Ausstellung zu Giorgio Bassani in Berlin : Geschichten aus Ferrara

Er hat sich nicht gescheut, den Alltag im faschistischen Italien zu schildern: Zum 100. Geburtstag widmet das Italienische Kulturinstitut Giorgio Bassani eine Ausstellung.

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Aufmerksamer Beobachter und unnachgiebiger Chronist: Der italienische Schriftsteller Giorgo Bassini.
Aufmerksamer Beobachter und unnachgiebiger Chronist: Der italienische Schriftsteller Giorgo Bassini.Foto: picture-alliance / dpa

Über die norditalienische Stadt Ferrara hat einmal jemand gesagt, sie sei so angelegt, dass man dort glücklich sei. Es hänge zusammen mit der idealen Länge der großen Straßen und der Art, wie sie einander kreuzen, mit der Stellung der Häuser und Villen zueinander, wie auch immer: Man spürt etwas sonderbar Angenehmes, wenn man nach Ferrara kommt, über den alten Stadtwall radelt oder vom Castello Estense zum Dom spaziert. Michelangelo Antonioni wurde hier geboren, seine frühen Filme atmen den Dunst der Po-Ebene und der Stadt, die auch eine Hochburg der italienischen Faschisten war.

Ferrara hat das historische Glück, heute vor allem mit dem Werk Giorgio Bassanis identifiziert zu werden. Der Ferrareser Schriftsteller hat sich nicht gescheut, den Alltag im faschistischen Italien zu beschreiben. Zum 100. Geburtstag widmet das Instituto Italiano di Cultura in Berlin Bassani eine kleine Ausstellung, einen „Spaziergang durch die innere Stadt“, dazu gibt es Lesungen, eine Bassani-Konferenz an der Freien Universität und Filme. „Brille mit Goldrand“ ist der bekannteste, er basiert auf dem gleichnamigen Roman, in dem Bassani die Geschichte eines schwulen Arztes erzählt, der sich in der Mussolini-Zeit in einen Studenten verliebt. Bassanis anderer großer Roman, „Die Gärten der Finzi-Contini“, schildert das Leben einer reichen jüdischen Familie im faschistischen Ferrara.

Es ist heute noch manches wiederzufinden, wenn man das richtige Zeitmaß findet für die Stadt. Darin liegt eines ihrer Geheimnisse. Hektisch lässt sie sich nicht ablaufen. Bassanis nobler, ruhiger Stil macht alles noch ungeheuerlicher – Selbstmord, Deportation, Verrat. Wie bei allen großen Schriftstellern ist sein Thema die Zeit.

Sehr nahe gehen die „Ferrareser Geschichten“, wie fast alles von ihm im Verlag Klaus Wagenbach erschienen, der sich um so viele italienische Autoren verdient gemacht hat. Giorgio Bassani, der bis zu seinem Tod im Jahr 2000 in Rom lebte, hat selbst Verlags- und Literaturgeschichte geschrieben. 1958 brachte er als Lektor bei Feltrinelli „Il Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa heraus; bald darauf verfilmt von Luchino Visconti mit Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale. Di Lampedusa, Visconti, Bassani – da hat man die italienische Geschichte der letzten 150 Jahr beieinander, von Nord nach Süd. Man will sofort abreisen.
Ausstellung bis 8. Juli, Italienisches Kulturinstitut, 10785 Berlin, Hildebrandstraße 2, www.iicberlino.esteri.it

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