Ausstellung : Schlammschlachten im Kunstraum Bethanien

Eine Annäherung an einen Inselstaat. Glaube, Wälder, Hoffnung: Werke aus Indonesien im Kunstraum Kreuzberg.

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Käfig und Kirche. Ausschnitt aus dem Video „Birdprayers 2“.
Käfig und Kirche. Ausschnitt aus dem Video „Birdprayers 2“.Foto: Nuytemans/Pandjalu

Merapi und Bromo brodeln. Die Vulkane sind seit Wochen aktiv. Sie bringen Indonesien wieder in die Medien, wo das Land zuletzt großes Thema nach den Selbstmordanschlägen 2009 auf zwei Nobelhotels in Jakarta war. Indonesien – das Land scheint uns vor allem fern. Bali ist noch als Urlaubsinsel bekannt, Sumatra als Heimat der Orang-Utans. Außenminister Westerwelle nannte den Inselstaat in seiner Grundsatzrede vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im Herbst einen aufstrebenden Partner der Bundesrepublik. Den würde man gerne besser kennenlernen, nicht nur durch Nennung seiner Rekorde: größtes Archipel der Welt mit tausenden Inseln, viertgrößte Bevölkerung mit 230 Millionen Menschen, größte muslimische Gesellschaft, sechs anerkannte Religionen, 30 ethnische Gruppen. Zudem hat Indonesien einen der artenreichsten Regenwälder der Welt – und der bedrohtesten.

Der Kunstraum Kreuzberg versucht sich Indonesien nun mit seiner Ausstellung „ID – Contemporary Art Indonesia“ zu nähern. Wobei das Zeitgenössische dem Berliner Museums- und Galeriengänger sehr vertraut vorkommen dürfte. Es gibt die typischen Installationen und Videos der globalen Kunstproduktion zu sehen. Die Ausstellung ist eine grenzüberschreitende Koproduktion und Fortsetzung eines künstlerischen Austauschsprojekts, das 2007 auf Java begann und von dem jungen deutsch-indonesischen Kuratorenteam J. C. Lanca und Nya Luong geleitet wird. ID steht nicht nur für Indonesien, Englisch ausgesprochen ist es die Abkürzung für identity, Deutsch gelesen steckt darin „Idee“.

Auf das Nebeneinander der Religionen in Indonesien weisen Sara Nuytemans und Arya Pandjalu in ihrem Video hin. Vier Jungs stülpen sich Pappschachteln über den Kopf, die eine Kirche, eine Moschee, eine Synagoge und einen buddhistischen Tempel darstellen. Mit den Schachteln auf dem Kopf laufen sie nicht nur durch die Gassen indonesischer Vogelmärkte, sondern fahren auch Aufzug am Berliner Alexanderplatz.

Eindeutiger lesbar ist Setu Legis Installation „Tanah Tumpah Darah“ gegen die Abholzung des Regenwalds. Indonesien ist einer der größten Palmöl-Lieferanten der Welt. Für den Rohstoffanbau werden riesige Waldflächen zerstört, wie Legi auf einem Wandteppich anprangert. Im Laufe der Ausstellungdauer wird er eine Fläche davor mit Schlamm auffüllen: als symbolischer Akt für die Erosionen, unter denen das Land wegen der massiven Rodungen leidet. In dem Matsch werden Menschenkopf-Skulpturen versinken, ebenso all jene Palmöl enthaltenden Produkte, die am Boden liegen: Gummibärchen, Schokolade, Penatencreme.

Hermetisch bleibt die Serie der Berliner Zeichnerin Jorinde Voigt. Sie hat ihre Indonesien-Erlebnisse, Geräusche und Bilder, in ein Zeichensystem auf Millimeterpapier verwandelt. Den Code zur Entschlüsselung hat nur sie. Der Betrachter blickt auf abstrakte Strukturen.

Leichtfüßig bearbeitet Prilla Tania in ihrem Stop-Motion-Video eine ganze Fülle von Themen: Landgewinnung, Kolonialisierung, Abgrenzung, Heimat. Da sieht man eine junge Frau, die Pflock um Pflock einschlägt, Stacheldraht ausrollt und die indonesische Nationalfahne hisst. Die Arbeitsmaterialien der Frau sind mit Kreide an eine Wand gezeichnet.

Die Berlinerin Rebecca Raue setzt ebenfalls Kreide ein. Sie verarbeitet ihre Eindrücke aus Indonesien mithilfe von Fotografien, die Yudi Noor gemacht hat. Über die Aufnahme eines Wasserbeckens krakelt sie das Wort „Maternity“, über sich kreuzenden Stromleitungen liest man „Trying to connect“. Die Perspektiven überlagern sich. Anna Pataczek

Kunstraum Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 13. Februar; Mo-So 12-19 Uhr. Der Katalog kostet 15 €.

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