohl schnell klar wird, dass die Orte auf den Bildpaaren nicht identisch sind, verschmelzen sie doch dank der glatten, einheitlichen Linie am Horizont. Für den Hintergrund mit seinem tiefroten Leuchten war Lisa Oppenheim am Strand von Fire Island unterwegs, fast um die Ecke ihrer Stadt. Die anderen, kleinen Bilder hat sie aus dem Internet geladen. Sie stammen von US-Soldaten, die im Irak oder in Afghanistan stationiert sind und mithilfe der Schnappschüsse ihre Zeichen in die Welt senden: Schaut her, wir leben! Und wir sehen dasselbe wie ihr.

Exponate aus dem Solomon R. Guggenheim Museums in New York

Oppenheims Arbeit stammt wie die meisten Exponate der Ausstellung aus der Sammlung des Solomon R. Guggenheim Museums in New York. Vor fünf Jahren hat Jennifer Blessing als Chefkuratorin des Sektors Fotografie mit dem Ankauf von Fotos, Videos und Dia-Installationen begonnen, die auf die digitale Revolution reagieren. Als Kuratorin verantwortet sie nun auch diese leise, sehenswerte Ausstellung.

Als zentrales Kriterium ihrer Wahl nennt sie die Fähigkeit der versammelten Künstler, „die Bilder unserer Gegenwartskultur zum Sprechen“ zu bringen. „The Sun is Always Setting Somewhere Else“ ist ein Paradebeispiel für die kluge, vieldeutige Verschränkung der Wirklichkeit mit Material aus dem Internet. Dennoch hätte sie es wohl nicht auf Blessings Liste geschafft, wenn die Künstlerin sie auf herkömmliche Weise hängen würde. Stattdessen wählte Lisa Oppenheim ein altes Dia-Karussell, das mit hörbarem Klicken alle paar Sekunden einen anderen Sonnenuntergang auf die Wand projiziert. Statt Tiefenschärfe bietet die überholte Technik zarte Farben und fließende Konturen, die Ansichten aus den Kriegsgebieten fallen mit jenen vom Strand zusammen, an dem die New Yorker am Wochenende entspannen.

Kitsch, Kunst, Sehnsüchte und die individuellen Folgen der amerikanischen Politik finden hier zu einer vielstimmigen Erzählung zusammen. In schönen, scheinbar unverfänglichen Fotokompositionen, wie sie typisch für die Künstlerin sind. Ähnliches gilt für Elad Lassry, der Bildobjekte in farbig lackierten Rahmen schafft. Bestückt sind sie mit Motiven der sogenannten Stockfotografie kommerzieller Bildagenturen: mit Katzen, lächelnden Kindern, Gurken oder grünen Kugeln, die sich als Melonen entpuppen und der Illustration diverser Themen dienen sollen.

Weshalb die Motive möglichst unspezifisch, fast ohne Eigenschaften von ihren Fotografen konzipiert sind. Bei Lassry, Jahrgang 1977, werden sie weiter verfremdet. Etwas ratlos steht man vor den Hochglanzmotiven, die jede Interpretation lässig zurückspiegeln. Man fühlt sich angezogen und zugleich enttäuscht. Oder getäuscht wie bei Erin Shirreff, die in großem Videoformat ein Panorama New Yorks mit dem UN-Hauptquartier zeigt. Man wähnt sich auf dem East River, während die architektonische Ikone von Oscar Niemeyer im atmosphärischen Morgendämmer an einem vorbeizugleiten scheint. Dabei hat die aus Kanada stammende Künstlerin ihr Atelier für diese Arbeit von 2010 nicht einmal verlassen, sondern sie aus plastischen Miniaturen technisch raffiniert am Tisch zusammengebastelt.

Dass das UN-Gebäude zwischendurch wie aus einem Katalog abfotografiert wirkt, ist ebenfalls Absicht und reiht Erin Shirreff zusammen mit Erika Baum, Claudia Angelmaier, Anne Collier oder Moyra Davey in jene Anthologie ein, die bei allen Unterschieden der Strategien eines deutlich machen soll. Die digitale Epoche ist längst nicht das Ende einer sinnlichen, poetischen Sprache der Fotografie.

Deutsche Bank Kunsthalle, Unter den Linden 13/15, bis 30. 8., tgl. 10 - 20 Uhr

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